Carla Brunners Eltern hatten ihre Tochter gewarnt, als sie in die fünfte Klasse dieses ganz besonderen Gymnasiums kam: "Jetzt wird es echt hart", gaben sie ihr mit auf den Weg. "Na ja, das wurde es dann eigentlich nicht", sagt Carla Brunner lakonisch. Heute besucht sie die elfte Klasse, schreibt nebenbei schon Klausuren an der Mathematischen Fakultät der Universität. Doch während Studenten diese Klausuren tagelang vorbereiten können, muss Carla sich abends und am Wochenende durch die Skripte arbeiten. Auf ihrem Stundenplan stehen schließlich noch eine ganze Reihe anderer Fächer.

Welche Schule erlaubt ihren Schülern das? Das Carl-Zeiss-Gymnasium in Jena, oft liebevoll "Spezi" genannt – eine Spezialschule für Mathematik und Naturwissenschaften mit 500 Schülern, ein Drittel davon Mädchen. Ab der neunten Klasse können Schüler aus ganz Thüringen dort sogar ins Internat gehen. Das "Spezi" wurde 1963 gegründet. Lange bevor man im Westen den Mint-Mangel beschwor – Mint steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik –, entstanden in der DDR Spezialschulen. Die erste in Jena, man brauchte Fachkräfte für den volkseigenen Betrieb Carl Zeiss.

Wundersamerweise haben die meisten Spezialschulen die Wende überlebt. Da ihre Art der selektiven Begabtenförderung im bundesdeutschen System nicht vorgesehen ist, schlossen sie sich meist mit bestehenden Gymnasien zusammen. Passionierte Mathe-Lehrer kämpften dabei hartnäckig für ihr erfolgreiches Modell. Sie schrieben, wie der Jenaer Schulleiter, an Kanzler Kohl oder an die Brüder Weizsäcker, der eine Präsident, der andere Physiker. Heute gilt das "Spezi" vielen als beste Mathe-Schule Deutschlands.

Kann man etwas von ihr lernen, um Mint im ganzen Land, auch an den Universitäten und Hochschulen, populärer zu machen?

Schulleiter Carsten Müller, promoviert in der Geometrie, gibt sich bescheiden. "Wir haben ganz normale Schüler. Unser Ziel ist Fördern durch Fordern", sagt er. Ein einfaches, aber ebenso anspruchsvolles Ziel, das offenbar erfolgreich ist: Es gibt keine Mathematik-Olympiade, von der seine Schüler nicht mit vielen Auszeichnungen zurückkehren. So hat etwa Carla Brunner in den Klassen acht und neun die Bundesrunde gewonnen und war damit die Beste ihrer Altersgruppe in Deutschland.

Betritt man die Schule, wundert einen nicht nur die Ruhe und Ordnung der Schüler, die ihre Köpfe zusammenstecken, sondern allerlei "Kunst am Bau", was hier besser "Mathe im Bau" hieße. Im Eingangsbereich sieht man ein Rechteck aus Kacheln, das in verschiedenfarbige Rechtecke zerlegt ist. Betrachtet man die Teilrechtecke genauer, erkennt man, dass sie jeweils gleiche Seitenverhältnisse haben, nämlich 1:2, 2:4, 3:6 bis hin zu 10:20. Nimmt der Schüler nun das gesamte Rechteck in den Blick, erscheint dieses als 18:36-Rechteck. Das große Rechteck lässt sich perfekt zerlegen. Solche Kunst gibt es überall, im zentralen Hof sind Kegelschnitte, Kreise, Ellipsen, Scheitelpunkte, Parabeln, Hyperbeln dargestellt. Auch ein riesiges Schachfeld gibt es. Vier Tische demonstrieren, welche n-Ecke mit Zirkel und Lineal konstruierbar sind. Euklid hat sich vor mehr als 2.300 Jahren darüber den Kopf zerbrochen. Und so findet man hier in Granit das gleichseitige und gleichwinkelige Fünfeck und nicht weit entfernt, ebenso in Granit gezeichnet, das 17-Eck, das 2.000 Jahre später ein 18-jähriger Schüler namens Carl Friedrich Gauß erkannte. Um die Außenkanten dieses 17-Ecks sind die Namen der Jahrespreisträger des Fördervereins der Schule angebracht. An einem zehneckigen Tisch ist ein Schüler verewigt, der achtmal am internationalen Känguru-Wettbewerb teilgenommen hat und dort 1.100 Punkte erzielte.