Werden intelligente Maschinen das Ruder übernehmen und uns zu Statisten unseres eigenen Lebens degradieren? Regieren nicht mächtige Digitalkonzerne bereits über unsere Köpfe hinweg und basteln an einer Zukunft, in der wir Menschen zunehmend obsolet werden? In nahezu jeder Diskussion über künstliche Intelligenz (KI) schwingen diese Angst vor einer unaufhaltsamen Entwicklung und das Gefühl der Ohnmacht angesichts dieser Zukunft mit. Dabei wird die Zukunft längst Wirklichkeit, Tag für Tag. Und wir selbst stecken mittendrin.

Das zeigt etwa der verblüffend echt klingende Gesprächsassistent, den Google vergangene Woche unter dem Namen Duplex vorstellte. Die viel diskutierte Software soll ihrem Nutzer lästige Anrufe abnehmen und zum Beispiel selbstständig Termine buchen oder einen Tisch im Restaurant bestellen. Ist das nicht praktisch?

Oder nehmen wir den neuartigen Ärzte-Chatbot, den das Unternehmen NetDoktor in dieser Woche vorgestellt hat. Unter dem freundlichen Namen Sapia (italienisch für "die Kluge") soll der Chatbot verunsicherten Patienten helfen, eventuelle Krankheitssymptome zu deuten, und ihnen eine mögliche Diagnose an die Hand geben. Was früher einen Besuch beim Hausarzt erforderte, soll nun ganz einfach über den Messenger von Facebook möglich sein: Man stellt sich persönlich vor, erzählt von Malaisen und Beschwerden und bekommt am Ende mit aufmunternden Worten ein paar gut gemeinte Ratschläge mit auf den Weg.

Zugegeben, bei vielen Leiden funktioniert das gar nicht schlecht. Denn Sapia greift auf eine von Medizinern entwickelte Datenbasis zurück, orientiert sich an ärztlichen Leitlinien und medizinischer Standardliteratur und funktioniert somit ganz ähnlich wie ein typisches Anamnesegespräch beim Hausarzt. Dabei arbeitet der Chatbot keinen starren Fragenkatalog ab, sondern reagiert individuell auf die Antworten des Fragenden und kommt so zu dessen ganz persönlicher Verdachtsdiagnose. Extrem praktisch, oder? Man braucht keinen Termin, sitzt nicht lange im Wartezimmer und hat doch eine ärztliche Einschätzung.

Natürlich betont NetDoktor, dass man Ärzte keinesfalls ersetzen wolle. Und fast jedes Gespräch mit Sapia endet mit dem Rat, doch einen echten Mediziner aufzusuchen. Dennoch ist der nette Symptom-Bot ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Übernahme menschlicher Fähigkeiten und zur digitalen Therapie.

Wie sehr wollen wir das? Und wann wollen wir uns lieber einem echten Arzt anvertrauen und menschliche Empathie spüren (die an sich schon heilsam sein kann)?

Beispiele wie Sapia oder Duplex zeigen, von wem die Frage nach der Zukunft der künstlichen Intelligenz beantwortet wird: nicht von finsteren Techno-Diktatoren oder allmächtigen Digitalkonzernen, sondern letztlich von uns selbst, die wir vor der Frage stehen, ob wir lieber mit Menschen oder einem Algorithmus reden. Noch haben wir die Wahl.

Kurz erklärt - Was ist künstliche Intelligenz? Humanoide Roboter, eine Matrix, die Menschen als Energiespender benutzt – so stellen wir Menschen künstliche Intelligenz in Filmen dar. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? © Foto: Zeit Online