Von allen Versuchungen, die der Pop für seine globale Gemeinde bereithält, ist Hip-Hop die größte.

Glitzern sollst du und prahlen und dich selber feiern als Ultima Ratio des Künstlerseins. Deinen Nächsten, der nur als Konkurrent und Widersacher zu denken ist, sollst du niedermachen mit Schmähreden, gegen die sich die Drohrhetorik des Alten Testaments ausnimmt wie ein Wiegenlied. Deine Sippe, alias deine Gang, deine Homies und Geschäftspartner, sollst du lieben und beschützen wie weiland der Herr seine Auserwählten und auch dann noch begleiten, wenn es darum geht, das Gesetz zu brechen. Der kalifornische Hip-Hop-Star Snoop Dogg geriet auf diese Weise in den neunziger Jahren unter Mordverdacht; er hatte das Auto gefahren, aus dem sein Leibwächter einen Mann erschoss.

Derselbe Snoop Dogg hat nun, nach einer langen Karriere im Gangsta-Rap, nach zahllosen Songs über Shoot-outs, Drogendeals und Sexpartys ein Gospel-Album aufgenommen: Snoop Dogg presents The Bible of Love. Die Bibel der Liebe, schon der Titel sagt: keine Missverständnisse, Brüder, die Botschaft lautet ab jetzt Vergebung, nicht Vergeltung. Die Platte ist absolut unironisch, 32 Songs mit schmachtenden Chören und seufzenden Kirchenorgeln und "Praise the Lord!" jauchzenden Sängern. Und zwischendrin der näselnde Ton eines Rappers, der stolz darauf war, beste Kontakte in die Hood, ins Milieu des organisierten Verbrechens zu haben, und dessen vorletzte Platte auf dem Cover einen toten Donald Trump im Leichenhaus zeigt. Titel des Werks: Make America Crip Again. Die Crips gehören neben den Bloods zu den gefährlichsten Banden der USA, Zehntausende Mitglieder sollen an der Westküste unter Waffen stehen.

Nun also: Reue und Zerknirschung, Liebe und Trost, und man könnte sagen, wer’s glaubt, wird selig. Ist doch bloß der nächste Marketing-Kniff, die nächste Volte im Showbiztheater von Snoop, dem dauerbekifften Schlaks aus Long Beach, wo die Gangs weiterhin das Sagen haben. Noch so viele Obama-Reden und Toni-Morrison-Texte konnten daran nichts ändern. Aber wenn man sich dann ein wenig umsieht im erfolgreichsten Pop-Genre der Welt (denn Hip-Hop-Songs werden am meisten gestreamt auf Spotify, Hip-Hop-Stars verkaufen mehr Alben als die Künstler aller anderen Sparten zusammen – sorry, Country, sorry, Indierock –), dann stellt man fest: Die christliche Idee ist zurzeit stilprägend im Hip-Hop. Die Vorstellung ist populär, dass man hienieden vielleicht doch nicht alles machen sollte, was einem so zwischen zwei Whirlpool-Sitzungen mit Schampus und Bikini-Girls (zu sehen in jedem zweiten Snoop-Video) in den Sinn kommt.

Könnte ja sein, dass es doch noch höhere Instanzen gibt als Benjamin Franklin, dessen Konterfei die 100-Dollar-Noten ziert, auch wenn ein berühmter Rap-Song verkündet: It’s All About the Benjamins. Könnte ja sein, dass Erlösung weniger mit Erlösen, sondern mit, salbungsvolles, aber hier nötiges Wort: Loslassen zu tun hat. Loslassen heißt hier Abkehr von der vulgär-calvinistischen Vorstellung, dass Gottes Gnade sich in Bentleys, Trust-Funds und Ferienhäusern in den Hamptons ausdrückt.

Möglicherweise ist nämlich das Gegenteil der Fall. Erlösung ist nur um den Preis eines Risikos zu haben, und dieses Risiko ist das Gegenteil von monetär verbürgten Sicherheiten und sozial fabriziertem Wertgefühl. Dieses Risiko ist der Zweifel.

Zweifler sind die aktuellen Superstars des Hip-Hop allesamt, und zwar wortgewaltige. Der größenwahnsinnige Kanye West, der seine Alben Yeezus und in Anspielung auf den Apostel Paulus The Life of Pablo nennt, offenbart in seinen Songs fromme Sehnsüchte: "Ich will mit Gott sprechen, aber ich habe Angst, weil wir schon so lange nicht mehr geredet haben."

Oder der im Mai mit dem Pulitzerpreis geehrte Kendrick Lamar. Sein aktuelles Album heißt Damn, das Video zur ersten Song-Auskoppelung zeigt ihn erst im Ornat des Papstes, dann mit Freunden an einem Tisch im Stil von Leonardo da Vincis Abendmahl. Kendrick Lamar kokettiert mit Blasphemie, aber in dem Lied Humble (bescheiden) geht es dann ganz demütig um die Fallstricke des Ruhms und des Hochmuts und darum, wie wichtig es ist, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Zwischen den Songs hört man immer wieder den Ausruf: "Nobody’s praying for me." Das könnte bedeuten: Soll bitte bloß keiner von euch Philistern für mich beten! Verschont mich mit eurer Caritas! Es könnte aber auch ein Hilferuf sein: Keiner betet für mich! Keiner sorgt sich um mein Seelenheil!

Erstaunlich, wie im Hip-Hop die Gotteslästerung und die Gottessehnsucht zusammenpassen: Weltruhm und Innenschau, Glamour und Einkehr, 20-Zimmer-Villa und metaphysische Obdachlosigkeit. Vielleicht aber macht die Ästhetik genau dieses Genres es möglich. Rapper sind in ihrem Gestus ja Prediger. Rap ist also für die Klärung von Glaubensfragen ideal. Man tadelt, preist oder kanzelt ab. Man missioniert und beichtet. Die größten Alben waren immer auch Konfessionen, Selbstoffenbarungen des bedrängten und leidenden Subjekts. Der Rapper Drake, der am meisten gestreamte Künstler der Welt, hat mit den radikalen Auffächerungen seines Gefühlslebens eine moderne Bekenntnisliteratur geschaffen. Augustinus für die Generation Snapchat.

Und Snoop Dogg? Da zieht Gospel nun das ganze bisherige Werk in Zweifel. Zur Bible of Love passen Snoops alte Kanzelreden der Gewalt nicht mehr, seine überspannten Huldigungen der kapitalistischen Idee. "The Doggfather" ließ sich der Rapper früher titulieren, eine kesse Anspielung auf den Godfather, den Mafia-Boss aus Der Pate, aber eben auch eine häretische Verdrehung: God und dog waren Teile eines Sprachspiels, das sich vermarkten lässt.

Das war natürlich Teufelszeug – die Kunst, alles einzuebnen, gleichzumachen, so wie es der Tauschwert tut, der alle Beziehungen zerstört, indem er sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt: ihre Verwertbarkeit. Snoop Dogg, dieser vom Rap-Saulus zum Soul-Paulus Gewandelte, weiß das. Früher fragte er in seinen Songs gebetsmühlenhaft: "What’s my motherfucking name?" Und ein säuselnder Chor antwortete: "Snoop Doggy Dogg!" Das war die Selbstanrufung eines Narziss, die Beschwörung des eigenen Egos. In der Liebesbibel nun wird der Ich-Sucht abgeschworen, und der Rapper ersetzt sie – durch Zweifel: "What’s my name without Your love?", heißt es nun, an Gott gewandt. "What’s my name without You?" Herr, was bin ich ohne Dich? Frommer geht es nicht.