Ich habe meine Großmutter erst vor Kurzem kennengelernt, so ist das ja manchmal, wenn Familiengeschichten kompliziert sind. Ich wusste immer, dass es diese Großmutter gibt; ich wusste auch, dass sie beim DDR-Fernsehen gearbeitet hat, als Auslandskorrespondentin in Prag und in London. Seit wir uns aber regelmäßig sehen, seit wir miteinander sprechen, weiß ich: Meine Großmutter war viel mehr als nur eine Fernsehkorrespondentin. Sie war in der DDR ein Star. Auch wenn sie selbst das nie so sagen würde. Auch wenn sie, Maxi Haupt ihr Name, heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Wir haben in den vergangenen Monaten viel am Kaffeetisch zusammengesessen, weil ich von ihr wissen wollte: Wie war das? Kannte dich wirklich jeder? Vermisst du diese Zeit? Aber so richtig verstanden habe ich ihre Lebensgeschichte erst, als ich beschloss, selbst zu sehen, was sie früher gemacht hat. Als ich mich also ins Deutsche Rundfunkarchiv in Babelsberg setzte, dort die Datenbank sichtete und Hunderte Einträge fand: Interviews, Porträts und Reportagen von ihr geschrieben und redaktionell betreut.

Wie merkwürdig das ist: die eigene Großmutter auf dem Bildschirm zu sehen. Wie sie anderen das Mikrofon vor den Mund hält, ihnen mit freundlicher Strenge, furchtloser Direktheit Fragen stellt.

Die Mitarbeiterin des Archivs hat mir einen Ordner mit Zeitungsberichten über sie herausgesucht. Da ist eine Seite aus dem Satiremagazin Eulenspiegel vom 4. November 1980. Der Oberkörper meiner Großmutter karikaturistisch in Szene gesetzt. Ihre Gesichtszüge gröber, als sie es in Wirklichkeit sind. Nur die freundlichen, immer strahlenden Augen sind die, die ich kenne. In der Hand hält sie das Mikrofon. Unter der Karikatur steht: "Maxi Haupt ist Fernsehjournalist mit Leib und Seele. Und Temperament, obwohl ihre Wiege im Mecklenburgischen, in Schwerin stand. Daß auch oder gerade Fernsehreportagen Reißer sein können, bewiesen unter anderem 'Ein Leben im Rollstuhl', 'Das fremde Kind' und 'Erwins Meisterstücke'."

Als wir zusammen Marmorkuchen essen, später, an einem Nachmittag in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow, da erzählt sie mir, wie sehr sie es geliebt hat, Menschen zu interviewen. Sich in das Leben anderer einzufühlen. "Ich glaube", sagt sie, "ich hatte ein gutes Gespür. Menschen haben sich im Gespräch mit mir schnell geöffnet." Weil die Leben der anderen unbedingt im Vordergrund stehen sollten, sah man sie in ihren Fernsehbeiträgen meistens nur von der Seite. Ihr Profil: die hohen Wangenknochen, ihre dunkelblonden – mal kurzen, mal halblangen –, stets glänzenden Haare und einen Teil ihres Oberteils; elegante pastellfarbene Blusen oder klassisch dunkle Pullover. Sie sagt, dass viele in der DDR sie allein an ihrer Stimme erkannt hätten. Auf ihre Stimme ist sie stolz. Kein Dialekt. Klares Hochdeutsch. Schnell und bestimmt. Die Worte, damals wie heute, entgleiten ihr nicht. An diesem Nachmittag, den Kuchen vor sich, erzählt sie mir, wie sie Journalistin geworden ist.

Maxi Haupt wurde 1932 in Schwerin geboren. Nach dem Schulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Sekretärin, arbeitete für die Konsumgenossenschaft der DDR, ging in die FDJ. "Im Schwerin der Nachkriegszeit", sagte sie, "gab es für junge Mädchen nur wenig Perspektiven." 1950 nahm sie am "Deutschlandtreffen der Jugend", einem FDJ-Kongress in Ost-Berlin, teil und protokollierte die Diskussionsveranstaltungen. Sie fiel auf. Und sie hatte die richtige politische Einstellung.

Meine Großmutter, denke ich, hat von Anfang an fest an das neue System geglaubt. "Es herrschte eine euphorische Aufbruchsstimmung", sagt sie. Junge Frauen wie sie brauchte die Partei. "Du musst dir vorstellen", sagt sie: "Damals gab es kaum Personal und überhaupt keinen journalistischen Nachwuchs." Anfang der fünfziger Jahre wurde sie auf einen Lehrgang für Jugendkorrespondenten delegiert; fing bei der gerade gegründeten Jungen Welt in Berlin an. Erst beantwortete sie Leserbriefe, später betreute sie die "Mädchen-Seite". 1958 heiratete sie einen Kollegen, die Liebe ihres Lebens, meinen Großvater. Und wechselte zum Fernsehen. Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz waren nicht erwünscht. "Bei solchen moralischen Fragen war die Parteiführung sehr streng", sagt sie. Das ist einer der wenigen Momente, in denen sie sich während unserer Gespräche kritisch gegenüber der SED äußert.

Sie wollte zum Fernsehen. Warum? "Ich wollte die Zukunft mitgestalten." Und das Fernsehen war nun mal die Zukunft. "Am Anfang war alles ein Experiment. Wir konnten eine Welt neu erfinden."