Als katholische Frau hat man es nicht leicht. Bei jeder ökumenischen Gelegenheit kann man von einer Protestantin mit einer Mischung aus Neugierde und Entrüstung gefragt werden, ob es einem überhaupt nichts ausmacht, dass Frauen nicht Priesterin werden können. Noch ein bisschen persönlicher wird es bei katholischen Theologinnen, die besonders gerne von ihren evangelischen Kolleginnen und Kollegen gefragt werden, wie sie das finden, dass sie nicht geweiht werden dürfen.

Ich weiß das, weil ich das bereits selbst gefragt habe. Es war mir nicht begreiflich, wie Frauen in einer Kirche bleiben und glücklich werden können, die ihnen etliche Ämter verwehrt. Genauso wenig begriff ich, dass diese Frage unsensibel, gar verletzend sein kann.

Vielen katholischen Christinnen und Christen, so erfuhr ich im Laufe vieler Begegnungen und Gespräche, ist so eine Frage unangenehm. Sie haben das Gefühl, sich für ihre Kirche rechtfertigen, sie in Schutz nehmen zu müssen, obwohl sie mit vielem nicht übereinstimmen. Liberale Katholiken schmerzt es, dass eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ebenso wenig möglich ist wie eine Bischöfin. Sie wünschen sich, dass ihre offene, inkludierende Haltung sich auch in kirchlichen Strukturen niederschlägt, und müssen damit leben, dass das oft nicht passiert. Manche suchen Linderung in der Kontemplation, andere in dem aktiven Einsatz für die Weihe zur Diakonin oder gar Priesterin. Wenn Protestantinnen aber liberalen Katholiken wieder und wieder vorhalten, was in der römisch-katholischen Kirche alles nicht möglich ist, streuen sie Salz in Wunden. Oft aus Versehen, aber mitunter auch aus der überheblichen Überzeugung heraus, irgendjemand müsse "die Katholiken" jetzt mal auf diese Missstände hinweisen, und zwar am besten sie. Frauen! Homosexuelle! Zölibat! Abendmahl!, rufen sie. Nur: Die einen hoffen hier bereits seit Längerem auf Veränderung, sie muss man darauf nicht erst hinweisen. Die anderen hingegen sind froh, dass ihre Kirche theologische Wahrheit nicht dem Geist der Zeit preisgibt. Sie lassen sich ganz sicher nicht durch protestantische Sticheleien umstimmen.

Evangelische Christen wissen oft gar nicht, wie plural die römisch-katholische Kirche in Deutschland ist. Die Bistümer unterscheiden sich in ihrer Prägung, ebenso die Orden und dann wiederum die Pfarreien. Einige sind vor allem Rom treu, die anderen eher Franziskus. Nach allem, was ich bisher über die katholische Kirche lernen durfte, lebt ein nicht unerheblicher Teil der Katholikinnen und Katholiken in Distanz zu so manchem Dogma und kann trotzdem nachts gut schlafen. Was der Bischof sagt, interessiert an der Basis längst nicht jeden. Basis ist eh ein Wort, das ich bei dem ökumenischen Barcamp auf dem Katholikentag häufiger gehört habe. Für die ökumenisch engagierten Katholiken ist entscheidend, was dort geschieht. Und das ist vielerorts mehr als offiziell erlaubt. Evangelische Christinnen nehmen ganz selbstverständlich an der Eucharistie teil. Gleichgeschlechtliche Paare werden von Priestern oder Diakonen gesegnet. Man darf’s nur nicht an die große Glocke hängen. Don’t ask, don’t tell. Mit dieser Haltung tun sich Protestanten gemeinhin schwer. Hier wählt die Basis, vermittelt durch die Synode, ihren Bischof selbst. Und gewählt wird, wer theologisch, menschlich und politisch den Vorstellungen der Mehrheit entspricht. Im Protestantismus mag es keine offizielle Lehrmeinung geben. Eine Diskurshoheit gibt es schon, auch wenn wir das ungern zugeben.

Das Verhältnis zwischen Kirchenmitglied und Kirchenleitung unterscheidet sich deutlich zwischen katholischer, reformierter und lutherischer Kirche. Darüber wird aber nicht oft genug geredet, und das führt zu Missverständnissen – und bei Protestanten oft dazu, dass sie ihrem katholischen Gegenüber unterstellen, in allen Fragen des Glaubens und des Lebens mit der Glaubenskongregation konform zu gehen. Es lohnt sich, mehr zu fragen und weniger anzuprangern.

Ökumene gelingt, wenn Vorurteile abgebaut werden. Kardinal Marx und Landesbischof Bedford-Strohm kennen sich anscheinend so gut und mögen sich so gern, dass sie Missverständnissen erfolgreich vorbeugen. Ich wünsche mir so eine ökumenische Freundschaft und Verbundenheit auch in der Jugendarbeit, in den jeweiligen Frauenverbänden, unter Theologinnen und Theologen beider Konfessionen. Viel reden hilft viel, und etwas gemeinsam tun oder feiern hilft noch mehr. Es hilft auch, das geringe Wissen über die andere Konfession zu erweitern. Jüngere Protestanten wissen heute mehr über den Ramadan als über die Bedeutung von Fronleichnam, waren eher schon einmal beim Fastenbrechen dabei als bei einer Prozession.

Und schließlich, liebe evangelische Christinnen und Christen, mischt euch nicht ungefragt in katholische Interna ein! Die Kurie ist nun mal genauso wenig an die Impulspapiere und Denkschriften der EKD gebunden wie umgekehrt. Die katholischen Theologinnen, die geweiht werden wollen, brauchen keine protestantische Schützenhilfe, und falls doch, fragen sie sicher gern danach. Auch wenn ihr Protestanten den katholischen Geschwistern gerne so manchen Splitter aus dem Auge ziehen würdet, gibt es auch im reformatorischen Auge noch so manchen Balken.