So fängt es an. Wie fängt es an? Wie es immer anfängt: mit gekränktem Recht, Unterdrückung, mit Überheblichkeit, Unduldsamkeit, Hass. Mit Angst. Mit Aufrüstung. Spekulation auf ein gutes Geschäft. Mit dem Streit um Pfründen und Privilegien. Gier wird der Mantel der Religion umgehängt, Gewalt in göttliches Recht gehüllt. Plötzlich gilt die reine Lehre, das einzig wahre Bekenntnis, und wer es nicht besitzt, der gehört nicht dazu, zu diesem Land, dieser Stadt. Da heißt es: Raus mit ihnen! Tötet sie!

Und wo? Und wann? Vielleicht 1607 schon in der Reichsstadt Donauwörth, wo die Lutherischen den Katholischen zum wiederholten Mal die Prozession verbieten wollen; kurz darauf steht ein bayerisches Heer vor der Stadt, 15.000 Mann. Oder 1608 in Auhausen bei Nördlingen, wo protestantische Fürsten sich zur Union zusammenschließen, gegen die Katholischen, und ein Jahr drauf in München, wo die Katholischen sich zur Liga formieren, gegen die Ketzer.

Oder 1618, als die protestantischen Stände in Böhmen gegen den Habsburger-Kaiser aufbegehren und den Pfälzer Kurfürsten, den Calvinisten Friedrich V., zu ihrem König wählen wollen.

Hier, so steht es in allen Schulbüchern, wurde der Anfang gemacht: am 23. Mai 1618 auf der Prager Burg, als die böhmischen Empörer zwei kaiserliche Räte und einen Secretarius zum Fenster hinausstürzten. Die drei fielen sanft – auf einen Misthaufen, wie die Protestanten höhnten. Weil die Muttergottes ihren Getreuen den Mantel als Sprungtuch bot, wie die katholischen Chronisten es besser wussten.

So nimmt er seinen Lauf, der Krieg der Kriege: der Große Krieg, der Teutsche Krieg, der Dreißigjährige Krieg – der doch nie nur ein Krieg ist, sondern aus vielen Kriegen besteht. Und der auch kein exklusiv teutscher ist, kämpfen doch hier, wie in allen europäischen Konflikten der Zeit, mehr oder weniger alle gegen alle, von Skandinavien bis Spanien. Selbst viele Armeen sind multikulti. 1644 zählt zum Beispiel ein bayerisches Regiment 534 Deutsche, 218 Italiener, 54 Polen, 51 Slowenen, 26 Griechen, 24 Burgunder, 24 Lothringer, 18 Dalmatier, 15 Franzosen, 14 Türken, 14 Böhmen, 11 Spanier, 5 Ungarn, 2 Kroaten, 2 Schotten und einen Iren.

Auch trifft der Krieg nicht alle deutschen Länder gleich. Zwar haben die Kreuz- und Querzüge der Heerscharen, zu denen meist noch ein vieltausendköpfiger Tross mit Ehefrauen und Kindern, Consultants und Coaches, Erotik- und UnterhaltungsdienstleisterInnen, militärischen Ich-AGs und mobilen Security- und Facility-Einheiten aller Art gehört, einige Landstriche förmlich rasiert. Verbrannt und kahl gefressen. Manch prächtige Stadt, wie das stolze Magdeburg an der Elbe, wird geplündert und bis auf die Grundmauern zerstört. Flüchtlingstrecks irren durchs Land. Vielerorts tötet die Pest, auch der Hunger, sind doch die Winter ungewöhnlich kalt, die Sommer nass, die Ernten karg (Meteorologen sprechen von einer "kleinen Eiszeit" in Europa). Andere Regionen aber bleiben von der Kriegswut unberührt. Andere Städte erblühen geradezu in ihren starken Mauern. Hamburg zum Beispiel entwickelt sich glücklich, legt in jenen Tagen das Fundament für seine Selbstzufriedenheit bis auf den heutigen Tag. Auch Köln, jahrhundertelang die größte deutsche Stadt, auch Bremen, Lübeck, Nürnberg, Braunschweig, Königsberg, Dresden, auch Frankfurt am Main entgeht der Zerstörung, und Wien, die Kaiserstadt.

Ungefähr 5 Millionen Menschen, bald ein Drittel der Bevölkerung, sind zwischen 1618 und 1648 umgekommen, vor allem durch die Pest. Abertausende haben gelitten und alles verloren. Andere aber Tausende verdient und alles gewonnen. Es gibt viele kleine Waffenschieber, Militärunternehmer, Enteignungsspekulanten – und einige große, wie Wallenstein und die Fürsten Liechtenstein, die sich das von Habsburg niedergeworfene Böhmen unter den Nagel reißen und bis heute zwischen Österreich und der Schweiz ihren eigenen kleinen Staat führen, streng nach den Regeln der internationalen Steuerflüchtlingskonvention.

Was also hat den Dreißigjährigen Krieg, wenn er doch nur ein Krieg war wie viele, zum Krieg der Kriege gemacht? Warum hat er sich so eingeprägt in das kollektive Gedächtnis wie keiner zuvor?

Vielleicht hängt es mit einem ganz anderen Umstand zusammen, mit einem Ereignis, das für alle Menschen deutscher Sprache und die gesamte deutsche Kulturgeschichte eine tiefe Zäsur der besonderen Art bedeutet.

Denn just in jenen Tagen, als die Kämpfe tobten und der Gräuel kein Maß war, da entstand, da erschuf sich die deutsche Dichtung neu. Da wurden jene Werke verfasst, die heute den Anfang jedes deutschen Literaturkanons bilden. Die nach wie vor inspirieren, deren Echo wir bei Kehlmann, Kolbe, Grünbein vernehmen, bei Herta Müller, Mayröcker und Jelinek. Als alles wüst lag, da "glänzten einzig die Wörter", schrieb Günter Grass 1979 in seinem sprachlustigen Zeitgemälde Das Treffen in Telgte. "Wo sich Fürsten erniedrigt hatten, fiel den Dichtern Ansehen zu. Ihnen, und nicht den Mächtigen, war Unsterblichkeit sicher."

Das Bild des Dreißigjährigen Krieges, das uns die zeitgenössischen Dichter malten – es wurde zum Bild des Krieges schlechthin. Sie ließen keinen Schrecken, keine Grausamkeit aus, und alle, die später litten, noch in den Todesmühlen des Ersten Weltkriegs, in den Schreckenslagern und Bombenkellern des Zweiten Weltkriegs, werden ihre Not in der Not von damals wiedergefunden haben. In den berühmten Zeilen des Andreas Gryphius zum Beispiel: "Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! ... // Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret, / Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, / Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun, / Ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfähret. // Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. / Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut / Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. // Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, / Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot, / Daß auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen."