Roman Polanskis im vergangenen Jahr in Cannes präsentierter Film Nach einer wahren Geschichte musste sich mit gemischten Kritiken zufriedengeben, obwohl es ein handwerklich tadelloser und von zwei tollen Schauspielerinnen geadelter Film ist. Allerdings ist es ein altmodischer. Es ist das späte Produkt eines Regisseurs mit starker eigener Handschrift, der vorführt, dass er sie noch beherrscht, für den aber, weil er sich inzwischen für Gesichter und Atmosphären interessiert, der Plot und seine Gesetze in den Hintergrund rücken.

Polanski inszeniert hier einen Polanski-Film, einen beinahe intimen, der seine großen Psychothriller wie den Mieter oder den Pianisten noch einmal zitiert. Das Tempo ist gemächlich, gemessen an heutigen Sehgewohnheiten. Das Sujet wirkt wie aus den Siebzigern entlehnt, als es noch Interesse für so etwas wie Psychologie gab. Ohne die jedoch kommen Polanskis Geschichten nicht aus, denn es ist die Unbeständigkeit der Seele, ihre Bereitschaft, sich fangen, fesseln und niederringen zu lassen, die Polanski ermöglichen, in seinen Figuren Zwänge aufzuspüren, von denen weder sie noch die Zuschauer etwas ahnten.

Die bekannte Romanautorin Delphine (Emmanuelle Seigner), eine Größe des Pariser Literaturbetriebs, hat gerade ein Buch veröffentlicht, das vom Selbstmord ihrer Mutter handelt. Es ist wieder ein großer Erfolg, aber das Schreiben war erschöpfend. Während einer Signierstunde lernt sie eine Frau kennen, die sich nur "Elle" nennt (Eva Green). Gewohnt, Fans und Bewunderer auf Distanz zu halten, lässt sich Delphine von Elle charmieren – und auch kritisieren. Denn Elle versteht etwas vom Metier, sie arbeitet als Ghostwriterin und kennt die Abgründe der Seele nur allzu genau.

Was dann geschieht, ist der Albtraum des Autors: Der Schreibwille ohne Persönlichkeit beginnt in die Subjektivität der Großschriftstellerin einzudringen. Elle macht Delphine von sich abhängig, entwickelt deren Schreibblockade zu einer Depression weiter, löst eine schwere Psychokrise aus: Es wird daraus – Elle hat sich längst in Delphines Wohnung eingenistet und beginnt, ihr Objekt von der Außenwelt zu isolieren – ein Machtkampf zwischen zwei Frauen. Und der scheint einer auf Leben und Tod zu sein.

Wie sich das fortschreibt, wie Persönlichkeiten zerstört und "überschrieben" werden, wie sich die Grenze zwischen Fiktion und autobiografischer Wahrheit auflöst, mag als Story ziemlich berechenbar sein. Aber auf die Auflösung des Falls kommt es hier gar nicht an, eher darauf, wie Seigner und Green Empathie und Konkurrenz unter Frauen spielen. Polanski ist ein Regisseur, der die Frauen mit der Kamera liebt. Und ihnen erspart er nichts. Dies immer wieder zu inszenieren, dass Begehren auch eine Zerstörungskraft ist, muss wohl sein Schicksal sein.