"Was ist eigentlich los in diesem Land, mit der Verrohung, die wir an vielen Stellen sehen?" So empörte sich Gesundheitsminister Jens Spahn bei der Eröffnung des Ärztetages in der vergangenen Woche. Gerade hatten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der NAV-Virchow-Bund erste Ergebnisse einer großen Umfrage unter Ärzten veröffentlicht: 288-mal pro Arbeitstag komme es in deutschen Arztpraxen zu körperlicher Gewalt gegen Mediziner und Mitarbeiter.

Zeitungen und Nachrichten-Websites griffen die Meldung auf, immer prominent dabei: die 288. Oft stand die Zahl gleich in den Überschriften. Nur, sie stimmt nicht. Wie kam sie zustande? Was wäre die korrekte Zahl gewesen? Und was kann diese über Gewalt gegen Ärzte aussagen?

1. Worauf basiert die Zahl?

288 Vorfälle pro Arbeitstag, diese Zahl stammt aus einer Hochrechnung. Insgesamt waren Antworten von 7561 Ärzten aus der Umfrage ausgewertet worden. Von denen wurde auf alle Kassenärzte in Deutschland geschlossen, das sind 147.000 Mediziner. Im Prinzip korrekt.

Als Basis für eine Hochrechnung braucht man nun den Anteil der befragten Ärzte, die in einem Jahr körperliche Gewalt erfahren haben. Das seien im vergangenen Jahr 17 Prozent der Mediziner gewesen, so kommunizierte es die KBV. Wer in die Auswertung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (infas) schaut, das die Umfrage "Ärztemonitor" durchgeführt hat, findet den Wert von 17 Prozent wieder. Allerdings bezieht er sich gar nicht auf alle befragten Ärzte, sondern nur auf die Untergruppe derjenigen, die angegeben hatten, irgendwann einmal in ihrer Praxistätigkeit Erfahrung mit körperlicher Gewalt gemacht zu haben. Das sind weniger: 1953. Und von dieser Untergruppe haben rund 17 Prozent im vergangenen Jahr Gewalt erfahren (genau genommen sind es 16,6 Prozent). Das sind 325 Ärzte.

Natürlich sind auch 325 Ärzte, die Gewalt in ihren Praxen erleben, 325 zu viel. Doch bezieht man diese Zahl auf alle befragten Ärzte, ergibt sich ein Anteil von 4,3 Prozent Betroffenen im vergangenen Jahr – deutlich weniger als die kommunizierten 17 Prozent.

2. Wie wurde die Zahl berechnet?

Der falsche Prozentsatz war eine der Zutaten für die schlagzeilenträchtige Zahl von 288 Fällen körperlicher Gewalt gegen Ärzte pro Arbeitstag. Diese hatten KBV und NAV-Virchow-Bund mithilfe dreier weiterer Zutaten errechnet: erstens der Gesamtzahl der Kassenärzte, zweitens der Arbeitstage pro Jahr und drittens der Vorfälle pro Arzt. Entsprechend ist auch sie falsch: Stimmt die Basis nicht, kann die Hochrechnung nicht richtig sein.

Setzt man die korrekte Basis ein, ergibt sich Folgendes: 4,3 Prozent der befragten Ärzte erlebten im vergangenen Jahr körperliche Gewalt in ihrer Praxis. Bezogen auf alle Kassenärzte, wären das 6.336 Ärzte. Nach Berechnungen von infas kam es im Mittel zu 2,3 Vorfällen pro Betroffenem, das würde also 14 573 Vorfälle insgesamt machen. Bei 200 Arbeitstagen wären das im Durchschnitt 73 Vorfälle pro Tag – also nur ein Viertel der 288 Fälle, die es in die Schlagzeilen schafften.

Noch einmal: Auch 73 Fälle von Gewalt verletzen Menschen und verursachen Leid. Trotzdem ist es aufschlussreich, solche Zahlen ins Verhältnis zu setzen. Eine andere Perspektive auf das Phänomen ergibt sich zum Beispiel, wenn man die hochgerechnete Zahl aller Vorfälle (14.573) auf die Zahl aller Begegnungen zwischen Ärzten und Patienten bezieht. Das sind nach Angaben der KBV eine Milliarde pro Jahr. Zu Gewalt würde es demnach in 0,0015 Prozent aller Arzt-Patienten-Kontakte kommen. In deutschen Praxen geht es demnach ziemlich friedlich zu – auch diese Sichtweise lassen die Daten zu.

3. Wie kam es zu dem Fehler?

"Es ist in der Tat ein Rechenfehler", räumt der Leiter der Pressestelle des NAV-Virchow-Bundes, Klaus Greppmeir, gegenüber der ZEIT ein. Und der Sprecher der KBV, Roland Stahl, schreibt: "In unserer schnellen Berechnung haben wir hier eine zu hohe Zahl ermittelt." Öffentlich korrigiert haben das die Vereinigungen bis Redaktionsschluss jedoch nicht.

Wie ist es zu diesem Fehler gekommen? Dazu wollten sich die Pressesprecher nicht äußern. Greppmeir erklärt lediglich per E-Mail: "Der Bezug der Frage zu körperlicher Gewalt in den letzten 12 Monaten auf die Vorfrage [...] war [...] unscharf und führte bei der ersten Auswertung zu der Fehlannahme."