Als Gabriel Felbermayr mit 32 Jahren seine erste Professur antritt, gleicht das einem Naturereignis. Als wäre ein heftiger Wind aufgekommen, der den etablierten Professoren am Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Hohenheim in Stuttgart mitten in die Gesichter bläst. So berichten es Menschen, die damals dabei waren.

Felbermayr war zuvor auch mal ein Jahr bei der Unternehmensberatung McKinsey gewesen. Er dachte schnell und war brennend ehrgeizig – und er wollte Veränderung, Modernität. An einem Institut, dessen Professuren und Lehrstühle wie Fürstentümer betrachtet wurden, die einander in Ruhe ließen, pochte er auf Leistungsmessung und vergleichbare wissenschaftliche Standards. Während die älteren Herren Kollegen noch Bücher schrieben, schrieb Felbermayr papers. In internationalen journals. Auf Englisch. Und er wollte, dass das bald noch mehr Kollegen machten. Er drängelte, hatte eigene Ideen, wie Lehrstühle neu zu besetzen seien, so die Erzählungen.

Das fanden nicht alle gut. Als Felbermayr nach weniger als drei Jahren ging, weil das Ifo-Institut in München rief, witzelte ein Professor: "Er wollte meinen Lehrstuhl neu besetzen, bevor ich emeritiert bin. Und jetzt bin ich noch da, und er ist weg." Andere sehen das positiver. Andreas Pyka, der kurz nach Felbermayr ans Institut kam und immer noch da ist, sagt, durch Gabriel Felbermayr habe "ein innovativer Geist der Veränderung" Einzug gehalten.

Es sind diese Geschichten, die verraten, worauf sich das Institut für Weltwirtschaft in Kiel gefasst machen kann, wenn es so kommt, wie derzeit alle Seiten erwarten: Wenn Gabriel Felbermayr, 41 Jahre alt, Außenhandelsökonom, Österreicher, im kommenden Jahr als Nachfolger von Dennis Snower Präsident des IfW wird. Noch sind die Verhandlungen nicht beendet, doch Felbermayr ist der einzige Kandidat, mit dem das Institut noch spricht. Es ist wahrscheinlich, dass er Deutschlands neuer Chefökonom des Nordens wird. Es ist wahrscheinlich, dass sich dann einiges ändert. Denn da kommt einer, der gestalten will.

Dem Institut könnte das guttun. Es ist zwar immer noch eines der großen relevanten Wirtschaftsforschungsinstitute. In der öffentlichen Debatte aber spielt es nicht mehr die Rolle, die es einst einnahm, als dort vor vielen Jahren noch Herbert Giersch Präsident war. Giersch hat in den siebziger und achtziger Jahren die deutsche Wirtschaftspolitik und eine ganze Generation von Ökonomen geprägt, mit klar ordoliberaler Haltung – der Vorstellung also, dass der Staat der Wirtschaft einen Rahmen vorgeben soll, mehr nicht. Zu seiner Zeit bestimmten die Kieler die Debatte. Heute tut dies eher das Ifo-Institut in München gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Felbermayr hat das Potenzial, das wieder ein wenig zu drehen. Schon heute, als Leiter Außenwirtschaft am Ifo-Institut, mischt er sich ein. Ihm kommt dabei zupass, dass sein Thema, der Handel, wichtig geworden ist in Zeiten von Donald Trump. Was Felbermayr dabei besonders macht, hat er sich in vielen mühevollen Stunden erarbeitet: Es sind Modelle, die er gebaut, und Daten, die er gesammelt hat. Mit deren Hilfe kann er simulieren, was es bedeutet, wenn Handelsströme sich verschieben. Also: Welche Folgen haben Trumps Strafzölle? Welche ökonomischen Effekte hat es, wenn doch noch ein transatlantisches Freihandelsabkommen abgeschlossen wird? Diese Fragen kann er beantworten. Als vor nicht allzu langer Zeit halb Deutschland darüber diskutierte, ob TTIP eine gute Sache sei, waren die Zahlen zur Wirkung auf das Wachstum, die viele verwendeten, von Felbermayr.

"Er hat ein Gespür dafür, was die Leute interessiert", sagt einer, der an seiner Auswahl beteiligt war, aber nicht mit Namen genannt sein will. Lob gibt es andernorts auch öffentlich. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, nennt Felbermayr "einen der führenden deutschen Experten zur Handelspolitik". Der ehemalige Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sagt: "Er ist exzellent, ich kann mir für die Leitung des IfW keinen Besseren vorstellen."

In Kiel sind nicht alle sicher, was sie von solch einem Lob halten sollen. Kommt mit Felbermayr eine Art junger Hans-Werner Sinn ans IfW? Ein Mann mit ordoliberaler Haltung und mit bestem Gespür dafür, was die Deutschen umtreibt? Einer, der polarisiert? Oder tickt er doch anders?

Wer Felbermayr in München im Ifo-Institut besucht, erlebt einen Mann unter Strom, einen, der gleich loslegt mit dem, was er am besten kann: den Welthandel analysieren, die Trump-Folgen erklären. Er macht das ausführlich und verständlich, setzt dabei Arme und Hände ein, die sich immer wieder öffnen, als wolle er das Gegenüber alle paar Minuten herzlich willkommen heißen. Dazu ein weicher, leicht nasaler Dialekt, der seine Herkunft, er stammt aus Bad Hall in Oberösterreich, verrät. Alles, was er sagt, ist richtig, nichts wirklich überraschend. Gabriel Felbermayr ist ein Mann, mit dem man eine halbe Stunde sprechen muss, bevor es richtig interessant wird. Er hat eine Schutzschicht – wie viele Menschen. Seine besteht aus gestanzten Sätzen zum Handel und zu den Vorteilen der Globalisierung.