Gleich zu Beginn schon, beim Eröffnungsgottesdienst des Katholikentages in Münster, war der größte anzunehmende Eklat zum Greifen nah. Doch der Bundespräsident rührte sich nicht. Frank-Walter Steinmeier blieb sitzen, wie es sich für einen diplomatisch geschulten Politiker gehört, und reihte sich nicht in die Schlange zum Kommunionempfang ein. Was hätten die Bischöfe tun sollen, wäre das protestantische Staatsoberhaupt an der Seite seiner katholischen Ehefrau Elke Büdenbender zur Eucharistie gegangen? Ihn wegschicken?

Der Streit ums Abendmahl war auch ohne weitere Aufreger das größte kirchliche Politikum des Katholikentages. Vor knapp drei Monaten hatten die deutschen Bischöfe eine bisher unveröffentlichte Handreichung beschlossen, in der Bedingungen formuliert wurden, unter denen nichtkatholische Ehepartner in Einzelfällen zum Kommunionempfang zugelassen werden könnten. Sieben Bischöfe mit dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki an der Spitze hatten daraufhin in einem Brief – an ihren bischöflichen Brüdern vorbei – die zuständigen vatikanischen Stellen informiert und um Klärung gebeten, ob eine so weitreichende Entscheidung in die Zuständigkeit einer einzelnen Bischofskonferenz fallen könne. Der Brief wurde öffentlich – und damit die Debatte. Und so kam in Münster kaum ein Podium an dieser Frage vorbei.

Den Auftakt machte der Bundespräsident selbst. In seiner Rede bei der Eröffnungsfeier am Mittwochabend forderte Steinmeier Katholiken und Protestanten zu weiterem Bemühen um die Ökumene auf: "Lassen Sie uns Wege suchen, den gemeinsamen christlichen Glauben auch durch gemeinsame Teilnahme an Abendmahl und Kommunion zum Ausdruck zu bringen", sagte er. "Ich bin sicher: Abertausende Christen in konfessionsverschiedenen Ehen hoffen darauf." Und er sollte nur der Erste von vielen bleiben, die sich im Verlauf des Christentreffens in Münster zu Wort meldeten. Selten wurde auf einem Katholikentag über eine theologische Frage so viel und so offen diskutiert. Zwar stand der Streit offiziell auf keinem Programmplan, doch wer wie Rainer Maria Kardinal Woelki oder sein Münchner Amtsbruder Reinhard Kardinal Marx auf verschiedene Podien eingeladen war, konnte der Debatte nicht ausweichen.

Den beiden prominentesten Vertretern der Lager blieb eine direkte Begegnung zwar erspart, so aber entwickelte sich ein interessantes mehrtägiges Fernduell. Transparenz zählt nicht immer zu den Stärken der katholischen Kirche, die tagelange Bühnenpräsenz ihrer Spitzenvertreter führte beim Treffen in Münster jedoch genau dazu, dass viele Katholiken ihren Kirchenmännern plötzlich dabei zusehen konnten, wie sie in immer neuen Runden für ihre Positionen warben und kämpften: Die Bischöfe argumentierten, legten den Weg ihrer Entscheidung offen und versuchten zu überzeugen – nicht durch wohlabgestimmte Redetexte und Hirtenbriefe, sondern live. Das war spannend für alle Zuhörer – und ungewöhnlich zugleich.

So wie bei einem Auftritt von Woelki: Halle Münsterland, ein überfüllter Saal, in den viele Besucher schon gar nicht mehr hereingelassen werden. Der Kardinal nimmt Platz auf dem Podium. Das Thema ist der "Störfaktor Religion". Auf der Bühne sitzen neben ihm unter anderem der Stuttgarter Ministerpräsident Winfried Kretschman, die Berliner Moscheegründerin Seyran Ates und der Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen. Erst wenige Tage zuvor war Woelki mit einer Delegation deutscher Bischöfe im Vatikan, stundenlang beriet man dort einen Ausweg aus dem Abendmahl-Streit, an dessen Ende die Aufforderung des Papstes stand, man möge in Deutschland doch bitte eine einvernehmliche Lösung finden.

Jetzt soll sich Woelki dazu äußern. Geht er auf seinen Münchner Amtsbruder zu, den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Reinhard Marx? Eher nicht. Ungewohnt offen wehrt er sich gegen Vorwürfe, er sei Marx mit seinem Brandbrief an den Vatikan in den Rücken gefallen. Vielmehr müht er sich, seinem Schritt einen gewissen Vorlauf zu geben: Als sich die Zustimmung zu Marx’ Vorstoß vor einem Jahr angedeutet habe, sei er auf den Chef der Bischofskonferenz zugegangen und habe ihm "bereits am 16.3.2017" einen Brief geschrieben. Er habe darin betont, dass "in dieser Frage eine gemeinschaftliche Lösung" wichtig sei, die auch von Rom getragen werde, sagt der um Detailgenauigkeit bemühte Woelki. Nichts soll nach Spontan-Impuls aussehen, eher nach einem fast zwangsläufigen Weg nach Rom. Die Frage sei nichts, was sich auf nationaler Ebene klären ließe, ist eines von Woelkis Argumenten.

Als habe der Kardinal nur auf eine Vorlage gewartet, arbeitet er sich gleich noch an den Eucharistie-Einwänden des Fernsehmannes von Hirschhausen ab, der auf der Bühne als Mann der Basis platziert wurde: Hirschhausen, ein Protestant, hält Woelki entgegen, gemeinsam mit seiner Frau, einer Katholikin, zahle er auch Kirchensteuern an die katholische Kirche: "Geben Sie mir mit Freude eine Oblate, oder Sie geben mir mein Geld zurück." Allein die Wortwahl zeige ein grundverschiedenes Verständnis von Kommunion, sagt der Kardinal: Er würde nie von einer Oblate sprechen. Für Katholiken sei die Hostie Leib Christi und somit das Allerheiligste. Woelki will, das wird deutlich, nichts verklären, nichts kitten.