Eine Stadt im Eröffnungsrausch: Schon im Februar ging es los, dann fielen vergangene Woche die letzten Bauzäune, und im September soll es das dritte, das größte Fest geben (für 1,5 Millionen Euro!), um die einzigartige, die wunderbar neue und irgendwie auch alte Altstadt einzuweihen. Bis dahin sollen 200 Bewohner eingezogen, 20 Läden und Lokale eingerichtet sein.

Der erhoffte Feierfrieden lässt jedoch auf sich warten. Noch immer gibt es Streit: Darf man das eigentlich, ein Bauwerk aus den siebziger Jahren schleifen, um an dessen Stelle die im Krieg zerstörten Bürgerhäuser neu zu errichten? Ist das Stadtreparatur? Oder schlimmer Selbstbetrug?

Jüngst wurde behauptet, die rekonstruierten Gassen und Plätze würden von einem neovölkischen Geist durchweht. Hinter den Heile-Welt-Attrappen verberge sich das geschichtspolitische Projekt reaktionärer Mächte: Die Erinnerung an den Nationalsozialismus solle ausgeblendet, ein frischer Deutschlandstolz herausgeputzt werden. Kein Zufall sei es deshalb, dass der erste Antrag auf Wiederaufbau von den schwer rechten BFF gestellt wurde, den Bürgern Für Frankfurt.

Allgemein, so war es in der FAS zu lesen, sei die Rekonstruktionsarchitektur zum "Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten" (Stephan Trüby) avanciert. Weshalb von der klassisch linken Zeitschrift Arch+ nun per Petition ein "Rekonstruktions-Watch", eine Art Wächterrat gefordert wird, um die rechtsnationale Unterwanderung von Wiederaufbauprojekten zu verhindern. Bald 1.000 Menschen haben die Petition unterschrieben, darunter bekannte Theoretiker und Architekten.

Ein wenig seltsam sind die schrillen Töne schon. Abgesehen davon, dass wohl eher Twitter und Facebook die Schlüsselmedien der Rechtspopulisten sind, sieht ja die Altstadt in Wahrheit gar nicht so alt aus. Weniger als die Hälfte der alles in allem 35 Häuser wurde tatsächlich rekonstruiert. Die anderen halten sich zwar an den ursprünglichen Parzellenzuschnitt, versuchen aber eine Neuinterpretation der alten Formen. Und so beschwört das Frankfurter Miniquartier keineswegs die reine, ungestörte Idylle. Vielmehr wird sie von einer Liebe zum Hybriden durchzogen und von der Hoffnung der Gegenwart, alles möge sich irgendwie mit allem bestens vereinbaren lassen. Damit ist sie weniger restaurativ als retro, wie man es halt im beginnenden 21. Jahrhundert gerne hat.

Es stimmt zwar, dass die Mannen der BFF das Altstadtprojekt vorantrieben, weil ihnen Flachdach und Vorhangfassade als Verrat am deutschen Wesen vorkommen. Doch stimmt es eben auch, dass andere, politisch unverdächtige Menschen dieselbe Idee lange zuvor ausgebrütet hatten. Und dann eine Koalition aus CDU und Grünen sich den Vorschlag rasch zu eigen machte. Sollten also wirklich rechtsnationale Ideologien in der Altstadt nisten, haben sie sich wohl tief im Keller verborgen (wobei es Keller nicht gibt, es gibt nur Tiefgaragen).

Bleibt die quälende Frage, ob mit dem Aufbau der Altstadt nicht eine Auslöschung des Geschichts- und Schuldbewusstseins einhergeht. Die Erfahrung mit anderen rekonstruierten Bauten zeigt, dass allein die Debatte über solche Vorhaben schon dazu führt, dass mehr Menschen über die Zerstörung und ihre Hintergründe nachdenken. Kein Mensch fühlte sich in Frankfurt beim Anblick des jetzt abgerissenen Technischen Rathauses mahnend an Bombenkrieg und Schoah erinnert. Paradoxerweise wird erst durch die Wiederkehr des Verlorenen die Verlusterfahrung besonders spürbar, und das schon deshalb, weil das neue Alte sich nicht ins Umfeld des alten Neuen fügt. Fast unweigerlich stellt sich die Frage, was denn hier eigentlich wann und aus welchen Gründen passiert ist. Sogar Stolpersteine gibt es nun im Altstadt-Quartier, eingelassen ins Pflaster, um an die Opfer der Nazi-Zeit zu erinnern.

In Berlin mag es anders sein, dort zeugen viele Repräsentationsgebäude tatsächlich von dem Versuch einer nationalen Normalisierung. In Frankfurt jedoch, fern der Symbolbauten, geht es nicht um die Simulation bruchloser Kontinuitäten. Es geht viel eher um eine ästhetische Neubewertung des Urbanen. Just deshalb mokieren sich die meisten Kritiker vor allem über Geschmacksfragen.

Oft heißt es, diese Art von Architektur sei bloß Kulissenzauber, unwahrhaftig, unauthentisch. Es stimmt natürlich, die Bauten spielen mit einer historischen Illusion und wecken die Sehnsucht nach dem einfachen, überschaubaren Leben. Doch ist Architektur ja immer illusionär.

Was ist falsch an Nostalgie?

So gaukeln uns Glastürme vor, sie seien transparent, auch wenn sie in Wahrheit undurchsichtig bleiben. Ähnlich erweist sich der puristische Minimalismus als höhere Form von Kulissenarchitektur, in der störende Haustechnik ebenso verborgen bleibt wie das Tragwerk, um die Illusion der Einfachheit zu bewahren. Wahrscheinlich ist einzig in manchen Wohn- und Gewerbegebieten, wo jeder gestalterische Anspruch der Rendite geopfert wird, die Architektur tatsächlich wahrhaftig.

Nun könnten die Gegner der Rekonstruktionen einwenden, man müsse zwischen guter und schlechter Scheinhaftigkeit unterscheiden. Architektur könne auf kritische, zeitgenössische Weise eingesetzt werden oder aber falschen Trost spenden. Worin allerdings ein progressiver Impetus begründet liegen könnte, ist schwer zu sagen, seitdem das gesellschaftspolitische Programm der Avantgarde kollabiert ist. Die wenigsten Architekten fallen als große Kritiker der kapitalistischen Verhältnisse auf. Im Gegenteil, wenn das Geld ruft, sind selbst die großen Namen zu fast allem bereit. Was also gibt ihnen das Recht, sich gegen den Wunsch nach Trost, Heiterkeit oder Tradition zu stemmen? Was ist falsch an Nostalgie?

Eine mögliche Antwort: Nostalgie täuscht Menschen über die wahren Probleme hinweg. Ob das aber im Frankfurter Fall zutrifft, muss sich erst zeigen. Die Alstadt ist ja nicht so beschaulich wie gedacht. In gewisser Weise ist sie sogar ein Problem, eines, das auch noch bewohnt werden will.

Auch wenn es dort nicht lärmt und stinkt wie früher, geht es in den neuen Gassen doch ungemein eng zu, sonnenfern, balkon- und baumlos. Wer hier einzieht, muss sich in Bescheidenheit üben. Und muss zugleich viel Geld ausgeben. Selbst der dunkelste Quadratmeter kostet mindestens 5.000 Euro, was der Altstadt den Ruf eines Reichenghettos einträgt. Gleichwohl liegt darin ein dialektischer, bislang kaum beachteter Reiz: Hier wird Enge zum Luxusgut. Nicht die Villa in Suburbia ist das neue Statussymbol, sondern die Wohnung im bedrängten Zentrum. Und das macht die Altstadt fast schon zum fortschrittlichen Modellprojekt.

Von diesem Frankfurt zu lernen heißt: eine Stadt der kurzen, der verkehrsarmen Wege zu bauen. Heißt, alle Abstandsnormen hintanzustellen und enge Nachbarschaft zu wagen, statt irgendwo im Speckgürtel lauter Reihenhäuser in die Gegend zu stellen. Diese Altstadt ist eben mehr als nur ein Bild, sie verkörpert eine Lebensform und vielleicht sogar gebauten Gemeinsinn. Jedenfalls erzählt die Rekonstruktion auch von dieser Sehnsucht: Ein eng verwobenes Ensemble ist entstanden und damit ein Symbol dafür, dass eine Gesellschaft der Singularitäten wieder auf Einbindung hofft und Nähe wagt.

Natürlich ist die Altstadt auch eine Marketingmaßnahme für Touristen. Doch könnte dort ohne Weiteres auch politischer Wille erwachsen: ein Wille, der nicht noch mehr Rekonstruktionen fordert, dafür aber Altstadt für alle! Einen Städtebau, der sozial und künstlerisch denkt und Traditionen nicht als Gegner bekämpft. Der vielmehr der schönen Illusion mehr Raum schenkt als den Autoparkplätzen. Sobald der Staat zum Bauherrn wird, auch das zeigt der Frankfurter Fall, kann das gelingen.

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