DIE ZEIT: Herr Dorgerloh, Sie kommen von den Preußischen Schlössern und Gärten und dürfen jetzt ins alte Preußen-Schloss einziehen. Wie kann man preußisches Erbe neu bespielen?

Hartmut Dorgerloh: Das Humboldt Forum hat mit dem preußischen Erbe nur bedingt etwas zu tun.

ZEIT: Nun ja, die ganze Idee entstand doch nur, um der preußischen Schlossfassade etwas Kosmopolitisches entgegenzusetzen?

Dorgerloh: Es ist ein Haus, das sich mit seiner Fassade und dem Schlüterhof bewusst in ein Verhältnis zur eigenen Geschichte setzt. Das heißt aber auch, dass man den Besuchern nichts vormachen darf. Man muss ihnen sagen: Wenn ihr ein richtiges Schloss sehen wollt, geht nach Sanssouci! Wenn ihr ein wiederaufgebautes Schloss sehen wollt, geht nach Charlottenburg! Im Humboldt Forum geht es auch darum, zwei Trauergemeinschaften glücklich zu machen: die über den Palastverlust und die über den Schlossverlust Trauernden.

ZEIT: Wie kann man die um den Palast Trauernden trösten?

Dorgerloh: Weg ist weg, man kann es nicht wiederauferstehen lassen, das gilt für das Schloss wie für den Palast der Republik. Aber man kann daran erinnern, auf faire Art. Es wird im Humboldt Forum sowohl Objekte aus der Geschichte des Schlosses als auch aus der Palastphase geben. Die alten Kugelleuchten wird man wiederfinden und Gemälde aus der Serie Wenn Kommunisten träumen, um deutlich zu machen: Hier war mal was.

ZEIT: Kein zweiter Intendantenposten wird von der Öffentlichkeit so scharf beobachtet wie dieser.

Dorgerloh: Wir arbeiten mit öffentlichen Geldern für die Öffentlichkeit. Deswegen ist die Besucherperspektive wichtig. Die sollen sagen: Es war ein toller Besuch, da kannst du auch mal hingehen.

ZEIT: Ist das kein zu niedriges Ziel für ein solches nationales Vorzeigeprojekt?

Dorgerloh: Das ist die Basis. Gleichzeitig hat das Humboldt Forum die Aufgabe, nicht nur für Berlin zu wirken, nicht nur für die Bundesrepublik, sondern weltweit Resonanzräume zu schaffen.

ZEIT: Das klingt so, als würden sie den globalen Anspruch eher zurückhaltend formulieren. Soll es nicht darum gehen, dass das Humboldt Forum von jenen Gesellschaften mitgestaltet wird, aus deren Ländern die Objekte der Ethnologischen Sammlungen stammen?

Dorgerloh: Ich würde den Anspruch pyramidal auffassen. Es hat einen Anspruch in der Basis, der auch in die Breite wirkt, und es hat darauf aufbauend eine Spitze. Aber ich kann nicht nur nach oben gucken.

ZEIT: Und wie würden Sie die Spitze der Pyramide umreißen?

Dorgerloh: Wir müssen aus der lokalen Positionierung der Sammlungen herauskommen und sagen: Wir haben nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Sammlungen, denn sie gehören uns nicht, wir sind nur Treuhänder. Wir können sie in verschiedenen Kooperationsformen präsentieren, wir können sie auch mal woanders zeigen. Das ist der Anspruch. Den kann man nicht entwickeln als Generaldirektor, sondern nur als Intendant.

ZEIT: Was ist der Unterschied?

Dorgerloh: Ein Direktor gibt nicht nur den Spielplan vor, sondern entscheidet in allen Einzelfällen. Beim Intendanten geht es um die Spielplangestaltung mit einem sehr viel vielstimmigeren Apparat.

ZEIT: Also der Generaldirektor kann mehr durchregieren als der Generalintendant?

Dorgerloh: Ja.