Dieser Tage wird die Bologna-Reform 20 Jahre alt. "Bulimie-Lernen" und "Schmalspur-Studium", schimpfen die Kritiker. Wie provinziell! In Wahrheit ist die Reform ein großes Glück.

Der erste Abschluss

Ich betrat das Paradies im Herbst 2001. Es war grau und eng und stank nach Schweiß. Mit über hundert Kommilitonen quetschte ich mich in die Einführungsveranstaltung der Geschichtswissenschaften an der Uni Hamburg. Ein Dozent begrüßte uns. Er sagte, dass wir uns sicher fragten, was wir später mit diesem Magister anfangen sollten. Und dass das berechtigt sei, denn so ein Magister sei ja alles und nichts. Wir sollten uns davon aber nicht abschrecken lassen. "Wenn Sie ordentlich Praktika machen, können Sie über Kontakte einen Job bekommen. Etwa als Archivar."

So begann mein Magisterstudium an der Universität Hamburg.

Der Magister dürfte in den kommenden Wochen viel Lob erfahren. Genau wie das Diplom. Es wird oft die Rede sein von der Tiefe des deutschen Magisters und der Brillanz deutscher Diplom-Ingenieure. Noch öfter aber wird die Rede sein von der Reform, die dieses Paradies zerstörte: Bologna. Auch bekannt als Schmalspur-Studium, Bulimie-Lernen oder einheitliche Infantilisierung.

Alles Bezeichnungen, mit denen die Einführung von Bachelor und Master in den vergangenen zwanzig Jahren bedacht wurde. Von Hochschulfunktionären, von Intellektuellen oder von Professoren, die sich für Intellektuelle halten. Von Nutznießern des alten Systems.

Das Mobiliar so fragil wie die kubanische Revolution

Die Frösche preisen den Sumpf als Paradies. Für den Rest bleibt es ein Sumpf. Der Rest, das waren wir Studenten.

Nach der Einführungsveranstaltung belegte ich Kurse in Jura und VWL, um auf der sicheren Seite zu sein, manche Kommilitonen begannen gleich ein komplettes Zweitstudium. Mein wichtigstes Geschichtsseminar fand im zweiwöchentlichen Wechsel statt, weil es überbelegt war. Vor der zentralen Uni-Beratungsstelle wartete ich mehrere Stunden und wurde bei jeder Frage auf andere Ansprechpartner verwiesen. Immerhin schienen meine Fachschaftsvertreter zufrieden. Sie saßen in einem Café, das Schweinebucht hieß und dessen Mobiliar ebenso fragil war wie die kubanische Revolution. An den Wänden Kritzeleien, auf dem Boden Flecken und auf den Sofas Vertreter wie Sören, der auch nach einem guten Dutzend Semestern nicht wusste, wann sein Studium endete, dafür aber mehrere slawische Sprachen gelernt hatte.

Es wirkte, als ob der Betrieb in den Siebzigern zum Stillstand gekommen sei. Sogar die Menschen auf den Fluren schienen sich in Zeitlupe zu bewegen. Humboldt? Ja, in Aspik.

Nach einem Semester floh ich und landete in England, wo ich Internationale Beziehungen studierte. Auf Bachelor. Während meines universitären Exils baute Rot-Grün das Land um. Die Agenda 2010 veränderte das Sozialsystem. Zuwanderer und Homosexuelle bekamen mehr Rechte. Atomkraft wurde abgebaut, Ganztagsbetreuung ausgebaut. Auch die Universitäten wurden reformiert. Nach angelsächsischem Vorbild.

"Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker."
Horst Hippler, Chef der deutschen Hochschulrektoren

29 europäische Bildungsminister unterzeichneten am 25. Mai 1998 die Sorbonne-Erklärung. Ein Jahr später trafen sie sich in Bologna und besiegelten die gemeinsame Umstellung ihrer Hochschulsysteme auf Bachelor und Master. Das Studium sollte internationaler und kürzer werden und besser auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Bologna war eine Absage an Elfenbeinturm und Provinz, eine Hinwendung zu Dynamik und Globalisierung.

Der Aufbruch führte zu Aufruhr. In der Republik wie an den Universitäten. Studentenvertreter protestierten und klagten über Verschulung und Prüfungsstress. Professoren schimpften über Bürokratie, Ökonomisierung und Niveauverfall. Mancher verstieg sich gar zu der Behauptung, es sei unmöglich, in Fächern wie Geschichte ein halbes Dutzend gute Hausarbeiten pro Semester zu schreiben. Und der Chef der deutschen Hochschulrektoren, Horst Hippler, ätzte: "Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker."

Verschult?

In England bekam ich von alldem nicht viel mit. Weil ich von morgens bis abends studierte. Der strukturierte Bachelor machte es möglich. Kurse wählte ich online aus, die Literaturliste lag auf einem Server, und wenn ich etwas brauchte, rief ich im Büro des Departments an.

Verschult? Vielleicht. Ganz sicher aber ein effizientes Studium, das mir Zeit für das Wesentliche gab. Für Erkenntnisse.