Es gibt Romane, die so leise auftreten, dass man erst nach einer geraumen Weile bemerkt, gerade einen Kriminalroman zu lesen. Die von Matthias Wittekindt beispielsweise. Die jüngsten verschweigen auch im Titel jeden Bezug zu Mord und Totschlag. Sie heißen Der Unfall in der Rue Bisson und Die Tankstelle von Courcelles und erinnern in ihrer Vagheit an die Nighthawks und andere gemalte Einsamkeiten eines Edward Hopper. Das Ungefähre, das Ungenaue kann beruhigend wirken, weil alle scharfen Kanten verwischt sind. Es kann aber auch beunruhigen, und diese Beunruhigung aus Ungewissheit ist gewissermaßen die Grundierung, auf die Wittekindt seine Szenen aufträgt.

Matthias Wittekindt hat als Erfinder von Szenen Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen. Er hat Architektur studiert und Häuser gebaut, als Theaterregisseur große Chöre zur Aufführung gebracht, hat Hörspiele geschrieben und erst spät, mit 53, den Kriminalroman entdeckt. Fünf hat er bisher verfasst, sie kreisen um den klein gewachsenen, empathiestarken Provinzpolizisten Ohayon, und mit ihnen errichtet Wittekindt um den Ort Fleurville, der irgendwo im Dreieck zwischen Luxemburg, Saarland und den Vogesen liegt, eine Welt, die ein ganz klein wenig in Zeit und Raum zu unserer Normalwelt verschoben ist.

In dieser Welt, im aktuellen Roman heißt sie nach der noch kleineren Stadt Courcelles, gab es mal Träume vom Aufschwung. Davon zeugen die Ruinen großer Kurkliniken und ungenutzte Steinbrüche. Aber auch wenn die Ambitionen nicht mehr so pompös sind, wachsen dort Kinder auf. Es sind Lou, die Tochter des Tankstellenpächters, und ein paar andere, die eine Clique bilden, weil sie in dieselbe Klasse gehen. Philippe ist Sohn des Försters und hat eine Waffe. Wichtig ist, was die Jugendlichen werden (und sein) wollen: Existenzialist, Advokat, nicht wie die Eltern und dergleichen mehr. Dann werden an der Tankstelle, in der die 14-jährige Lou Nachtschicht macht, um ihres und das Familienbudget aufzubessern, zwei Männer erschossen, und ein Jugendlicher bringt sich um.

Bemerkenswert ist, dass hier nicht in Handlungsabläufen, in Action, sondern in Bildern erzählt wird, in Stills, wie man beim Film sagt. Diese Bilder sind das Material, aus dem sich Lou später, inzwischen erwachsen, ihre Schuld oder ihre Schuldgefühle zusammensetzt. Ist sie schuld am Tod von vielleicht sogar vier Menschen? Wir Leser wissen es auch nicht besser, denn Wittekindt hat die Tat vor den Augen der Leser verborgen. Stattdessen tut sich ein ins Ungefähre verschobener Raum auf, der dennoch präzise vermessen ist, ein Raum unordentlicher Gefühle.

Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles
Kriminalroman; Edition Nautilus, Hamburg 2018; 256 S., 16,90 €, als E-Book 13,99 €