Gab es je einen Bauskandal, der gravierendere Folgen für die Menschheit hatte als der Turmbau zu Babel? Die Erbauer trieben ihren Versuch, Gott auf Augenhöhe zu begegnen, buchstäblich auf die Spitze. Dieser strafte sie mit der Sprachverwirrung. Die katholische Gemeinde Sankt Paulus in Göttingen sieht die daraus entstandene Sprachenvielfalt nicht als Gottesstrafe. Seit nunmehr sechs Jahren veranstaltet sie einmal im Jahr ihre "Internationale Lesenacht", in der Bibeltexte in mehreren Sprachen vorgelesen werden.

Verse aus dem Markusevangelium auf Estnisch oder die Apostelgeschichte in der philippinischen Sprache Tagalog zu hören ist kein folkloristisches Event, das dem Kirchenraum mehr Exotik verleihen soll. Folgt man Corinna Morys-Wortmann, stellvertretende Dekanatspastoralrätin, wird dadurch die weltumfassende Kirche deutlich. In der Apostelgeschichte stehe schließlich, dass nach dem Sühneopfer von Christus mittels des Heiligen Geistes wieder ein neues Reden über die Sprachgrenzen hinweg möglich sei. In den bisherigen Veranstaltungen haben mehr als 200 Menschen in über 45 Sprachen gelesen.

Dies darf man sich nicht statisch vorstellen. Kinder im Grundschulalter lesen zunächst. Nach Feierabend kommen sporadisch Menschen hinzu, um zu hören. Die Vorleser zitieren aus ihrer Bibel, die sie mitbringen, die Passagen, die in den Abend integriert werden. Das Projekt begann 2012 mit dem Lesemarathon "Göttinger Psalter". Aus der Idee, einmal sämtliche 150 Psalmen in verschiedenen Sprachen zu lesen, mit musikalischen Intermezzi und einem anschließenden Essen,

entwickelten Morys-Wortmann und Pfarrer Hans H. Haase die Choreografie für die weiteren Abende. Im darauffolgenden Jahr wurde das Markusevangelium zu einer polyglotten Erfahrung, am Ende des Abends wurden Nahrungsmittel aus der Bibel als Fingerfood gereicht.

Auch mit der Wissenschaft wird zusammengespielt: In der Lesenacht der Josephsgeschichte dozierte etwa der Germanist Heinrich Detering über Thomas Manns Josephsroman. Passagen aus dem Werk wurden zusammen mit der biblischen Geschichte in Szene gesetzt.

Dieses Jahr findet die Lesenacht am 26. Oktober statt. Dort wird der zweite Teil der Apostelgeschichte zu Gehör gebracht. 2019 soll, wie schon bei den Büchern Ruth und Esther, ein gemeinsamer Abend mit der jüdischen Gemeinde stattfinden. So wird der klassische Kirchenradius überschritten: generationsübergreifend, ökumenisch, interreligiös und multikulturell.

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