An einem Abend Mitte der neunziger Jahre steht ein Mann an der Pforte des Bundesnachrichtendienstes (BND) im bayerischen Pullach, der sich als russischer Wissenschaftler vorstellt und um Einlass bittet. Die Geheimdienstler haben ihn bereits erwartet. Der Russe, so schildern es damals Beteiligte, hatte zuvor angekündigt, dass er überlaufen werde. Er hat eine anstrengende Reise hinter sich, die über die Ukraine und Österreich bis nach Deutschland führte. Nun ist er da – und verspricht den Deutschen, dass seine Frau eine Probe einer geheimnisumwitterten Chemikalie nach Europa transportieren werde, die gravierende Folgen für die Sicherheitspolitik habe.

Die Probe, die die Frau des Wissenschaftlers einige Zeit später über die russische Grenze schmuggelt, ist nur ein paar Milligramm schwer, aber mit größtmöglicher Vorsicht zu behandeln. Es handele sich um einen binären, also aus zwei Komponenten zusammengesetzten Kampfstoff, hatte der Überläufer behauptet, tödlicher als alles, was die Welt bislang kenne: ein neuartiges Nervengift.

Die Untersuchung der Materialprobe wird ergeben, dass es sich bei der Substanz um einen Stoff handelt, der heute als Nowitschok bekannt ist, russisch für "Neuling" – jene Chemiewaffe, die weltweit Schlagzeilen macht, seit damit im März im britischen Salisbury der russische Überläufer Sergej Skripal sowie seine Tochter vergiftet wurden.

Dass der Westen diesen russischen Kampfstoff kennt, geht maßgeblich auf eine deutsche Geheimdienstoperation zurück. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl persönlich entschied, dass die Deutschen ihr exklusives Wissen teilen sollten: die Ergebnisse der chemischen Analyse der Probe wurden einem kleinen Kreis von Nato-Partnerstaaten zur Verfügung gestellt. Spätestens seitdem kennen auch die Briten die Details über Nowitschok.

Die Erkenntnisse der Deutschen trugen dazu bei, dass die Regierung von Premierministerin Theresa May nur ein paar Tage nach der Vergiftung von Sergej Skripal verkünden konnte, dass die Täter Nowitschok eingesetzt hatten. Doch zugleich zeigen die deutschen Geheimdienstinformationen, wie schwer eine zweifelsfreie Identifizierung der Täter ist. Denn es gibt nicht nur ein Nowitschok, sondern wie bei einem Automobil gleich mehrere Varianten einer Serie, die bürokratische Namen wie A230, A232 oder A234 tragen. Und seit den neunziger Jahren kennt eine ganze Reihe von Staaten die Rezeptur des Giftes; manche, wie die Amerikaner, haben kleine Mengen nachgemischt, um ihre Schutzvorkehrungen auf den neuesten Stand zu bringen. Andere verfügen dank der Deutschen zumindest über die chemische Formel.

Für die Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Kohl warf der Überläufer eine Reihe heikler Fragen auf: Durfte Deutschland überhaupt mit international geächteten Chemiewaffen hantieren, und sei es nur mit einer Probe? Und wie sollte sich die Bundesrepublik gegenüber den Russen verhalten, deren klandestines Rüstungsprogramm nun enttarnt war, auf deren Wohlwollen das gerade wiedervereinte Deutschland und Europa aber angewiesen waren?

Aus mehreren Gesprächen mit damals und heute Beteiligten lässt sich die Nachrichtendienst-Operation rekonstruieren, die bis heute hohe politische Brisanz aufweist. Das Kanzleramt, das Verteidigungsministerium sowie der BND lehnten eine Stellungnahme ab, aus Gründen der Geheimhaltung, aber auch aus Sorge, die politische Diskussion um Nowitschok und Russland weiter anzuheizen.