In ihrer E-Mail beschreibt die Fragestellerin das Phänomen, dass manche Pflanzen sich auf einen "gießfaulen" Besitzer einstellen und mit spärlichem Wasserangebot überleben. Alle Lebewesen können ihren Stoffwechsel an wechselnde Umweltbedingungen anpassen. Als "Lernen" würde ich das nicht bezeichnen.

Aber es gibt ernst zu nehmende Forscher, die behaupten, Pflanzen könnten tatsächlich lernen, auf einen Reiz zu reagieren, der mit ihren biologischen Funktionen direkt nichts zu tun hat. Die Rede ist von Konditionierung, entsprechend den Experimenten mit dem "Pawlowschen Hund" Anfang des 20. Jahrhunderts: Es klingelte immer ein Glöckchen, wenn man dem Tier Futter anbot. Nach einiger Zeit begann er schon zu sabbern, wenn nur das Glöckchen erklang. Er war auf den neutralen Reiz "konditioniert" worden und hatte gelernt, dass es zwischen Futter und Glockenklang einen Zusammenhang gab.

Können auch Pflanzen auf diese Weise lernen? Es klingt verrückt, aber ein entsprechendes Experiment der australischen Forscherin Monica Gagliano wurde 2016 in der renommierten Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Die Biologin ließ Erbsensprösslinge in Y-förmigen Glasrohren wachsen. Je nachdem, durch welches der beiden oberen Rohrenden sie Licht einfallen ließ, wuchsen die Pflänzchen nach links oder rechts. In der Hälfte der Fälle blies sie zusätzlich mit einem Föhn Luft in die beleuchtete Seite des Y, in den anderen Versuchen wehte der Wind von der dunklen Seite. Dann wurde das Licht ausgeschaltet und nur geblasen. 62 Prozent der Pflänzchen aus der ersten Hälfte wuchsen in Richtung des Windes, in der anderen Hälfte wuchsen 69 Prozent in die dem Wind entgegengesetzte Richtung – und das, obwohl die Forscher die Windrichtung im Dunkelexperiment jeweils variierten, um auszuschließen, dass die Pflanzen einfach weiter in die gewohnte Richtung wuchsen.

Pflanzen haben kein Gehirn, um sich solche Dinge zu merken. Seit dem unwissenschaftlichen Bestseller The Secret Life of Plants von 1973 werden ihnen immer wieder Eigenschaften angedichtet, die eigentlich Tieren und Menschen vorbehalten sind. Sagen wir mal so: Das Experiment ist faszinierend, aber es besteht noch erheblicher Klärungsbedarf.

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Korrekturhinweis: In der Printversion dieser Kolumne war der Name der Forscherin falsch geschrieben. Wir bitten, das zu entschuldigen, und haben den Fehler online korrigiert. Die Redaktion