Greifswald-Schönwalde, Plattenbau. In der DDR ein Ort des Fortschritts. Wohnungen mit Zentralheizung und Einbauküche, gebaut für die Arbeiter aus dem nahen Kernkraftwerk Lubmin. Kindergärten, Kaufhallen, Schulen, alles um die Ecke. Vieles hat sich verändert in Schönwalde, in den letzten 30 Jahren. Die Schule aber, auch ein Plattenbau, ist geblieben. Sie heißt heute Evangelisches Schulzentrum Martinschule und liegt inmitten einer Nachbarschaft, in der viele von Hartz IV leben und nur wenige ahnen, welche Wunder sich täglich ereignen in ihren Klassenzimmern.

In der 4a zum Beispiel: Maria* fällt zuerst gar nicht auf. Mitten im Gewusel ihrer Mitschüler, die in ihre Hefte schreiben und am Computer Wortarten sortieren, übt das 10-jährige Mädchen mit dem dicken Zopf, wie man Knöpfe öffnet und schließt. Maria ist Spastikerin und kann kaum sprechen. Sie ist schwer- und mehrfachbehindert, wie das im Fachjargon heißt. Wenn sie am Ende des Tages gelernt hat, ihre Jacke aufzuknöpfen, ist das ein Erfolg. Noch ahnt in der 4a niemand, dass die Martinschule für ihre besondere Arbeit mit behinderten und nicht behinderten Kindern in wenigen Wochen den mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreis des Deutschen Schulpreises erhalten wird.

Denn Kinder wie Maria sieht man an deutschen Regelschulen, wie die Martinschule eine ist, so gut wie nie. Wer von Inklusion spricht, denkt eher an Schüler mit auffälligem Verhalten und Lernstörungen, die sich unter jene mischen, die "keine Diagnose" mitbringen. Vier bis fünf sind es meist pro Klasse, und schon die können Lehrer zur Weißglut, Mitschüler außer Rand und Band und Eltern auf die Barrikaden bringen.

An der Martinschule ist das anders. Hierhin kommen jeden Morgen auch Kinder mit schweren geistigen Behinderungen. Einige sitzen im Rollstuhl, andere sind kaum ansprechbar, manche müssen gefüttert werden. Es gibt Kinder, die schnell aggressiv werden, die nur langsam begreifen, die als Autisten gelten. 48 Prozent der insgesamt 550 Schüler bringen einen "besonderen Förderbedarf" mit, das ist die höchste Inklusionsquote bundesweit. Die andere Hälfte sind Kinder ohne Behinderung und Auffälligkeiten.

48 Prozent – wie soll das funktionieren? Wie lässt sich all den normal begabten, leistungsstarken, vielleicht sogar besonders talentierten Schülern gerecht werden, wenn so viele Kinder rund um die Uhr Aufmerksamkeit brauchen? Weil sie schreien, sich auf den Boden werfen, ausflippen?

Vom 5. Jahrgang an gibt es an der Martinschule keine Klassen mehr. Jedes Kind ist einem Stammlehrer zugeordnet, der die persönliche und schulische Entwicklung des Einzelnen genau im Blick hat, ihm hilft, sich neue Ziele zu stecken. Im Morgenkreis der Stammgruppe wird erst gesungen, dann geplant. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Zehn- und Elfjährigen ihren Tagesablauf auf Klemmbrettern notieren, erinnert an fleißige Studierende. Neben Lea, die gerade verkündet hat, sie müsse heute "unbedingt Geometrie üben", sitzt Miri, die nur mit Unterstützung der Integrationshelferin die Karte auf ihrem Klemmbrett befestigen kann. Gleich wird sie eine Musikgruppe für Kinder mit geistigen Behinderungen besuchen.

Welche Tür man an der Martinschule auch öffnet, klassischen Unterricht sieht man nie. Die Kinder und Jugendlichen arbeiten in kleinen Gruppen oder allein, immer an Aufgaben, die auf jeden Einzelnen zugeschnitten sind. Kein Frontalunterricht. Keine festen Kurse. Keine Noten. Kein Sitzenbleiben. Individualisierter Unterricht heißt das Konzept.

Der Aufwand für die einzelnen Lehrer ist immens. "Von Anfang an war klar, dass es nur mit viel Projektunterricht und Eigenverantwortung der Schüler und Lehrer funktionieren kann", sagt Benjamin Skladny, 56, Schulleiter mit weichen Gesichtszügen und energischem Auftreten. Er ist Sonderpädagoge, studierte zu DDR-Zeiten, als die Sonderpädagogik noch als Dissidentenfach galt. Aus einer Tagesstätte für geistig behinderte Kinder machte er 1992 eine Schule, die sich langsam für Schüler ohne Handicap öffnete.

Noch immer freut sich Skladny diebisch über eine seiner ersten Ideen: einen Schulhof mit modernsten Spielgeräten. Ein Spielplatz wie kein anderer in Greifswald – und alle waren willkommen. Das zog die Kinder aufs Gelände, denn "kurz nach der Wende war selbst eine normale Schaukel etwas Besonderes". Und so stießen die einen plötzlich auf die anderen, schaukelten Kinder mit Downsyndrom neben Schülern, die mit Behinderungen noch nie zu tun hatten.