"Tante Jane", fragte der kleine Junge, "darf ich dir mal durchs Haar wuscheln?"

"Natürlich", antwortete Tante Jane mit einem in dieser Gegend unüblichen Akzent, "wenn Tante Erna und Onkel Rudi nichts dagegen haben." Das hatten sie selbstverständlich nicht, nur der Wellensittich im Käfig krächzte irgendetwas und sprang aufgeregt von Stange zu Stange. "Wenn es die Schwester Jane erlaubt", sagte lächelnd die Mutter des Jungen, "und auch Bruder Rudi und Schwester Erna nichts dagegen haben ..." Worauf der Kleine, nun plötzlich doch etwas zaghaft geworden, sich langsam vom Küchenstuhl herunterrutschen ließ, zur anderen Seite des Tischs ging und dort der jungen Frau aus Mombasa durch die gekräuselten Locken ihres Haars zu streichen begann. Zuerst nur ganz leicht, mit zitternden Fingerkuppen, bis Tante Jane sagte: "Wolltest du nicht wuscheln? Na los!"

Das einträchtige Gelächter der versammelten Erwachsenen hallt bis heute nach, über vier Jahrzehnte später. Der kleine Junge von damals war ich, doch weder waren Jane und Erna meine Tanten noch Rudi mein Onkel. Auch meine Mutter, die doch soeben von einem Bruder und zwei Schwestern gesprochen hatte, war nicht mit jener Familie verwandt, die in einer Hügelsiedlung an der Peripherie des sächsischen Dorfs Auerswalde wohnte. Die Verbindung hatte etwas ungleich Tieferes, denn alle im Raum waren Zeugen Jehovas. Noch längst aber war ich kein "Bruder", da die Taufe erst bei bewusst selbst entscheidenden Jugendlichen und nach Beantwortung diverser Fragen vollzogen wurde. Bis dahin waren die anderen Mitglieder der Gemeinschaft mit Onkel und Tante anzusprechen – durchaus sinnvoll, da von den meisten Zeugen Jehovas, die ich kannte, tatsächlich etwas Betuliches ausging.

Denn auch das hat das Gedächtnis gespeichert: Auf dem Küchentisch lag eine Wachstuchdecke, die Tante Erna zu den Rändern hin immer wieder glatt strich, und auf der Anrichte neben dem Vogelkäfig befanden sich in einer Keramikschüssel jene Früchte aus dem "VEB Kunstblume Sebnitz", die den Osten von der weiten Welt träumen ließen: Plastikbananen und Plastikorangen. Und Tante Jane aus Mombasa? Wurde sie in diesem ethnisch und sozial homogenen Provinzmilieu womöglich "exotisiert", wie der Begriff lautet, eine akademische Vokabel, mit deren Hilfe sich sowohl Verhaltensmuster präzis dechiffrieren wie auch mühelos ungerechte Verdächtigungen aussprechen lassen?

Wohl kaum, denn die Grenze zwischen "uns" und "denen" folgte ganz anderen Markierungen: Zwischen "Zeugen" und "Weltmenschen", zwischen uns, "die in der Wahrheit sind", und denen, "die in der großen Drangsalsschlacht von Harmagedon umkommen, falls sie nicht vorher bereuen". Ernas und Rudis Sohn, der kurz vor dem Mauerbau 1961 in den Westen geflüchtet war und dort als Matrose den Verlockungen der "Weltmenschen" nachgegeben hatte, war dank Tante Jane doch noch "in die Wahrheit zurückgekehrt", hatte in Hamburg geheiratet und nun seine Frau zum Familienbesuch nach Auerswalde geschickt, wo bald auch andere Zeugen Jehovas auftauchten, um die "Schwester aus Mombasa" herzlich zu begrüßen. Auch galt es Trost zuzusprechen, denn bei einer Busfahrt nach Chemnitz (das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß) war vernehmlich über die "Negerin" getuschelt worden – etwas, das Tante Erna noch beim Nacherzählen Tränen in die Augen trieb. "Wie gut, dass wir Zeugen auf Jehova vertrauen und kein Teil sind dieser dem Untergang geweihten alten Welt."

Die Sprache war warnend und martialisch (Sprachkritiker hätten wahrscheinlich ihre helle Freude am permanenten Wechselspiel zwischen Ex- und Inklusions-Rhetorik), und die als "geistige Speise" bezeichneten Broschüren "Wachtturm" und "Erwachet!" kamen jede Woche pünktlich auf verschlungenem Weg aus der westdeutschen Zentrale in Wiesbaden – später dann aus Selters/Taunus – hinüber in die DDR zu den einzelnen Versammlungen, die zweimal pro Woche in wechselnden Wohnzimmern stattfanden. Hier im Osten waren die Zeugen Jehovas seit 1950 verboten, aus den gleichen Gründen wie im Dritten Reich. Wer den Kriegsdienst derart radikal verweigerte, galt beiden Regimes als Staatsfeind. Mein Vater hatte deshalb knapp zwei Jahre im Gefängnis verbracht; ältere "Brüder" waren unter dem Ulbricht-Regime gar für sieben Jahre in Haft gekommen, einige von ihnen hatten zuvor die Nazi-KZs überlebt. Solche Biografien von "treu ausharrenden Zeugen" beeindruckten und machten die Gegnerschaft zur sogenannten alten Welt plausibel. Umso mehr diese ja – in Gestalt der sächsischen Provinz – selbst in ihrer gemilderten Form schäbig genug war, um abzuschrecken.

Mochte man Tante Jane draußen auch scheel anschauen und sie für eine mosambikanische Vertragsarbeiterin halten ("Jetzt schleppen die Briketts sogar noch ihre Weiber hierher") – im Kokon der Zeugen Jehovas musste zu Nicht-Rassismus nicht einmal aufgefordert und als Ermahnung etwa die berühmte Bibelstelle in Matthäus 25 zitiert werden: "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen."

Freilich gab es in der DDR, in der selbst jene aus Mosambik, Kuba, Algerien und Vietnam temporär ins Land geschickten Vertragsarbeiter abgeschottet zu bleiben hatten, ohnehin kaum Gelegenheit zu "interkulturellen Begegnungen". Umso stärker das allgemeine Raunen – eine risikolose Travestie der Regimekritik – über die angeblichen Privilegien der Fremden. Nichts davon jedoch in den Versammlungen der Zeugen Jehovas. Ich erinnere mich an die abstrusesten Bemerkungen über das vermeintlich bevorstehende Weltende ("Der Junge kommt vor Harmagedon bestimmt nicht mehr in die Schule/in die zweite/dritte Klasse/aus der Schule"), aber an kein einziges abfälliges Wort über Menschen anderer Nationalität oder Hautfarbe. Auch nicht über die Polen, die nach der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 unter Duldung der SED republikweit beschimpft wurden als "faules Pack, das arbeiten anstatt streiken" solle. Stattdessen: Lebensmittelpäckchen packen für unsere Brüder und Schwestern jenseits der Neiße, die – so die Erklärung – unter den regierenden Kommunisten ebenso litten wie unter der katholischen Kirche, "der großen Hure Babylon".