Er geht den Bürgersteig entlang wie jeden Morgen, von der Kieler Straße runter nach Eimsbüttel, sechsspurig fahren die Autos neben ihm, er schiebt seinen Rollator. Nach zehn Minuten biegt er links in einen kleinen Pfad, ein griechisches Restaurant, daneben ein Damenfriseur, daneben sein Laden, der HerrenFriseur heißt, den seine Kunden aber anders nennen: HSV-Friseur. Er stellt den Rollator gegenüber an eine flache Hecke, holt seine Schlüssel raus, wie jeden Morgen. Er schließt seinen Laden auf, knipst das Licht an, erst im Salon, dann im Miniaturstadion, das hinten links in der Ecke steht, sein bester Freund Klaus, den er "mein Klausi" nennt, hat es ihm zusammengebaut, und weil es ihm zu dunkel war, hat er noch eine blau leuchtende Lichterkette eingezogen. Er macht das Radio an, 90,3, das mögen seine Kunden am liebsten, zieht Abendblatt und Bild aus dem Briefkasten, stellt seine grüne Tasche hinter die Theke, in die Tasche hat er zwei Butterbrote mit Bauernmettwurst gepackt, wie jeden Morgen. Er prüft, ob alles am rechten Platz liegt, die Schere zum Schneiden, die Schere zum Ausdünnen, die Rasierklinge, der Rasierpinsel, der Kamm. Ja, liegt es, aufgereiht am oberen Rand des linken Waschbeckens. Er setzt sich auf einen der beiden schwarzen Lederstühle und wartet auf den ersten Mann, der sich von seinem Herrenfriseur die Haare schneiden lassen will.

Ein Montagmorgen wie jeder andere.

Kein Montagmorgen wie jeder andere.

Weil sich für Ernst Schmidt nichts mehr anfühlt wie vorher, seit am Samstag um 17.35 Uhr endgültig feststand, was er lange befürchtet hatte, aber nicht wahrhaben konnte, verdrängen wollte: Der Hamburger Sportverein ist nicht mehr Teil der Ersten Bundesliga. Sein Fußballverein, abgestiegen, nach 55 Jahren. Schmidt ist einer der ganz wenigen, womöglich gar der einzige Anhänger des HSV, der vom ersten Bundesliga-Spiel an dabei war, immer mit Dauerkarte, jede Saison. Wenn einer weiß, was dieser Abstieg bedeutet, dann er.

"Man musste ja seit Jahren damit rechnen", sagt er, "aber jetzt zweite Liga, ich kann es immer noch nicht glauben." Er dreht sich im Stuhl, links, rechts, blickt nach oben, über die Spiegel, wo HSV-Fahnen schlaff herunterhängen, wo ein Ball mit Unterschriften liegt, wo eine Luftschlange gespannt ist, an der HSV-Rauten baumeln. "Das kann man sich gar nicht vorstellen", sagt er, dreht sich weiter im Stuhl, schaut zum Tresen, auf ein Bild von seiner Tochter Gabriele und seinem Sohn Kay, mit dem er zu jedem Heimspiel fährt; schaut auf ein Foto, auf dem er den ehemaligen Trainer Bruno Labbadia im Arm hält; schaut auf Autogrammkarten von Spielern mit Unterschriften, Marcell Jansen, René Adler, Nicolai Müller. "Das gibt’s nicht", sagt er, "echt nicht."

An einer Wand hinter dem Tresen hängen zwei HSV-Trikots, eines mit der Nummer 80 und eines mit der Nummer 90. Auf dem einen steht Ernst, auf dem anderen Schmidt. Er hat sie vom Verein geschenkt bekommen, zu seinen runden Geburtstagen. Im Februar ist Ernst Schmidt 92 geworden.

"Dass du das noch erleben musst, Ernst", sagen jetzt seine Freunde. Er sagt nur: "Ich habe bis zum Schluss gehofft." Bis zum vergangenen Samstag, als er zum letzten Mal zu einem Erstligaspiel ins Stadion gefahren ist. Sein Sohn hatte ihn abgeholt, sie waren früh da, zwanzig nach zwei war es, nicht zehn nach drei wie sonst immer. "Wir wollten die Atmosphäre aufsaugen", sagt sein Sohn Kay. Sie aßen eine Wurst in der Halbzeit, wie jedes Mal, standen bei Ecken auf und klatschten, sie freuten sich bei den Toren. Aber es half nichts. Wolfsburg führte seit der ersten Minute gegen Köln, schoss noch ein Tor und noch eins und noch eins, ein Sieg reichte dem HSV nicht. Als nur noch wenige Momente zu spielen waren, standen sie auf, Südtribüne, Block 9a, seit Jahrzehnten kennen sie sich, und nahmen einander in den Arm. Harald und Nina und Andreas und Uli, der mal im Ältestenrat des Vereins war. "Papa hat auch gestanden und ein bisschen mitgesungen", sagt sein Sohn Kay, "ich bin da sonst nicht so anfällig, aber das war schon ’ne besonders emotionale Angelegenheit."

54 Jahre, 261 Tage und 36 Minuten und zwei Sekunden. So lange war der HSV in der Bundesliga. So lange jubelte, zitterte, bangte, fluchte, flehte Ernst Schmidt mit.

Mit 18 war er nach Hamburg gekommen, aus Freyburg an der Unstrut, dort war er bei einem Friseur in die Lehre gegangen. Er wollte in die große Stadt, nicht auf dem Land leben. Auf dem Rathausmarkt fing er an zu arbeiten. Ein winziger Pavillon, direkt neben der Straßenbahnhaltestelle. Erst als Mitarbeiter, später übernahm er das Geschäft, frisierte Wirtschaftsbosse und Politiker. Auch Paul Nevermann kam zu ihm, als er Bürgermeister war. Am Wochenende, wenn er frei hatte, ging er ins Stadion, Sportplatz am Rothenbaum, in der Nähe wohnte er mit seiner Frau, zwei Kinder bekamen sie. Ende der Sechziger wurde der Pavillon am Rathausmarkt abgerissen, Schmidt brauchte einen neuen Laden. Er suchte in Altona und Eimsbüttel, näher am Stadion, mittlerweile im Volkspark gelegen, und fand das kleine Lokal, in dem er bis heute arbeitet, Lappenbergsallee 1. Er zog um, in die Kieler Straße, seine Wohnung liegt nun genau zwischen Laden und Stadion.

Er erreichte das Rentenalter und ging weiter zum HSV. Er erreichte das Rentenalter und ging nicht in Rente. Seit 48 Jahren öffnet Schmidt morgens um halb neun seinen Laden. Montags, dienstags, donnerstags und freitags bis 13 Uhr, freitags zusätzlich am Nachmittag, von 15 bis 17 Uhr. Mittwochs und samstags ist geschlossen, an seiner Tür schreibt er dazu: "Ich bitte um Ihr Verständnis!" Der normale Haarschnitt kostet 9 Euro, ein "Spezialhaarschnitt" zwischen 9,50 und 10 Euro, Schnurrbart schneiden zwischen 2,50 und 4,50, Rasieren 6,50. Der ehemalige Kapitän David Jarolim kam zu ihm zum Haareschneiden, genauso wie der ehemalige Trainer Martin Jol. Früher saß er häufig mit seinen Kunden zusammen und diskutierte über den Verein, das konnte auch mal eine Stunde lang gehen. Heute ist es ruhiger geworden im Laden. Viele seiner Kunden sind gestorben oder im Altenheim. Schmidt macht trotzdem weiter, weil er sagt: "Wenn ich den ganzen Tag zu Hause bin, werde ich alt."