Wer auf der panamerikanischen Hauptstraße durch Nicaragua fährt, kommt alle paar Kilometer an einem Vulkan vorbei. In vielen brodelt die Lava. "Alle sechs aktiven Vulkane zeigen derzeit erhöhte Aktivität", warnte kürzlich das Auswärtige Amt. In Nicaragua kommentieren manche: Selbst die Erde lehne sich gegen die Regierung auf.

Seit nunmehr vier Wochen gehen Tausende in dem mittelamerikanischen Land auf die Straße, zunächst gegen eine Rentenreform, dann für die Absetzung der Regierung Daniel Ortegas. Der war einst ein Führer der sandinistischen Revolution, die 1979 den Diktator Anastasio Somoza stürzte. Nun ist er selbst ein korrupter Machthaber. Die Demonstranten blieben größtenteils friedlich, doch die Regierung reagierte mit brutaler Repression. Etwa 60 Menschen starben.

Tote gab es auch in León, einer Stadt im Westen Nicaraguas. Am Morgen nach den ersten Unruhen geht Mario Garcia* durch eine Straße im Zentrum, in der bis vor ein paar Stunden noch Häuser brannten. Garcia fotografiert die Trümmer. Ihn beunruhigt die ungewöhnliche Stille. Normalerweise drängen sich hier die Leute. Händler frittieren Bananen, Passanten kaufen zerfledderte Bücher oder Dollarscheine. Heute sind die Straßen menschenleer. Und was kommt dann?

Diese Unsicherheit hat inzwischen das gesamte Land erfasst. Vermummte schossen von Motorrädern und Pick-ups auf Unbewaffnete. Nachts flogen Molotowcocktails in Wohnhäuser und Gemüsemärkte. Das dokumentieren unzählige Bilder und Videos in den sozialen Netzwerken. Auch Garcia stellt unentwegt Dokumente ins Netz. Wer sich die Videos ansieht, könnte auf die Idee kommen, Präsident Ortega und seine Frau, die verhasste Vizepräsidentin Rosario Murrillo, hätten die Kontrolle über das Land verloren. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Regierung selbst die Kriminellen geschickt hat. Beweisen lässt sich das zwar schwer. Aber es gibt Fotos und Videos, die zeigen, dass die Polizei den Mob gewähren ließ. Auch Menschenrechtsorganisationen und die nicaraguanische Bischofskonferenz machen die Regierung verantwortlich. Die Gewalttätigkeit des Regimes ist sattsam bekannt; sobald irgendwo protestiert wird, tauchen früher oder später Schläger auf.

Im Netz kursieren schwarze Listen mit Namen und Fotos von Demonstranten. Selbst Nicaraguaner, die 9000 Kilometer entfernt in Deutschland leben, fürchten sich, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Sie wollen ihre Familien zu Hause nicht gefährden. Die Gegenreaktion: Unter den Gewaltvideos liest man mittlerweile Kommentare wie "Mit Mördern kann man nicht verhandeln". Im Netz finden sich nun auch Listen mit Namen der Regierungsanhänger.

Spaltet sich das Land wieder? Die Angst vor einem Bürgerkrieg wie in den achtziger Jahren hat das bisher verhindert. Doch die meisten Nicaraguaner sind unter 30 Jahre alt, ihre Generation hat keine unmittelbaren Erinnerungen mehr an den Krieg. Jedenfalls verfängt die Angststrategie der Regierung nicht. Stattdessen gehen ihr die Bündnispartner verloren. Kirchenvertreter schlagen sich auf die Seite der Protestierenden, ebenso Unternehmerverbände, Bauern und Anwälte. Am vergangenen Wochenende gingen in Monimbó, einer ehemaligen sandinistischen Hochburg, auch jene Bürger auf die Straße, die bisher stets regierungstreu waren. Schließlich distanzierten sich sogar die Streitkräfte. Ein Armeesprecher sagte, es gebe keinen Grund, regierungskritische Demonstrationen zu unterdrücken.

Am Montag willigte die Regierung ein, die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte ins Land zu lassen, um die Lage zu untersuchen. Ein Teilsieg der Protestierenden. Oder doch nur ein Trick der Regierung? Das Misstrauen ist groß. Der Vulkan brodelt immer noch.

* Name geändert