Sie nennen sich selber "die schwächsten Verkehrsteilnehmer". Sie haben recht – und liegen dennoch falsch. Denn eigentlich müssten sie die Lieblinge jeder Stadtregierung sein, besonders jener, die sich anschicken, eine 2.000-Watt-Gesellschaft zu werden: die Fußgänger. Wer zu Fuß geht, macht keinen Lärm, stößt null CO₂ aus, braucht weder Strom noch Benzin und dazu kaum Platz. Konkret: weniger als einen Quadratmeter. Das ist 16-mal weniger als ein Mensch, der in einem Bus fährt, der mit 50 Stundenkilometern unterwegs ist. Und sogar 41-mal weniger als ein Velofahrer, der mit 30 Stundenkilometern zur Arbeit fährt. So hat es der deutsche Mobilitäts-Blogger Martin Randelhoff ausgerechnet. Ist der Fußgänger an seinem Ziel, braucht er weder ein Parkleitsystem noch einen historischen Parkplatzkompromiss. Er parkiert seine Füße bequem unterm Pult, wenn er im Büro arbeitet. Oder bleibt auf ihnen stehen, wenn er in die Fabrik muss.

Doch statt auf Händen getragen, damit er bleibt, was er ist, und nicht zum Umsteiger wird, um im Stau zu stehen oder in die S-Bahn zu drängeln, wird der Fußgänger bedrängt. Immer neue Geräte und Gefährte gesellen sich zu ihm auf den Gehweg: Elektro-Trottinette, fahrende Untersätze, Kindervelos, E-Bikes. Lieferanten machen halt, um ihre Waren umzuschlagen. Der Elektriker, der keinen Parkplatz findet, versperrt ihn für Stunden. Und die Post testet Roboter für die Paketzustellung und braucht dazu, selbstverständlich, das Trottoir.

Dabei wäre klar, das Trottoir ist "den Fussgängern vorbehalten". So steht es in Artikel 43 des Straßenverkehrsgesetzes.

Nun ist der Bundesrat daran, ebendieses zu revidieren. Er möchte Jugendlichen bis zwölf Jahren erlauben, auf dem Trottoir Velo zu fahren.

Bevor der bundesrätliche Vorschlag im Sommer in die Vernehmlassung geschickt wird, hat der Verband Fussverkehr Schweiz mit seiner Petition "Rettet das Trottoir" dieser Idee – und damit der Tendenz, dass Trottoirs zu Fahrbahnen werden – den Kampf angesagt. "Die Belastung wird immer größer", sagt Thomas Hardegger, der den Verband präsidiert. "Bevölkerungswachstum, der E-Bike-Boom und die neuen, strombetriebenen Trend-Fahrzeuge wie die E-Trottinette oder die Hoverboards drängen auf die Straße." Die Frage ist, auf welche. Bis anhin hieß die naheliegende Lösung: Im Zweifel auf die Schwachen. Also aufs Trottoir.

Hardegger und seine Mitstreiter, darunter die Langsamverkehrsorganisation "Umverkehr. Zukunft inkl." und Behindertenverbände, wollen nun dafür sensibilisieren, dass das Naheliegende nicht immer das Richtige ist.

Sie fordern ein Veloverbot für über Achtjährige auf den Trottoirs. "Man stelle sich vor, wie eine Gruppe Zwölfjähriger, die ja nicht mehr mit den Eltern, sondern gerne im Rudel unterwegs sind, übers Trottoir fegen", sagt Hardegger. "Das fördert nicht einmal die Sicherheit. Nicht nur wegen der Fußgänger, sondern auch wegen der vielen unübersichtlichen Situationen auf einem Trottoir: Hauseingänge, Zufahrten, Pflanzungen."

Wer darf wo fahren?

Nicht nur Velos sollen vom Trottoir verschwinden, sondern auch die Spaßkarossen und die motorbetriebenen Transportfahrzeuge. Diese förderten weder die Gesundheit noch die Bewegung, sagen die Petitionäre, und müssten auch aus ökologischen und Energiespargründen abgelehnt werden. Für kurze Distanzen, finden sie, braucht es keinen Motor.

Im Zweifel aufs Trottoir: Naheliegend und billig, aber falsch

Außerdem brauche es verständliche Regeln zur Frage, wer wo fahren darf. Denn auch diese seien im bunten Trottoir-Jekami untergegangen, sagt Hardegger. Manchmal wüssten nicht einmal Fachleute, selbst Polizisten nicht, was nun gelte. "Viele Städte haben die Trottoirs abschnittsweise für den Veloverkehr freigegeben, und es ist nicht mehr klar, wo Velos offiziell erlaubt sind und wo verboten, damit geht vielen Velofahrenden das Unrechtsbewusstsein verloren", sagt Hardegger. Kommt hinzu, dass E-Bikes, diese boomenden Schnellräder (siehe Artikel rechts), überall dort fahren dürfen, wo Velos erlaubt sind. Mitunter also auch auf dem Trottoir.

Gefährlich wird es schließlich für den Fußgänger, der auf dem eigenen Stück Straße zur Schnecke wird – und aufpassen muss, dass er nicht unter die Räder kommt.

Wenig Begeisterung haben die Fußgänger-Lobbyisten auch für die Mischverkehr-Zonen. Verkehrsplaner setzen gerne auf diese platzsparende, günstige und vor allem einfach realisierbare Lösung. Velo- und Fußverkehr befinden sich dort am selben Ort, man arrangiert sich miteinander, nimmt Rücksicht. Solange kein dichter Verkehr herrsche, funktioniere das auch gut, sagt Hardegger.

Wie tückenreich eine Mischverkehr-Zone aber sein kann, erlebt die Stadt Zürich seit drei Jahren in der Unterführung an der Langstraße. Diese verbindet die beiden Stadtkreise vier und fünf und ist stark frequentiert. 8.500 Velofahrer und 3.500 Fußgänger versuchen dort jeden Tag unbeschadet aneinander vorbeizukommen, die einen mit zwanzig, die anderen mit vier Kilometern pro Stunde. Das kommt nicht immer gut. 15 Unfälle gab es in den vergangenen drei Jahren in der Unterführung. Unhaltbar!, schimpften die Radfahrer. Unbefriedigend!, befand nun auch die Stadtregierung – und hat Anfang Mai versuchsweise Markierungen anbringen lassen, die mehr Sicherheit bringen sollen. Ein Teil der Unterführung gehört nun den Fahrrädern, ein Teil den Fußgängern. Beide Gruppen sollen beim Durchqueren auf ihrer Seite bleiben.

Eigene, sichere Räume für Fußgänger und Velofahrer innerorts: Das ist das Hauptanliegen von Fussverkehr Schweiz. Seit 1985 wären die Kantone und Gemeinden verpflichtet, ihre Netze für die elementarste und platzsparendste Fortbewegungsart zu pflegen. Doch die wenigen Fuß- und Wanderwegsbeauftragten in den Verwaltungen von Gemeinden und Kantonen können oft noch zu wenig ausrichten gegenüber den Tausenden, die sich ebendort um die Straßen für den Autoverkehr kümmern.

Das Trottoir den Fußgängern!

Die Fußgänger gehen meist unter in den Diskussionen um Milliardenprojekte, die um den Ausbau von Schienen und Straßen geführt werden. Und wenn einmal über Langsamverkehr diskutiert wird, dann müssen es Veloautobahnen sein.

So ist ein Trottoir am Ende oft nicht das, was es sein müsste – ein mindestens 2,4 Meter breites Refugium für jene, die sich zu Fuß bewegen –, sondern der Restraum, der übrig bleibt, wenn die Straße fertig gebaut ist.

Das Schattendasein der Fuß-Mobilität steht in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Bedeutung. Die Schweizer Bevölkerung verbrachte 2015 täglich eineinhalb Stunden im Verkehr. Fast ein Drittel, nämlich 29,8 Minuten davon, waren die Leute zu Fuß unterwegs. Dabei legten sie eine Strecke von 1,9 Kilometern zurück. Das zeigt die Mobilitätsstudie Mikrozensus Mobilität und Verkehr. Länger als auf den eigenen Beinen, nämlich 33,9 Minuten, waren die Schweizer nur im Auto unterwegs. Und auch der gesamte öffentliche Verkehr liegt mit seinen 11,5 Minuten weit hinter den Fußgängern.

Was also müssten die Schweizer Städte tun, in denen die Platznot auch in Zukunft zunehmen dürfte, um den Fußgängern jenen Raum zu geben, den sie verdienen? Und vor allem: Auf wessen Kosten soll es gehen?

Köbi Gantenbein, Chefredaktor der Architekturzeitschrift Hochparterre, hat unlängst dafür geworben, "alle Velos vom Trottoir zu treiben". Ausnahmslos. Das Trottoir den Fußgängern! Alles Fahrbare, vom kleinen Trottinett über das Velo, den Töff, bis zum Fiat 500 und zum Lastwagen, gehöre auf die Straße. Innerorts würde im Regime Gantenbein Tempo 30 gelten.

In Prag sorgt dieser Tage ein anderer Tabubruch für aufgeregte Diskussionen. "Deshalb haben wir beschlossen, dass wir die Sicherheit der Fußgänger im Zentrum garantieren werden." So begründet eine Sprecherin des Prager Altstadtbezirkes das Velofahrverbot, das ab Donnerstag in der Innenstadt gelten soll. Wer zwischen 10 und 17 Uhr den Wenzelsplatz besuchen will und die Gebiete rundherum, der darf dies zu Fuß tun – und sein Fahrrad schieben.

In Prag hat man begriffen: Alles geht nicht, Tram, Bus, Autos, Fußgänger und Velofahrer.

Die Stehroller übrigens, die hat man dort bereits vor zwei Jahren aus der Innenstadt verbannt.