Wieder und wieder scheitern hierzulande große Bildungsreformen. Jüngst etwa die Verkürzung der Gymnasialzeit in Westdeutschland (G8 statt G9), die in den meisten Ländern nach anhaltenden Protesten vieler Eltern und Lehrer zurückgenommen wurde. Oder allgemeine Studiengebühren: Sechs Länder führten sie ein, inzwischen wurden sie überall wieder abgeschafft. Die sogenannte Bologna-Reform, also die Umstellung der Diplom- und Magister-Studiengänge auf das gestufte Bachelor-Master-System, ist zwar nicht gescheitert – wichtige Ziele aber wurden nicht erreicht: Noch immer betreuen zu wenige Professoren die Studenten, und wie früher brechen zu viele von ihnen ihr Studium vorzeitig ab.

Warum nur erleiden so viele Reformen an Schulen und Universitäten Schiffbruch?

1. Schnell-Schnell trifft auf Langsam

In der Bildungspolitik treffen zwei Welten aufeinander, die vollkommen unterschiedlich getaktet sind. In der Welt der Politik geht es darum, möglichst schnell sichtbare Erfolge zu erzielen, weil schon bald die nächste Wahl vor der Tür steht. Der Politik gegenüber stehen aber mit den Schulen und Hochschulen Institutionen, die unabhängig vom Parteibuch des Kultusministers Tag für Tag ihren Bildungsauftrag gegenüber den Schülern und Studenten erfüllen müssen. Das professionelle Handeln der Lehrer und Hochschullehrer ist stärker durch langjährige Berufstraditionen geprägt als durch alles andere. Man mag das als Langsamkeit oder Trägheit kritisieren. Aber dieses Beharrungsvermögen verleiht den Bildungsinstitutionen erst jene Stabilität, die sie brauchen, um jenseits aller politischen und pädagogischen Moden ihre Aufgabe zu erfüllen. Wie wirkungsmächtig die Tradition ist, sieht man daran, dass G8 in den östlichen Bundesländern seit Jahrzehnten unproblematisch praktiziert wird, derweil es im Westen von vielen als Katastrophe empfunden wird.

2. Schulen sind keine Maschinen

Viele Politiker und Bildungswissenschaftler (und Journalisten!) haben – oft unbewusst – die fixe Idee, man könne das Bildungswesen verbessern, indem man einen Hebel umlegt. Die Bildungsingenieure gehen dann daran, neue Schulformen zu erfinden, neue Formen des Unterrichts zu propagieren, die Schulzeit auf den ganzen Tag auszudehnen, die Studiengänge umzubauen – und wundern sich anschließend darüber, dass die Segnungen dieser wohlgemeinten Reformen ausbleiben. Mit ihrem mechanistischen Weltbild werden sie der Komplexität der Bildungsinstitutionen nicht gerecht. Die Schulen und Hochschulen sind lebendige Organismen. Wer sie verbessern will, der braucht keine Bildungsmechaniker, sondern Bildungsgärtner, die mit viel Geduld säen und pflegen, damit dann eines Tages ihre Nachfolger ernten können. Nicht ohne Grund sind deshalb Länder wie Bayern oder Hamburg recht erfolgreich: Bayern traditionell, weil dort viele Reformen sehr behutsam umgesetzt wurden; Hamburg neuerdings, weil sich die Parteien zumindest auf einen mehrjährigen "Schulfrieden" geeinigt haben, um nicht bei jedem Regierungswechsel die nächste Reform durch die Stadt zu jagen.

3. Das reformerische Subjekt fehlt

Bildungsreformen können am besten durchgesetzt werden, wenn sie einen sozialen Träger haben, wenn es also Menschen ("Betroffene", um dieses unschöne Wort einmal zu gebrauchen) gibt, die sich aktiv dafür einsetzen, weil sie von deren Nutzen überzeugt sind. Das gelingt im Bildungswesen aber so gut wie nie; dort sind Reformen "von oben" die Regel. Die Studiengebühren etwa hatten das Ziel, den Studenten eine bessere Lehre zuteilwerden zu lassen. Für die Studenten wurden aber zunächst die Gebühren fällig. Dass die nachfolgende Studentengeneration dann vielleicht in den Genuss besserer Seminare und Tutorien kommen könne, war kein überzeugendes Mobilisierungsargument.

4. Die Anreize fehlen

Man muss die maßgeblichen Kräfte an den Schulen und Hochschulen von den Reformen überzeugen, zumindest muss man sie neutralisieren. An den Hochschulen sind das die Professoren, an den Schulen die Lehrer, als politische Kraft zusätzlich die Eltern. Oft gelingt das den Bildungspolitikern nicht, vielfach versuchen sie es nicht einmal. Ein Universitätsprofessor etwa, der sich für eine bessere Lehre im Rahmen des Bachelor-Master-Studiums engagiert, wird dafür (von ein paar Ausnahmen abgesehen) nicht belohnt. Sein Einkommen, seine Karriere, seine Reputation hängen allein von seinen Forschungsleistungen ab. Kein Wunder, dass die Profs vielerorts die Bologna-Reform nur widerwillig umgesetzt haben. Auch für die Lehrer sprang bei der Gymnasialzeitverkürzung (G8) nichts raus. Wenn es für die zentralen Akteure einer Institution keine Anreize gibt, warum sollten sie sich für Veränderungen einsetzen? Und auch die meisten Eltern, die Wahlen entscheiden können, wurden von G8 nicht überzeugt, vielmehr wurde es handstreichartig eingeführt.

5. Das Handwerk ist schlecht

Fast alle Experten hatten den Bildungspolitikern sogenannte nachgelagerte Studiengebühren empfohlen, einkommensabhängige Gebühren, die erst nach dem Studium fällig werden. Stattdessen entschieden sich alle Gebührenländer für sofort zahlbare Studienbeiträge. Die Gymnasialzeitverkürzung wiederum hätte die große Chance bedeutet, in aller Ruhe neu über das Kerncurriculum nachzudenken, also darüber, was die Abiturienten in der Welt von heute wissen und können müssen. Stattdessen stopften die Schulminister den Stoff von neun Jahren in acht Jahre. Auch an vielen Hochschulen wurde einfach der Stoff der Diplom- und Magister-Studiengänge in die neue Bachelor-Master-Struktur umgefüllt.

6. Die Nostalgiker bestimmen den Diskurs

Oft scheitern Reformen nur im Kopf ihrer Gegner. Den Studenten in den Bachelor- und Masterstudiengängen geht es, davon zeugen Umfragen, nicht schlechter als jenen in den früheren Diplom- und Magister-Studiengängen. Schrecklich misslungen finden die neue Studienstruktur vor allem jene, die ihr Studium von damals nostalgisch verklären. Sie vergessen gern, dass sie zu den Glücklichen gehören, die durchgehalten haben. Jene Ex-Kommilitonen, die damals ihr Studium abgebrochen haben (in manchen Studiengängen 75 Prozent), spielen im öffentlichen Diskurs keine Rolle.

7. Die Erfolge bleiben unsichtbar

Gelungene Reformen bleiben oft unsichtbar, weil sie sich politisch und publizistisch nicht ausschlachten lassen. So sind die Englischleistungen der deutschen Schüler durch einen anderen Unterricht viel besser geworden. Auch in Mathematik und den Naturwissenschaften konnten sie durch neue Lehrmethoden seit der ersten Pisa-Studie zulegen. Das Bildungssystem ist sogar sozial gerechter geworden. Auch der Journalismus muss also seine Hausaufgaben machen.