In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Anja Rützel, warum ihr Porto besser gefällt als Lissabon. Vorige Woche: Toskana oder Provence? Nächste Woche: Bodensee oder Gardasee?

Aus Lissabon bringe ich Trauer mit. Das klingt ein bisschen düster, so wenig nach Urlaub. Also eher: eine schöne Melancholie, einen guten Weltschmerz.

Die Stadt hat etwas Verlassenes an sich. Zeugin ihrer eigenen Vergangenheit: Man sieht noch die imperiale Größe, die Portugal einst besaß; aber sie ist verblasst. An einer versteckten Hauswand erinnert ein Heldenmosaik an die Zeiten der großen Seefahrer. Mal sieht man eine Statue mit einem in die Ferne guckenden Herrn, Hand bedeutungsvoll an der Stirn, mal eine museale Bleikanone, starr gegossene Macht. Die Größe ist verwittert, sie ist gewesen. Was der Stadt auch etwas Beiläufiges gibt. Was mir sofort gefiel, war die sensationslose Schönheit der Häuser mit ihren bemalten Keramikfliesen in den Farben des Mittelmeers, himmelblau, azurblau, türkis, dazu leuchtendes Gelb, wie blühender Raps, und rankende Ornamente.

Die Stadt fällt zum Fluss hin ab, zum breiten, trägen Tejo, der aus Spanien herüberfließt und dort noch Tajo heißt. In Lissabon verabschiedet er sich widerwillig und sehr langsam ins Meer. Er fügt fast jedem Motiv, vor dem man innehält, ein blaues Band an, hinterlegt die Häuser, grundiert die Türme. Man will die Finger zu einem Bilderrahmen formen. Einmal blinzeln, Bild gespeichert. Das Motiv "gelbe Straßenbahn vor glitzerndem Fluss" ist natürlich dabei. Auch das Motiv "Festungsanlage bei Nacht" habe ich gespeichert, als ich von einer Aussichtsplattform schaute, die einen so dramatischen Namen trägt, dass man ihn singen will: Miradouro São Pedro de Alcántara. Und im Refrain könnte man die Festung selbst besingen, die über Lissabon wacht, das Castelo de São Jorge. Im melancholischen Klang des Fado, des Nationalgesangs.

Wer bis zum Fluss hinuntergeht, kann Stimmung einholen wie mit dem Schleppnetz. In den Auslagen der Restaurants wird der Nationalfisch Bacalhau stolz ausgestellt, als sei er eine Handtasche von Vuitton. Sonst stapelt er sich eher wie Bretter in Supermärkten; getrocknet und erstarrt. Man gerät in Sträßchen, die leergefegt sind wie Kulissen in einer Drehpause. Es beruhigt beinah, wenn ein paar Vorhänge aus einem offenen Fenster wehen, ein Radio schreit, eine Mutter ruft. Ist also jemand da.

Positive Erkenntnis: Lissabon ist sehr zurückhaltend. Man wird nicht angehupt, nicht angerempelt. Das Stresslevel liegt auf dem Niveau einer toskanischen Provinzstadt. Minus Vespahupen. Vielleicht ist die Stadt noch immer betäubt vom Phantomschmerz der vergangenen Weltmacht. Vielleicht auch nicht.

Man merkt ihr an, dass sie, anders als viele Großstädte in Europa, schrumpft. In den sechziger Jahren hatte Lissabon noch 800.000 Einwohner, inzwischen leben hier nur noch etwa 550.000 Menschen. Vor manchem Haus steht man und rätselt, ob jemand darin wohnt. Dafür sprechen restaurierte Ornamente, ein Balkon mit Flussblick. Dagegen spricht brauner Karton, der hinter die Fenster geklebt ist.

Ein paar Straßen weiter ging ich an einer unscheinbaren Kirche vorbei, der Igreja de São Roque, als sich plötzlich deren Tür öffnete wie zur Einladung. In katholischen Kirchen geht es mir gut, weil ich nur im Urlaub katholische Kirchen betrete: in Italien, in Frankreich, in Spanien. Also trat ich ein. Die Bänke hölzern und von Wurmlöchern übersät, die Luft süßlich und bewegungslos. Ich sah an die Decke: ein aufgemaltes Kuppel-Panorama, die gepinselte Illusion einer Kathedrale. Vorne saß eine alte, krumme Dame, die Haare verschleiert, und betete. Für was? Für bessere Zeiten? Für die Seeleute? Für guten Fang? Dass die Leute nicht mehr wegziehen? Ich stellte mich in ihre Nähe, verstand aber nichts und fragte mich, ob es Nuscheln war, das aus ihrem Mund kam, das Zischen und Schlingern. Oder Portugiesisch.