Boris Palmer ist der tragische Held unserer Tage. Der grüne Bürgermeister von Tübingen beschwerte sich vor einigen Wochen über einen rüpelhaften Radfahrer in der Fußgängerzone. Er schrieb auf seiner Facebook-Seite, dass es sich um einen Flüchtling handeln müsse, da der Mann schwarz gewesen sei und sich an keine Regeln gehalten habe. Schon beim Tippen dieser wenigen Worte hätten bei einem Parteimitglied der Grünen alle Alarmsirenen heulen müssen. Die drei Wörter "schwarz", "rüpelhaft" und "Flüchtling" sind die zuverlässigste Formel, um einen Shitstorm zu entfachen, in dem die drei Wörter "Rassismus", "fremdenfeindlich" und "Hetze" ausufernd wiederholt werden. Dass Boris Palmer das nicht gewusst haben soll, ist schwer zu glauben. Warum hat er also diesen vorhersehbaren Eklat provoziert?

Auf dem Höhepunkt der Aufregung gab Palmer ein Interview, in dem er sich für seine tatsächlich sehr unglückliche Wortwahl entschuldigte, da sie dem alltäglichen und unreflektierten Rassismus allzu leichtsinnig Raum gab. Diese Richtigstellung ist notwendig, um seine eigentlichen Gedanken besser zu formulieren. Über zwei von ihnen lohnt es sich länger nachzudenken. Zum einen beschreibt Palmer ein Missverhältnis zwischen den alltäglichen Beobachtungen, die die Einwohner seiner Stadt machen, und ihrer Not, dass sie diese nur noch unter dem Mantel der Verschwiegenheit mitteilen mögen. Den zweiten Gedanken bezeichnet er selbst als eine tragische Situation. Denn durch die Migrationsströme der letzten Jahre ist gerade die Gruppe von Menschen, die durch ihre Hautfarbe einem alltäglichen Rassismus ausgesetzt sind, durch die Gewaltbereitschaft eines Teils der neu Hinzugekommenen unter noch größeren Verdacht geraten. Er attestiert also eine Beschreibungslücke, durch die das unsoziale Verhalten eines Teils der Flüchtlinge nicht mehr öffentlich besprochen werden kann, und eine Verschlechterung des Ansehens aller Flüchtlinge aufgrund des unsozialen Verhaltens einer Minderheit.

Das moralische Getöse

Man könnte meinen, dass es sich hierbei um eine paradoxe Situation handelt. Denn wenn das Fehlverhalten gar nicht öffentlich besprochen werden kann, kann doch nicht zugleich dieses verheimlichte Fehlverhalten zu einem generellen Verdacht gegenüber Flüchtlingen führen. Die Antwort auf diese Paradoxie liegt jedoch genau darin, dass die Verhinderungsversuche auf der einen Seite zu einem wachsenden Argwohn auf der anderen Seite führen. Wenn jede Beschreibung von Fehlverhalten mit dem Rassismusvorwurf zum Schweigen gebracht wird, führt das notwendig dazu, dass sich alltägliche Beobachtungen andere Kanäle suchen.

Boris Palmer ist darum ein tragischer Held, weil er seine eigene Reputation geopfert hat, um diesen paradoxen Mechanismus ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Ob das Kokettieren mit den rassistischen Klischees dafür notwendig war, wage ich zu bezweifeln. Der Effekt, den er damit ausgelöst hat, ist dennoch wichtig. Auf der gleichen Messerklinge des Sagbaren tanzt sonst nur Sahra Wagenknecht. Zuletzt hat sie bei ihrem Einsatz für die Mitarbeiter der Essener Tafel bewiesen, dass es auch ohne falsche Töne gehen kann.

Dort hatten aufgrund des sprunghaften Anstiegs von Flüchtlingen und ihres teilweise rüpelhaften Benehmens die Mitarbeiter beschlossen, vorläufig keine weiteren Flüchtlinge mehr aufzunehmen. Der Aufschrei war auch hier vorhersehbar, und selbst Angela Merkel stimmte in den Chor der Empörten ein. Erst als Sahra Wagenknecht in der Entscheidung der Essener Tafel den Hilferuf hörte, konnte man die Verlogenheit der Moralisten erkennen. Die Kanzlerin, die als schwäbische Hausfrau für knappe Kassen bei den Sozialleistungen und gleichzeitig für den Zustrom von über einer Million neuer Anspruchsberechtigter verantwortlich ist, verteilte moralische Haltungsnoten an diejenigen, die die Folgen ihrer Politik ausbaden müssen. Plötzlich wurde in dem Skandal ein wesentlicher Punkt deutlich, den die Tugendwächter gerne vergessen machen wollen. Das moralische Getöse dient vor allem der Ablenkung von der eigenen Verantwortung. Es ist halt sehr viel billiger, einem Mitarbeiter der Tafel Rassismus vorzuwerfen, als die staatliche Unterstützung so auszustatten, dass es keine Tafeln braucht.

Der finanzielle Vorteil durch moralische Vorwürfe ist heute eine innige Kollaboration mit den Moralvirtuosen eingegangen, deren Selbstwert immer dann steigt, wenn sie ihrer Empörung freien Lauf lassen dürfen. Scheinheiligkeit und Hypermoral bilden eine Front, der sich die wenigen tragischen Helden unserer Zeit entgegenstellen. Wenn sie eines Tages mundtot gemacht sind, dann bleiben uns nur noch die Kriegsgewinnler in Gestalt der neuen Rechten. Diese haben das Spiel schon lange durchschaut. Und während sie dem wechselseitigen Gemetzel im Lager der Linken und Liberalen entspannt zusehen, nutzen sie die Erregungsspiele rücksichtslos für ihre ganz anderen Interessen aus. Jeder Schmähartikel gegen Boris Palmer, der ihn als Rassisten beschimpft, und jeder Vorwurf gegen Sahra Wagenknecht, sie verfolge einen sozialen Nationalismus, stärkt darum vor allem die Provokateure von rechts.

Eine gute Portion Realismus und Pragmatismus

Gesellschaften, die in eine Phase des Stillstands geraten sind, scheinen immer mehr Angst vor sich selbst zu bekommen. Eine der Ursachen für diese Angst ist, dass die Bereiche immer größer werden, die tabuisiert sind und zugleich eine alltägliche Irritation darstellen. Je schärfer die Tabus bewacht werden, desto sprachloser werden die Menschen gegenüber ihren alltäglichen Beobachtungen. Am Beginn der Aufklärung steht wie am Anfang jeder individuellen Emanzipation die Eroberung der Sprache. Nur wer sich selbst und sein Leben besprechen kann, kann einen angemessenen Platz in der Welt finden. Wird die Sprache so stark kontrolliert, dass mit ihr die wichtigen Ereignisse nicht mehr beschrieben werden können, so entstehen Verbitterung, Wut und subkulturelle Milieus, die sich gegen die Gesellschaft abschotten.

Die Entwicklung der letzten Jahre lässt befürchten, dass im Zentrum des Liberalismus immer mehr fundamentalistische Kräfte entstehen. Der Islamismus mag importiert sein, der empörte Moralismus ist ein heimisches Gewächs. Seine Auswirkungen auf die deutsche Öffentlichkeit sind deutlich schlimmer als der noch immer versprengte religiöse Fanatismus. Eine seiner schlimmsten Folgen besteht darin, dass die Bereiche der Sprachlosigkeit immer schneller zu Räumen der Ohnmacht werden.

Soll diese Ohnmacht nicht durch rechte Lösungen zu neuer, alter Stärke finden, dann braucht es viel mehr tragische Helden und vor allem Mitbürger, die ihnen im Shitstorm beistehen. Und es braucht Vorschläge, wie öffentlich über ein Fehlverhalten von Flüchtlingen diskutiert werden kann, ohne dass automatisch der Vorwurf des Rassismus ertönt. Die deutsche Gesellschaft steht erst am Anfang eines langen Weges, auf dem sie eine öffentliche Sprache für die Verwerfungen in einer globalisierten Welt sucht. Wie schrecklich schief das gehen kann, ist aktuell in den USA zu beobachten, wo Identitätspolitik und Neoliberalismus zu einer so tiefen Spaltung des Landes geführt haben, dass nur noch extrem polarisierende Politiker an die Macht gelangen.

Auftrumpfende Moral ist stets die größte Ursache für Streit. Das beste Gegenmittel ist eine gute Portion Realismus und Pragmatismus. Über beides scheinen unsere tragischen Helden zu verfügen. Dass sie aus genau diesem Grund diffamiert werden, sollte zumindest den wacheren Zeitgenossen unter ihren Kritikern zu denken geben.