Der Flur erscheint noch normal, aber schon die Küchentür hat ziemlich ungewöhnliche Klinken: Außen greift man auf Metall, innen auf Holz. "Das ist unser antimikrobielles Eichenholz", erklärt Tanja Zimmermann, "keinerlei Viren, Bakterien oder Pilze können darauf wachsen." Die Metallklinke dient der Kontrolle, dort hat der Handschweiß nach der Küchenarbeit ein Mikroben-Gewimmel entfacht.

Auch das Türblatt ist aus ganz besonderem, etwas weißlichem Holz. Selbst wenn es beim Kochen von einer Stichflamme erwischt würde, brennen kann es praktisch nicht. "Wir haben mit einer chemischen Reaktion Kalk tief in die Zellwandstruktur eingebracht und das Holz schwer entflammbar gemacht", sagt Zimmermann. Die Holzwissenschaftlerin war bis vor Kurzem Leiterin der Abteilung für angewandte Holzforschung an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Zürich. Inzwischen ist sie dort Chefin für alle Aktivitäten rund um sogenannte funktionale Materialien.

Vision Wood heißt die holztechnisch aufgerüstete Versuchswohnung in einem futuristisch anmutenden Gebäude auf dem Empa-Gelände. Vieles von dem, was Zimmermann an der Empa und ihre Kollegen an der benachbarten technischen Hochschule ETH im Labor entwickeln, wird hier zum ersten Mal auf seine Praxistauglichkeit getestet. Zwei Doktoranden leben in der Versuchswohnung und dokumentieren ihre Erfahrungen mit den neuen Materialien.

Zum Beispiel mit dem hydrophoben Holz. Die Duschwand und das Waschbecken im Bad wurden daraus gefertigt. Auch nach einem Jahr sind in den Ecken weder Schimmel noch schwarze Ränder zu sehen. Dabei ist das wasserabweisende Buchenholz an der Oberfläche unbehandelt, die Zusatzfunktion versteckt sich in einer feinen Metalloxidschicht darunter. "Der Trick ist, dass wir das Metall so fest in den Holzzellen verankern, dass es nicht abgewaschen werden kann", sagt Zimmermann.

Eine Variation dieser Technik macht das Holz magnetisch. Dafür sorgen Eisenoxidpartikel, die sich in Faserrichtung anordnen. Ein kleines Küchenmesser bleibt direkt an der Holzplatte über dem Herd hängen. Jod, das für dauerhaft keimfreies Holz sorgt, wird über ein Enzym fest in der Oberfläche verankert. Oder das Holz wird mit Kunststoffeinlagerungen zwischen den Zellwänden omniphob, sowohl Wasser als auch Öl perlen dann von ihm ab. Im Unterschied zu einer Behandlung mit Lack oder chemischen Holzschutzmitteln kann nichts abreiben oder aufplatzen. Das funktionale Holz lässt sich ganz normal verarbeiten, und seine besonderen Eigenschaften bleiben auf Dauer erhalten. Und weil alle eingebrachten Stoffe ungiftig sind, kann man es am Ende seiner Lebenszeit problemlos recyceln oder verbrennen.

In den vergangenen fünf Jahren hat die Schweiz umgerechnet 15 Millionen Euro in ein nationales Forschungsprogramm investiert, das die industrielle Verwendung von Holz befördern soll. Zwar ist Holz schon in unbehandeltem Zustand fest und doch flexibel, lässt sich relativ einfach bearbeiten, trägt zu einem angenehmen Raumklima bei, strahlt Gemütlichkeit aus, ist ein nachwachsender, klimaneutraler und in großen Mengen verfügbarer Rohstoff. Als Naturmaterial hat Holz allerdings – anders als Metall, Beton oder Kunststoff – keine standardisierten Eigenschaften. Jeder Baum ist anders. Das macht den Einsatz in der Architektur zu einer anspruchsvollen Aufgabe.

Wie sie gelöst werden kann, demonstriert Andrea Frangi in der Bauhalle auf dem Zürcher ETH-Campus. Der Holzingenieur führt zu einer langen Reihe aufgebockter Buchenplatten. Sie bestehen aus über einem Dutzend kreuzweise verleimter Furniere. Die Oberfläche ist nicht glatt, sondern mit den unterschiedlichsten Auskerbungen versehen. Auf der Baustelle dienen die Platten als Schalung für Wände und Geschossdecken. Der flüssige Beton dringt in die ausgefrästen Kerben und bildet so eine feste Verbindung mit dem Holz. Wenn der Beton ausgehärtet ist, wird die Schalung nicht wie sonst üblich entfernt. Ihre glatte Rückseite bleibt sichtbar – als Holzwand oder -decke. "Das Holz ist sehr formstabil, und das Gewicht ist gegenüber normalem Stahlbeton auf die Hälfte reduziert", sagt Frangi.