Der Arm ist nur ganz leicht verletzt. Ein kleiner Schnitt. Es blutet ein bisschen, nicht weiter schlimm. Und dennoch könnte bald ein Leben in Gefahr sein.

"Scheißtag", schreibt X_HATE.MY.LIFE_X unter das Bild. Sie würde jetzt gern mit jemandem reden, mit jemandem, der sie versteht. Hinter den "Scheißtag" setzt sie noch ein paar Hashtags: #ritzen #depression #borderline #suizid. Sie drückt auf "Teilen" und lädt das Foto von ihrem geritzten Arm in den Instagram-Kosmos.

Auf die anderen vier, fünf Bilder ihres neuen Instagram-Profils hat bisher kaum jemand reagiert. Eine Hand mit knallrot lackierten Fingernägeln, ein Hündchen im Korb, dazu eine Geschichte über ihre Schwierigkeiten in der Schule. Und immer wieder Sprüche wie Hilferufe, rote Schrift auf schwarzem Grund: "... in Wirklichkeit bist du innerlich zerfetzt".

Jetzt also das Bild einer Wunde. Kaum hat sie es geteilt, plingen die Kommentare auf ihr Smartphone:

Süße, nicht schon wieder 😔

Du weißt ja, ich liebe dich trotzdem 😔🖤

Ich weiß, es ist hart 😔

Aber du schaffst das, ich glaub, du bist ein starkes Mädel und kommst irgendwann da weg, und dann wird alles gut. #gibdiehoffnungnichtauf

Maus? ❤️ 🔐 Du schaffst das! Du bist stark! 💘 😘 Ich glaube an dich und kann dich sehr gut verstehen ...😔 ❤️

X_HATE.MY.LIFE_X hasst ihr Teenagerleben. Der Vater arbeitslos, die Mutter krank. Sie hat Angst, dass die Familie ihr Haus verliert. #meinleben #scherbenhaufen, schreibt sie, wenn sie im Fotonetzwerk Instagram erzählt, wie sie das alles kaputtmache. In diesen Tagen im April hat sie zum ersten Mal eine ihrer Verletzungen gezeigt. Sie spricht sonst mit kaum jemandem über die aufgeritzten Arme, die die langen Ärmel ihres Pullovers verbergen. Hier auf Instagram will sie ihr Schicksal teilen.

Dass so viele auf Fotos von ihren geritzten Armen reagieren, überrascht sie. Das erzählt sie einige Wochen später. Etliche hätten sich gemeldet, die sie gar nicht kenne, denen es aber ähnlich gehe wie ihr.

Wie wir mit X_HATE.MY.LIFE_X ins Gespräch kamen

Eigentlich hatten wir über Instagram bisher immer witzige Geschichten erzählt. Wir – ein Journalist und ein Programmierer – analysieren das Netzwerk schon seit längerer Zeit, um aus den Daten Erkenntnisse zu gewinnen: Welche Körperteile werden am meisten fotografiert, und welche bekommen die meisten Likes? Wann ist die regenbogenreichste Jahreszeit?

Dann fragten uns zwei Jugendpsychiater der Universitätsklinik Ulm, ob wir nicht zusammenarbeiten wollten. Sie beschäftigen sich mit Teenagern, die sich selbst verletzen. Wir sollten ihnen helfen, eine dunkle Seite von Instagram zu beleuchten. Einen Monat lang haben wir verfolgt, was auf 1.200 Instagram-Profilen geschieht, die Bilder zum #ritzen veröffentlichen. Einen Monat lang speicherten wir alles, was öffentlich unter deutschen Hashtags wie #ritzen oder #klingenliebe – inspiriert von einem Song des Rappers Casper – gepostet wurde. Am Ende hatten wir rund 32.000 Fotos von 1.200 Profilen gesammelt, davon 2.800 Wunden – kommentiert von 6.600 jungen Menschen.

Die meisten von ihnen gingen noch zur Schule. Das wurde uns schnell klar, weil nach Schulschluss die Datenmengen immer anstiegen. Wir schickten unsere Sammlung von Fotos und Profilen nach Ulm, wo ein Statistiker sie nach Auffälligkeiten durchsuchte und die Klinikmitarbeiter alle, die noch aktiv waren, anschrieben und um ein Gespräch baten.

X_HATE.MY.LIFE_X ist eine von 60 jungen Menschen, mit denen wir sprachen. Ihren Namen haben wir zu ihrem Schutz abgewandelt.

Auf Instagram gibt es sonst keine schlechte Laune

Eigentlich ist Instagram ein fast penetrant glückliches Netzwerk. Eine App, um Fotos mit Freunden und Fremden zu teilen: Fotos vom tollen Essen, der drolligen Katze, dem weißen Strand – von Momenten, in denen das Leben gut zu einem ist. In den vergangenen acht Jahren wurde Instagram, das zu Facebook gehört, zu einem der größten sozialen Netzwerke mit 800 Millionen aktiven Nutzern, darunter überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene. Mit Instagram setzt man sein Leben in Szene: Kamera drauf, Filter drüber, Hashtags drunter – Herzen abwarten. Öffentliches und Privates mischen sich, Voyeurismus und Exhibitionismus. Das macht den Reiz aus.

Man kann innerhalb von Sekunden durch die Biografien wildfremder Menschen scrollen, verfolgen, wie sie mit #freunden #feiern und schick #essen gehen, wie sie in den #urlaub fahren, plötzlich einen #babybauch bekommen, #kinderwagen schieben und #kekse backen. All das ist so faszinierend, dass sogenannte Influencer mittlerweile damit reich werden, in ihrem Instagram-Leben Produkte zu platzieren.