Eine Gebirgslandschaft in Wyoming. Eine Herde Schafe stapft durch den Schnee, zupft ein paar kalte Halme und bemerkt darüber gar nicht die Wölfe, die nur wenige Meter entfernt auf der Lauer liegen. Das Schicksal der Schafe scheint besiegelt – doch gerade als der erste Prädator zum Sprung ansetzt, wird er von einer unsichtbaren Gewalt von den Pfoten gerissen. Einen Sekundenbruchteil später hören wir auch den Schuss, das Brustfell verfärbt sich rot: Ein Wildhüter wacht über die Schafe.

Mit dieser Szene beginnt der Thriller Wind River von Taylor Sheridan, der 2017 bei den Filmfestspielen in Cannes mit einem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Man könnte sie als atmosphärische Einleitung abhaken, wenn sie nicht am Ende des Films fast exakt wiederholt würde – allerdings sind die Angreifer nun eine Horde Ölbohrarbeiter mit Handfeuerwaffen, und das in Lebensgefahr schwebende Opfer ist eine Frau. Die Botschaft der Montage ist klar: Der Mensch ist dem Menschen, wie schon Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert formulierte, ein Wolf. Unter dem brüchigen Firnis der Zivilisation sind wir nichts weiter als Tiere.

Diese Ansicht ist nicht neu – sie gewinnt aber derzeit zunehmend an Popularität. Vor allem: Während der Staatstheoretiker Hobbes den Menschen im Naturzustand noch durch einen Gesellschaftsvertrag kontrollieren, seine bestialische Seite also nach Kräften bezähmen wollte, wird die essenzielle Tierhaftigkeit des Menschen inzwischen zunehmend begrüßt, ja geradezu gefeiert. Oft genug leistet sie einer Art moralischem Naturalismus Vorschub, der menschliche Fehltritte unter Verweis auf unsere evolutionäre Ahnenreihe zu entschuldigen versucht.

Überzeugte Steakesser führen zur Rechtfertigung ihrer fleischreichen Ernährungsweise an, dass der Homo sapiens schon ausweislich seines Zahnschemas und seiner Darmlänge als Allesfresser konzipiert sei. Vermeintliche Komiker füllen das Berliner Olympiastadion mit der immer gleichen Behauptung, dass Männer halt unverbesserliche Schweine seien und daher – kennste, kennste, kennste? – zum Zusammenleben mit Weibchen gänzlich ungeeignet. Und wer aller ökologischen Vernunft zum Trotz mit einem SUV durch die Stadt bollert, kann sich mit Blick auf die Evolutionsbiologie darauf berufen, dass die Sehnsucht nach automobiler Überlegenheit eben tief in seinem Reptiliengehirn verankert sei. "Ein Autofahrer ist ein Vierbeiner im Wesentlichen", wie der Verkehrsexperte Hermann Knoflacher unlängst (allerdings in kritischer Absicht) bemerkte: "Das heißt, er befindet sich in einer sehr bequemen Position, ähnlich wie die Primaten vor ungefähr sieben, acht Millionen Jahren." Was Sigmund Freud noch als "biologische Kränkung" galt, nämlich die Meinung, dass wir "nichts anderes und nichts besseres (sind) als die Tiere", scheinen wir nicht bloß überwunden, sondern uns sogar lustvoll zu eigen gemacht zu haben. Ugga, ugga: Wir sind doch nur Trockennasenprimaten mit Haarausfall.

Interessanterweise verläuft die Annäherung derzeit aber auch in der Gegenrichtung: Es werden also nicht nur zunehmend Menschen "theriomorphisiert" (wie man diese Strategie in Anlehnung an das griechische Wort für Tier nennen könnte) – Tiere werden, umgekehrt, auch zunehmend vermenschlicht. Mehr als ein Drittel aller US-amerikanischen Haushunde bekommen zum Geburtstag ein Geschenk. Jeder zehnte britische Haustierhalter liebt seinen vierbeinigen Freund angeblich mehr als den menschlichen Partner. Und als im April 2018 in Hannover der Staffordshire-Terrier Chico seinen Halter und dessen Mutter mit Bissen tötete, forderte umgehend eine 300.000 Unterstützer starke Petition, das Tier auf einem Gnadenhof unterzubringen, da es schließlich nur ein Opfer seiner sozialen Verhältnisse sei. Als der Kampfhund schließlich doch eingeschläfert wurde, feierten etliche Menschen ihn als "Freiheitskämpfer" und warfen dem zuständigen Veterinäramt nicht weniger als "Mord" vor – einen Tatbestand, der im deutschen Strafrecht üblicherweise die Tötung eines Menschen voraussetzt.

Diese Tendenz zur Anthropomorphisierung findet sich nicht nur unter Hundefreunden, sondern auch in der seriösen Literatur: Die deutsche Sachbuch-Bestsellerliste etwa versammelt aktuell auffällig viele Titel, die nahelegen, dass Tiere uns Menschen mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen sind. Deutschlands bekanntester Förster und Baumversteher Peter Wohlleben etwa argumentiert in seinem Buch Das Seelenleben der Tiere, dass Tiere nicht bloß zu sozialen Emotionen wie Scham, Reue und Mitgefühl fähig sind, sondern sogar über einen "freien Willen" verfügen, der sie zu moralischem Handeln befähigt; vielleicht, so Wohlleben, hätten sie sogar eine Seele. Und die Wolfsexpertin Elli H. Radinger vertritt in ihrem Bestseller Die Weisheit der Wölfe die reißzahnsteil anmutende These – der alte Hobbes lässt grüßen –, dass Wölfe "wohl die besseren Menschen" wären. Homo homini lupus? Schön wär’s!

Die kategoriale Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, die jahrtausendelang grundlegend für Denken und Selbstverständnis der westlichen Kulturen war, ist also ausgefranst und unscharf geworden. Die Vorstellung einer sogenannten anthropologischen Differenz geht auf Aristoteles zurück, der von einer prinzipiellen Minderwertigkeit und Andersartigkeit der nicht menschlichen Tiere überzeugt war: In der Politik postulierte er, der Mensch verfüge als einziges Wesen über die Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation, weshalb allein der Mensch soziale und politische Systeme begründen könne.

Erst Ende des 16. Jahrhunderts forderte Michel de Montaigne, man solle die Aufmerksamkeit nicht länger auf die Unterschiede, sondern "auf die Gleichheit zwischen Mensch und Tier richten". Tiere, meinte er, seien ebenso kommunikationsbegabt, intelligent, zuverlässig – ohne sich deshalb im Glauben an ihren besonderen Status ständig aufzuplustern. "Es bleibt eine offne Frage, wessen Fehler es ist, daß wir uns nicht verstehen, denn wir verstehen sie keineswegs besser als sie uns! So können sie uns mit gleichem Recht für vernunftlose Tiere halten wie wir sie."