In den Tiefen des tropischen Regenwaldes, an einem Nebenfluss des Amazonas, bekam ich Probleme mit dem Gesetz. Über Jahre hinweg hatte ich als Südamerika-Korrespondent ein Indianervolk besucht, das dort noch sehr ursprünglich lebt. Ich hatte seine Gebräuche studiert und die alten Geschichten aufgeschrieben, seinen Glauben an Naturgeister und die Ängste vor den Weißen dokumentiert. Am Ende entstanden daraus Beiträge für die ZEIT, ein Buch und eine Webseite voller Texte und Bilder: www.herrdeswaldes.com.

Das Problem ist: Man kann nicht einfach irgendwo hingehen, Leute interviewen und fotografieren und das Ergebnis ins Internet stellen. Das gilt auf der ganzen Welt und auch im Regenwald. Menschen genießen Persönlichkeitsrechte und Rechte am eigenen Bild. Manchmal besitzen Dörfer oder Volksgruppen gemeinsame Rechte an ihrem kollektiven Erbe. Als Journalist war mir das klar.

Ich wusste aber damals noch nicht, dass es leichter sein würde, gesetzeskonform mit dem indigenen Volk im Regenwald umzugehen – als später, in Deutschland, mit den Besuchern meiner Webseite.

Im Regenwald lief es so: Ich rief einen Juraprofessor aus München und einen aus Rio de Janeiro an. Sie schrieben einander und setzten Verträge auf: jeweils eine Seite lang, ganz wenige Sätze. Sie erklärten alles in einfacher Sprache, aber trotzdem juristisch wasserdicht. Mit anthropologischer Hilfe wurde der korrekte Rechtsweg identifiziert: Kriegervollversammlung in der Dorfmitte, alle bemalt in schwarzer Farbe. Ansprache des Deutschen, mit anschließender Diskussion. Beschlussfassung durch zustimmendes Ausstoßen des Schreis "Uaaaaah!". Gesang des Dorfältesten.

Ich bin ein gesetzestreuer Mensch, ich interessiere mich für örtliche Bestimmungen und Regeln. Deshalb fiel mir auf, als ich wieder nach Deutschland reiste: Das Internet hat sich verändert. Es ist umständlicher geworden. Musiker-Fanseiten, Nachrichtenportale und Online-Shops verdunkeln sich nun, sobald ich sie betrete. "Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu", steht da. Ich muss darauf klicken, sonst geht nichts mehr.

Das sind Vorboten der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), eines Werks mit 99 Detailregelungen, das vom Recht an Bildern bis zum Sammeln von Adressen in alle möglichen Aspekte des Internets eingreift. Wer lässig mit Daten umgeht, muss sich künftig auf drakonische Strafen einstellen. Das trifft auch Tausende Betreiber schlichter Webseiten: Kleinstunternehmer und Privatleute. Leute wie mich.

"Ich mache meine Fanseite für den 1. FC Köln dicht", teilte ein Bekannter mit, "den juristischen Aufwand schaffe ich nicht." Der ehemalige Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazins schickte eine Nachricht herum: Er habe sein Blog gelöscht. Ein Abmahnanwalt werfe ihm Verstöße gegen den Datenschutz vor, ihm drohten Strafen in vierstelliger Höhe. Der Mann treibt nicht mal Werbung auf seiner Seite und hat nach eigenen Angaben "über neun Jahre 40 Euro daran verdient".

Im Internet stieß ich nun auf Blogs über Handarbeiten, Karatekurse und Omas Rezepte, auf denen seit Tagen bloß noch eines diskutiert wird: die strenge DSGVO. Sie tritt am 25. Mai in Kraft, und vielen Webseiten-Betreibern fällt auf: Um einschlägige Gesetze haben sie sich nie gekümmert.

Dabei gilt schon bisher eine Fülle von Datenschutzvorschriften, aber mangels höherer Strafen blieben sie oft unbeachtet. Was für Seitenbetreiber hin und wieder teuer werden kann, sind die Aktivitäten sogenannter Abmahn-Anwälte: Juristen, die zum Geldverdienen das Netz nach irgendwelchen Verstößen durchforsten und den Verantwortlichen dicke Rechnungen schicken. Die laufen sich gerade auf die DSGVO warm, sind aber schon im Vorfeld aktiv und bereichern sich an Verstößen gegen die alten Gesetze.