Im Fernsehen scheint es manchmal so, als sei Regieren sehr einfach. Da verkündet Bundesfinanzminister Olaf Scholz in der ARD-Talkshow Anne Will: "Ich bin davon überzeugt, dass die befristete Beschäftigung zurückgedrängt werden muss." Und fügt an: "Ich habe angewiesen, dass wir für alle Behörden und Folgebehörden der Bundesrepublik Deutschland die Zahl der sachgrundlos befristeten Beschäftigungsverhältnisse zum Beispiel einmal durchschauen und dafür sorgen werden, dass die Befristungsquoten gesenkt werden." So läuft das: Der Minister ordnet an, schon gibt es weniger befristete Arbeit.

Beim Millionenpublikum dieser Sendung in der vorvorigen Woche dürfte das gut angekommen sein. Denn befristete Arbeitsverträge gelten vielen als ein sozialpolitischer Skandal. Vor allem junge Leute litten darunter, heißt es häufig. Wie solle jemand ohne festen Arbeitsvertrag eine Familie gründen oder ein Haus bauen? "Gute Arbeit", mahnte DGB-Chef Reiner Hoffmann am 1. Mai, sei "ordentlich bezahlt und unbefristet".

Glaubt man Olaf Scholz’ Ankündigung, wird die Bundesregierung nun endlich für mehr "gute Arbeit" sorgen. Das hat sie auch in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen. Dem zufolge sollen Befristungen ohne gesetzlich anerkannten Grund – also etwa bei einer Schwangerschaftsvertretung – nur noch selten erlaubt sein. Arbeitgeber mit mehr als 75 Beschäftigten sollen künftig höchstens 2,5 Prozent ihrer Belegschaft so anstellen dürfen. Bei 75 Mitarbeitern entspräche das einer Stelle. Daneben sollen Kettenbefristungen eingeschränkt werden. Klare Botschaft: Die Regierung tut etwas gegen die vielen Befristungen.

Im Unterholz der realen Arbeitswelt sehen die Dinge allerdings weniger übersichtlich aus. Denn ein anderes Vorhaben der großen Koalition könnte sogar für mehr statt weniger befristete Stellen sorgen – also für mehr "schlechte" Arbeit. Arbeitnehmer sollen ein neues Recht auf befristete Teilzeit bekommen. Für bis zu fünf Jahre dürfen sie ihre Arbeitszeit reduzieren, um dann wieder auf Vollzeit zurückzukehren. In vielen Fällen wird das bedeuten: Der Arbeitgeber muss jemand anderen befristet einstellen, der in der Teilzeitphase die Lücke füllt. Das Gesetz erhöht also den Bedarf an Zeitverträgen.

Das Phänomen ist nicht neu: Schon seit Jahren schafft die Politik immer mehr Angebote für vorübergehende Auszeiten. Elternzeit, Pflegezeit, Familienpflegezeit und jetzt "Brückenzeit". Zuletzt erkämpfte die IG Metall unter viel Applaus für die vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie auch noch einen tariflichen Anspruch, zeitweilig die Arbeitszeit senken zu dürfen. Die Kehrseite all dieser Errungenschaften: Häufiger wird nun eine Vertretung gebraucht – befristet. So fördert ausgerechnet eine als fortschrittlich und familienfreundlich gepriesene Politik die als familienfeindlich gebrandmarkten Fristverträge.

Im Bereich des Familienministeriums gibt es besonders viele befristete Verträge

SPD und Gewerkschaften versuchen nun, zwischen guter und schlechter Befristung zu unterscheiden. Schlecht sind demnach die Fristverträge ohne Sachgrund, sie gelte es zu unterbinden. Experten vermuten aber, dass die Arbeitgeber dann eben häufiger Befristungen mit Sachgrund wählen werden. Damit wäre wenig gewonnen. Für Betroffene, die eine Familie gründen wollen, macht das ohnehin keinen Unterschied. Ihre Lage ist in beiden Fällen gleich wackelig. Allerdings soll eine Befristung ohne anerkannten Sachgrund künftig nur für maximal 18 Monate zulässig sein, also für recht kurze Zeit, während die "gute" Befristung sich über fünf Jahre erstrecken darf. Ist das wirklich besser?

Es bleibt wohl ein unlösbares Dilemma, dass befristete Verträge Unsicherheit für die Betroffenen bedeuten, aber aus vielen Gründen gewollt sind. Das gilt auch für Spezialfälle wie die Saisonarbeit, für Künstler, Fußballer, Zeitsoldaten, Wissenschaftler oder bei Jobs für ältere Arbeitslose. Und vor allem brauchen viele Firmen und Behörden auch eine gewisse Flexibilität. Deshalb tut sich die Bundesregierung im wahren Leben, jenseits der Talkshows, schwer damit, die Befristungen wirklich zu reduzieren. Sie sind selbst im Verantwortungsbereich vieler Ministerien verbreitet, auch ohne Sachgrund. Bei einer Erhebung im vergangenen Jahr erwies sich ausgerechnet das Familienministerium (inklusive nachgeordneter Behörden) mit fast 14 Prozent sachgrundlos befristetem Personal als Spitzenreiter, aktuell sind es dort elf Prozent.

Wird das jetzt alles anders? Frage an das Bundesarbeitsministerium: Soll die im Koalitionsvertrag vorgesehene Obergrenze für sachgrundlose Befristung von 2,5 Prozent auch für öffentliche Arbeitgeber gelten? Antwort: Können wir noch nicht sagen. Frage an das Bundesfinanzministerium: Richtete sich die "Anweisung" von Olaf Scholz wirklich an alle Behörden in Deutschland, und auf welchen Wert will er den Befristungsanteil denn senken? Antwort: Die Anfrage ging an die anderen Ressorts der Bundesregierung (also nicht an die Länder und Kommunen, die weit mehr Menschen beschäftigen). Und es sei dem Finanzministerium "ein wichtiges Anliegen", den Anteil befristet Beschäftigter "gering" zu halten. So forsch wie im Fernsehen klingt das nicht.