Die Parabel ist genial, man kann sie gar nicht oft genug erzählen: In der Zeit der christlichen Inquisition kehrt Jesus auf die Welt zurück und tut Gutes. Es dauert nicht lange, und er wird als Aufrührer verhaftet und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Nachts besucht ihn der Kardinal und Großinquisitor in der Zelle und erklärt Jesus, er habe sich leider Gottes im Wesen des Menschen geirrt: Der Mensch sei für die Freiheit ungeeignet.

Man stelle sich vor, Dostojewskis Parabel aus den Brüdern Karamasow spielte in den Vereinigten Staaten. Einer der Gründerväter kehrt in sein Land zurück und hält Vorträge über amerikanische Ideale, über Völkerverständigung und die Herrschaft des Rechts. Trump stellt den Störenfried zur Rede und erklärt ihm, das sei alles total falsch. Amerikas Gründerväter hätten sich getäuscht, die Menschheit sei für eine liberale Weltordnung ungeeignet. "God bless you."

"God bless you" – damit endete Trumps Ansprache, in der er Amerikas Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran begründete, dem "schlechtesten Deal der Geschichte". Trump hätte durchaus noch einen Satz hinzufügen dürfen: Hier und heute beginnt eine neue Epoche der Weltgeschichte, und ihr dürft euch glücklich schätzen, dabei zu sein.

Das stimmt sogar. Denn während George W. Bush im Irak "nur" einen regime change exekutierte, stellt Donald Trump die gesamte Weltordnung auf den Kopf. Geht es nach dem Willen des Präsidenten, dann beruht die künftige Ordnung nicht mehr auf der "Schwäche" des Rechts, sondern auf der Stärke der Macht. Sie beruht auf nationaler Souveränität und militärischer Konsequenz, auf hard power statt soft law. Und siehe da, es funktioniere heute schon: Diktator Kim Jong Un, triumphiert Trump, habe die Sprache der Macht verstanden. "The rocket man" kapituliert und kriecht vor Amerika zu Kreuze.

Der US-Präsident sei irrational, heißt es überall, doch das Gegenteil ist der Fall. Trump ist von unmissverständlicher Klarheit; er hält Wort und handelt genau so, wie er es im Wahlkampf angekündigt hat. Man hätte das alles längst wissen können, sein Programm war ausformuliert und stammt in seinen Grundzügen aus einer kalifornischen Kaderschmiede, einem philosophischen Institut in der Kleinstadt Claremont. Dessen Mitglieder haben sich mit Haut und Haaren dem Denken des in die USA emigrierten deutschen Philosophen Leo Strauss (1899 bis 1973) verschrieben, und nicht einmal die zurückhaltende New York Review of Books lässt Zweifel daran, dass in Claremont "Trumps Hirne" versammelt sind.

Schon seit Langem predigen die "Claremonsters" – wie sie sich selbst nennen – einen radikalen Isolationismus; jede Nation sei nur sich selbst verpflichtet und müsse in freier Wildbahn um ihr Überleben kämpfen. Leider werde Amerika bei diesem Kampf von innen behindert, ein linkes Kartell aus "Progressisten", Globalisten und politisch Korrekten nutze die Lücken des liberalen Rechts und falle der Nation in den Rücken. Kurzum, ein "tiefer Staat", eine Art Schattenregierung, habe die Machtzentren gekapert, vergleichbar den Al-Kaida-Terroristen, die am 11. September 2001 Flugzeuge in ihre Gewalt gebracht hatten. "Stürm das Cockpit, oder du stirbst!"