Endlich! Warum erst jetzt? So fragt man sich angesichts der überfälligen Recherche von Annette Leo zu den Hintergründen dieses Klassikers der DDR-Literatur: Bruno Apitz’ Buchenwald-Roman Nackt unter Wölfen war östlich der Elbe die antifaschistische Bibel. Der KZ-Überlebende Apitz erzählte eine Heldensage: Kommunistische Häftlinge retten ein jüdisches Kind. 2012 edierte der Aufbau-Verlag eine kommentierte Neuausgabe. Sie enthält auch jene Passagen, die der Autor streichen oder ändern musste, bevor sein Buch 1958 erscheinen konnte. Denn zwei Dogmen waren damals heilig: die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald und die heroische Rolle der kommunistischen Lagerorganisation.

Apitz wollte eigentlich deutlicher beschreiben, wie auch die Opfer moralisch dem Gesetz der Hölle unterlagen. So hatte die SS die Selbstverwaltung des Lagers den politischen Häftlingen übertragen. Auch Kommunisten mussten somit schuldig werden, wenn sie Genossen schützten, etwa bei der Zusammenstellung von Häftlingstransporten. Das jüdische Buchenwald-Kind gab es wirklich. Es hieß Stefan Jerzy Zweig und überlebte – weil dafür jemand anders nach Auschwitz kam: das "Kind auf der Liste". Besagte Liste vom 25. September 1944 umfasst 200 Namen. Der letzte ist durchgestrichen: St. Zweig. An seiner Stelle starb der 16-jährige Sinto Willy Blum.

Ein einziges Foto existiert von ihm, ein Gruppenbild von 1930. Vor einem Wohnwagen posieren sechs Erwachsene, zehn Kinder und ein Hund: die sächsischen Marionettenspieler-Familien Härtel und Blum. Die elfjährige Anna Blum trägt ihren kleinen Bruder Willy. Individuelle Quellen über dessen kurzes Leben gibt es kaum. Annette Leo hat ihr Buch als Familiengeschichte angelegt, zugleich als Report über "zigeunerische" Existenz im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Etwa 500.000 Sinti und Roma – "Volksfremdlinge", deren Blut dem deutschen "nicht artverwandt" sei – wurden Opfer der NS-Rassenideologie. Die Verfolgung der Familie Blum ist typisch, Willys Ermordung nur ein Exempel. Der Junge ging freiwillig auf seine letzte Reise. Auf Betreiben kommunistischer Häftlinge gab es in Buchenwald einen Kinderblock, der etwa 150 Minderjährigen etwas bessere Überlebenschancen bot. Dennoch schickte die SS auch Kinder auf Vernichtungstransporte, so Willy Blums zehnjährigen Bruder Rudolf. Überlebende berichteten, der Kleine habe nach Willy gerufen: Komm doch, wir kommen in ein Heim, da kriegen wir Weißbrot und Milch! Das habe Willy das Herz gebrochen. Er lief hinüber zu den Todgeweihten, fasste Rudolf an der Hand und blieb bei ihm, bis Auschwitz.

Etliche Angehörige der Familie Blum überstanden den Krieg. Annette Leo schildert, welch ekelhaften Prozeduren die Davongekommenen ausgesetzt wurden, bevor man ihre Leiden anerkannte. Die Zeiten des Wohnwagens und der Puppen-Wanderbühnen waren vorbei, nicht die Zeiten der Diskriminierung. Tragischerweise verstellt der Holocaust oft das Martyrium der Sinti und Roma. Möge dieses Buch helfen, das zu ändern.

Annette Leo: Das Kind auf der Liste. Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie; Aufbau-Verlag, Berlin 2018; 176 S., 10,– €, als E-Book 8,99 €