Wäre man eine Nonne, müsste man sich um seine Garderobe nicht so viel Gedanken machen, denkt man zumindest in dem Moment, in dem man den Bahnsteig des Münsteraner Bahnhofs betritt. Drinnen im Zug waren es eben noch herbstliche Temperaturen, draußen dagegen ist es sommerlich heiß. Wäre man ein Bischof, würde man jetzt von einer jungen Dame in einem schwarzen Kostüm und sehr roten Lippen vom Bahnhof abgeholt. Und wäre man eine Mitarbeiterin des Infoschalters, sollte man wissen, wo die Münsterlandhalle ist, schließlich finden dort doch in den nächsten fünf Tagen viele der größten Veranstaltungen des Katholikentags statt. Ist man aber ein Münsteraner Busfahrer, fragt man anders als beispielsweise die Berliner Kollegen eine umherirrende Dame sofort, ob man ihr helfen könne. Wie schön, danke, hallo Münster, denkt man dann und behält lieber für sich, dass die Busse hier für solche hohen Temperaturen offenbar doch nicht gemacht sind.

Ob jenes Münster, das, wie Angela Merkel bei ihrem Besuch zwei Tage später sagen wird, im Jahr 2016 zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt wurde – ja, Sie haben richtig gehört, zur lebenswertesten Stadt der Welt –, ob dieses Münster für all die Katholikentagsbesucher wirklich gemacht ist, das wird eine der Fragen sein, die zu beantworten sein werden. 75.000 Besucher sollen es letztlich gewesen sein, deutlich mehr als zwei Jahre zuvor in Leipzig. Aber die noch viel wichtigere Frage lautet: Wie sucht man hier denn bitte schön Frieden? "Suche Frieden". So heißt das Motto des 101. Katholikentags. Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Ort auf der Welt, an dem es so viel Frieden gibt wie in Münster, wo der Dreißigjährige Krieg zu Ende ging. Also: Wer sucht hier eigentlich was, wo und warum?

Auf dem Domplatz soll die Eröffnung stattfinden, langsam füllt er sich, und als pünktlich um 19 Uhr die Glocken der Stadt läuten, haben alle gemeinsam bereits einmal die Handy-Umfrage ausprobiert. Daran hat man in Münster in diesem Jahr großen Spaß, immer wieder werden die Besucher gebeten, per Handy an spontanen Umfragen teilzunehmen. Und auf die Frage, wo jeder Einzelne Frieden findet, antworten die Menschen in einer beinahe schockierenden Übereinstimmung: in der Familie. Kein anderer Ort, kein anderer Begriff kommt auch nur annähernd so oft vor. Es biedermeiert also ein bisschen in der Seele der Katholiken, denkt man, aber vielleicht ist das nicht mehr als ein erster Eindruck. Denn ist mit jenem Psalm 34, unter dem man sich heuer versammelt hat, wirklich die Familie gemeint? "Lass vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach", heißt es dort.

Am Tag zuvor hat der amerikanische Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt. Deshalb, aber nicht nur deshalb, freuen sich eigentlich alle der prominenten Redner, sei das Motto so wunderbar gewählt. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, sagt das zur Begrüßung. "Hellseherisch", wird Angela Merkel später sogar behaupten. Dennoch mutet dieses Eigenlob fast ein bisschen zynisch an. Also hier, im Münsteraner Paradies.

Sternberg aber sagt auch Wichtigeres. Sätze, die nicht nur die Katholiken dieses Landes hören sollten: Dem Erbe der Friedlichen Revolution und dem geeinten Europa fühle man sich hier in Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens, ganz besonders verpflichtet. Er ruft: "Wir wollen einen Frieden nicht nur für die Mehrheitsgesellschaft." Daraufhin jubeln die 18.000 Menschen vor dem Dom wie im Fußballstadion nach einem Tor. Auch der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt noch einmal in kräftigen Worten, was zu sagen ist: "Friedenspolitik – das ist meine Meinung – hat einen schweren Rückschlag erlitten. Und das ist bitter in einer Zeit, in der wir sie brauchen – dringender denn je." Und die anfängliche Biedermeierstimmung ist zum Glück schnell wieder verflogen.

Am nächsten Tag sucht Steinmeier gemeinsam mit dem Politologen Herfried Münkler "Antworten auf neue Nationalismen". Bei dem spröden Titel ist die Versuchung groß, gleich wieder zu gehen. Doch dann hätte man eine Stunde umsonst mit Hunderten anderen auf engen schwarzen Stühlen gehockt und all die dünnen Daunenjacken bestaunt, die die meisten Zuhörer in allen von Gott geschaffenen Farben tragen. Münster, denkt man, macht sich selbst ja eigentlich die größte Konkurrenz. Ihr Ruf eilt der Stadt so weit voraus, dass man dann, wenn man da ist, eigentlich nur noch denken kann, sooo schön ist es nun auch wieder nicht. Als Steinmeier endlich – und anders als Angela Merkel – reichlich spät die Bühne betritt, erheben sich die Menschen von ihren Sitzen und applaudieren.

Der Ruf eilt der Stadt so weit voraus, dass man dann, wenn man da ist, eigentlich nur denken kann, sooo schön ist es auch wieder nicht.

Die Politik hat der Religion in diesem Jahr die Schau gestohlen, an die Politik richten die Menschen, so zumindest sah es in Münster aus, im Moment die großen Fragen, von ihr erhoffen sie sich auch die großen Antworten. Vielleicht auch gerade weil viele dieser Fragen mit dem Glauben, der Religion und deren Interpretation zu tun haben. Die Markus-Söder-Idee, wonach in allen bayerischen Amtsstuben jetzt wieder das Kreuz hängen soll, ist ja nur eine davon. Horst Seehofer, der Innen- und Heimatminister, hat seine Teilnahme am Katholikentag kurzerhand abgesagt, das mit Verkehrsproblemen erklärt und stattdessen Gesundheitsminister Jens Spahn geschickt. In der aktuellen Ausgabe des "Spiegels" findet sich nun ein Interview mit Seehofer, in dem er die Kritik der Kirchen an diesem Vorstoß seinerseits heftig kritisiert. Hat er es deswegen vorgezogen, lieber nicht nach Münster zu kommen?