Es wurde oft beklagt und bewundert, dass der vor vier Jahren verstorbene Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher an Debatten nicht nur mit enormer Energie teilhatte, sondern sie regelrecht erschuf. Natürlich war die Überalterung der Gesellschaft schon vor Schirrmachers Bestseller Das Methusalem-Komplott ein beachtetes Thema, die Gefahren der Digitalisierung ebenso, auch die genetische Veränderbarkeit des Menschen – aber eine ungeheure, regelrecht kosmische, die Welt aus den Angeln hebende Bedeutsamkeit erhielten diese Themen erst durch ihn. Und wenn wir heute beispielsweise lesen, dass im überwachungsfreudigen China für das gesamte Land ein digitales Punktesystem für gesellschaftliches Wohlverhalten eingeführt werden soll, dann widerlegt dieser leider sehr reale Irrsinn manche Kleingläubigen, die in Schirrmacher vor allem einen lästigen und unseriösen Erregungsmacher sahen. Ein altes Bonmot besagt, dass ja auch dann Leute hinter einem her sein können, wenn man unter Verfolgungswahn leidet. Und es zeigt sich heute, dass die Ängste, die unter Schirrmacher in die Öffentlichkeit traten, seinerzeit nicht jedem zwingend schienen, aber häufig prognostisch waren. Man kann das auch schlicht Instinkt nennen, wer hat den schon.

Vier Jahre nach Schirrmachers überraschendem Ableben erscheint nun die erste Biografie über ihn. Verfasst hat sie der stellvertretende Chefredakteur des Freitags Michael Angele – und es erweist sich als gute Fügung, dass hier weder ein Traumatisierter noch ein Jünger am Werk ist, weder ein abrechnungsbereiter Schirrmacher-Feind noch ein Schirrmacher-Bewunderer, dem jedes kritische Wort wie Häresie vorkommen muss. Dieses Portrait gerät durchaus ausgewogen, ja es ist auf fast biedere Weise wohltemperiert, ziemlich distanziert und wirkt damit fast wie ein Gegengift zur berühmten Aufgeregtheit des einstigen Herausgebers. Angele war zwar Autor bei den von Schirrmacher 1999 eingeführten Berliner Seiten der FAZ, aber er hat ihn nur aus der Ferne beobachtet – wobei sich Angele sicher war, dass sein Beobachten wiederum von Schirrmacher beobachtet wurde. Zu den oftmals als "dämonisch" beschriebenen Eigenschaften Schirrmachers zählte offenbar auch die Fähigkeit, allen, die ihn auch nur streiften, das Gefühl zu geben, fortan in einem aufregend-gefährlichen Radius zu stehen. Angele hat zahlreiche Gespräche mit Wegbegleitern geführt, um die Frage zu beantworten, "wie ein Journalist so erfolgreich und mächtig werden konnte" – allzu private oder gar intime Sachverhalte werden dabei weitgehend ausgeklammert. Es befremdet daher, dass sich viele, mit denen Angele sprach, selbst mit den harmlosesten Anekdoten nicht namentlich zitieren lassen wollten; als sei der Schirrmacher-Blick noch immer auf sie geheftet.

Unter anderem ist es Angele gelungen, an die Briefe, Postkarten und Telegramme zu gelangen, die Schirrmacher als junger Student Wolfgang Frommel geschrieben hat. Frommel, ein heute kaum bekannter Schriftsteller, war 1939 nach Amsterdam emigriert und hatte dort das sogenannte Castrum Peregrini gegründet – eine verschworene Gruppe junger Männer und weniger Frauen versammelte sich um ihn und gedachte geheimbündlerisch des Dichters Stefan George. Jüdische Jungen wurden dort vor den Nazis versteckt, es soll aber auch, wie gerade die FAS umfangreich berichtete, in dieser Nachfolgesekte des Geheimen Deutschlands zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Schirrmacher ist fasziniert vom über 50 Jahre älteren Frommel, er besucht ihn 1980, sucht seine Nähe, verbringt eine Weile im Haus, schreibt ein Gedicht mit dem Titel Liebe zum Meister und mahnt mit den Worten Georges an, dass der Bund von "der frauen fremder ordnung" verschont bleiben möge. Der Meister ist nicht ganz überzeugt von Schirrmachers Antichambrieren, geht auf Abstand zum Schüler und wirft ihm mangelnde Authentizität vor. Jahrzehnte später wird Schirrmacher Tom Cruise spektakulär feiern, der mit seinem Film Operation Walküre dem George-Schüler und Hitler-Attentäter Stauffenberg ein Denkmal setzte. Und natürlich war auch das Feuilleton der FAZ über lange Zeit eine Vereinigung junger Männer, die mit intellektueller Lust und Abneigung um einen Meister-Herausgeber kreisten – selbst als Abtrünnige blieben sie auf ihn fixiert. Es ist heute weithin vergessen, dass Schirrmacher als glühender Anhänger Stefan Georges und Ernst Jüngers am Anfang seiner Karriere sozusagen automatisch ein Gottseibeiuns für jeden Linken war – und für manche Konservative ebenfalls, die ihn für einen haltlosen Bohemien hielten.

Mit 29 Jahren wurde Schirrmacher als Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki Literaturchef der FAZ, fünf Jahre später einer der fünf Herausgeber der Zeitung. Als er im Juni 2014 mit 54 Jahren einem Herzinfarkt erlag, erinnerten, wie Angele aufzählt, binnen vier Tagen 72 Personen in der FAZ an ihn, was man wohl beispiellos nennen darf. "Der Kulturbetrieb", resümiert Angele, "lief nach dem plötzlichen Tod Schirrmachers heiß wie Schirrmacher am Ende seiner Karriere selbst." Wenn der Autor nun der Frage nachgeht, wie Schirrmacher derart erfolgreich und mächtig werden konnte, begnügt er sich nicht damit, dessen journalistische Arbeit zu rühmen (vor allem Schirrmachers Literaturkritiken haben es ihm angetan). Angele geht es vor allem um den "Vorraum der Macht", also um die "indirekten Einflüsse und Gewalten", den "Zugang zum Ohr", dem "Korridor zur Seele des Machthabers" (Carl Schmitt), kurzum: um die Welt jenseits von Betriebsvereinbarungen.

Abhängigkeiten, Machtspiele, Netzwerke

Dass es in diesem Buch hier und da ein wenig menschelt, dass kleinere und größere Intrigen eine Rolle spielen, Demütigungen und Triumphe, dass überhaupt viel geschauspielert und erfunden wird, dass getratscht und gelästert wird, hängt mit der informellen Seite der Macht zusammen, die Angele in den Blick rückt. Es wird etwa erzählt, wie Schirrmacher seinen Vorgänger auf dem Herausgeberposten, Joachim Fest, aber auch Helmut Kohl für sich einnimmt – und dies geschieht eben nicht nur durch journalistisches, sondern auch durch ein erstaunliches soziales Talent, das riskant auf die Eigenliebe und die Lobbedürftigkeit der Mächtigeren setzt. Natürlich werden die großen, maßgeblich von der FAZ forcierten Skandale und deren Hintergründe rekapituliert (Grass und die Waffen-SS, Martin Walser und sein Roman Tod eines Kritikers, Christian Wulff und sein Eigenheim). Der intensive Austausch, den Schirrmacher mit dem letzten DDR-Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz pflegte, überrascht, aber gar nicht so sehr, denn wenn es eine Konstante in Schirrmachers Charakter gab, dann seine ans Anarchische grenzende Freigeisterei. Ziemlich überflüssig ist leider Angeles Besuch bei Schirrmachers Mutter, der die Welt des Journalismus, in die der Sohn geraten war, fremd geblieben ist – es ist doch kein so seltenes Phänomen, dass die jedes Maß sprengende Relevanz, die sich Journalisten selbst zuschreiben, außerhalb des Betriebs schnell schrumpft. Da man von diesem Ausflug nach Wiesbaden kaum mehr darüber hinaus erfährt, ist der Besuch bei der alten Dame nur voyeuristisches Beiwerk.

Schirrmachers Neigung, Scherze, auch gröberer Natur, mit seinen Kollegen zu treiben, rückt Angele genauso in den Blick wie Abhängigkeiten, Machtspiele, Netzwerke, burleske Anekdoten, die oft den amüsanten Nachteil haben, in verschiedenen Varianten zu kursieren. Dass Frank Schirrmacher die Fantasie anregte, ist gut belegt, er wurde beständig zur literarischen Figur ausgeformt: unter anderem in Werken von Eckhard Henscheid, Angelika Klüssendorf und Rainald Goetz. Dass Schirrmacher selbst die Wirklichkeit nie genug war und er die Ungeheuerlichkeit, die große Verschwörung, den schlimmen Skandal mal mit unbändiger Spielfreude, mal mit finsterem Ernst suchte, überforderte viele, und die Überforderten galten ihm als kleinliche Bedenkenträger.

Es ist wohltuend, dass Angele – trotz der Ausflüge ins Allzumenschliche – nicht der Versuchung erliegt, nur die Perspektive von Schirrmachers Gegnern einzunehmen. Er wird auch als Anreger und Förderer gewürdigt, als versöhnungsbereiter Charakter, als jemand, der einem das Gefühl geben konnte, "der wichtigste Mensch auf Erden" zu sein – was aber gefährliche Erwartungen schürte. Deshalb galt: "Wer keine Angst vor Liebesentzug hatte, konnte mit Schirrmacher gut auskommen." Zu kurz kommt in diesem Psychogramm (das eigentlich keins sein will) gewiss das Inhaltliche, also die intellektuellen Gegenstände Schirrmachers. Den Journalismus als einen letztlich leeren Mechanismus der Macht zu begreifen ist zwar literarisch ergiebig, aber auch allzu verführerisch.

Angele dürfte nicht der einzige Journalist sein, der sich fragt, was Schirrmacher als Nächstes angegangen wäre: "Was wäre nach dem Internet gekommen? Die Eroberung des Mars? Die radikale Ökologie? Oder etwas ganz anderes, das er wieder einmal als Erster erkannt und big gemacht hätte?" Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Die Debatten nach Schirrmacher mussten nicht mehr wie Schätze aus der Tiefe gehoben werden, sie entfalteten sich mit einem Mal aus dem unmittelbaren Geschehen: dem Aufstieg der Populisten, einem verhaltensauffälligen US-Präsidenten, den Migrantenströmen, der unseligen Politisierung fast aller Lebensbereiche und so weiter. Der Post-Schirrmacher-Journalismus ist in einen Reaktionsmodus geraten, die Überreizung ist Realität, die Erregung ist da.

Michael Angele: Schirrmacher. Ein Portrait; Aufbau Verlag, Berlin 2018; 222 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €