Schon in den Begrüßungsapplaus im Frankfurter Opernhaus mischten sich erste Jubelrufe – wovon sich Joana Mallwitz äußerlich nicht aus der Ruhe bringen ließ. Eilig durchschritt Erfurts amtierende und Nürnbergs designierte Generalmusikdirektorin den Orchestergraben, stieg ans Pult und verbeugte sich. Vielleicht war ihr ein Teil ihrer Thüringer Fans nach Hessen gefolgt, vielleicht erinnerte sich das Frankfurter Publikum auch an Mallwitz’ Debüt vor einem Jahr mit Pelléas et Mélisande – die Vorschusslorbeeren ließen jedenfalls erahnen, was die Dirigentin in den nächsten zweieinhalb Stunden aus Franz Lehárs Lustiger Witwe herausholen sollte.

Mallwitz gilt als Shootingstar, und das zu Recht. 2014, mit 28 Jahren, trat sie in Erfurt an; heute ist sie 32 und wird in der kommenden Spielzeit Nachfolgerin von Marcus Bosch am Staatstheater Nürnberg. Jung, Frau, Hoffnungsträgerin – oft genug hat sie sich dieses Narrativ in Gesprächen und Interviews von der Schulter klopfen müssen. Wie gut sie ist, das weiß man seit über zehn Jahren, seit sie in Heidelberg einsprang, innerhalb weniger Stunden, und eine Madama Butterfly mit so atemberaubender Souveränität durchdirigierte, dass es am Ende stehende Ovationen gab. Jeder oberflächliche Bezug zwischen Können und Geschlecht oder Können und Alter greift bei Mallwitz daneben. Frankfurts neue Lustige Witwe reiht sich da nahtlos ein: Eine Dirigentin, die Lehárs Schlager-Eskapismus so vieldeutig und abgründig schillern lassen kann, hat ihr Handwerk einfach drauf.

Es passiert schnell, dass die aus Walzern, Mazurken, Polkas, Cancans und einem Cakewalk bestehende Operette mehr nach gutelaunebesoffenem Heititei klingt als nach der weltoffenen und vollkommen neuartigen Revue, als die die Lustige Witwe im Uraufführungsjahr 1905 rezipiert wurde. Auch was Adolf Hitler in ihr entdeckte, als er sie zu seiner "Lieblingsoperette" erklärte, werden wohl nicht gerade die fein herausgearbeiteten, den Jazz berührenden Dissonanzen und sarkastisch überlauten Taktschwerpunkt-Paukenschläge gewesen sein. Der Frankfurter Inszenierung gelingt das Kunststück, sich von Stoff und Musik ironisch zu distanzieren und die Bedeutung des Werks für das Genre dennoch zu zelebrieren. Es gleicht einer Liebeserklärung des Regisseurs Claus Guth, wie er Die lustige Witwe auf der Folie eines Filmdrehs erzählt. So stellen die Sänger nicht ihre Figuren dar, sondern die Darsteller der Figuren. Die Dialoge werden von einem bayerischen Filmregisseur oder einem Kameramann mit Technikproblemen unterbrochen und für neue Takes wiederholt, während auf der doppel-doppelbödigen Handlungsebene die unglückliche Liebe zwischen der Darstellerin der Hanna Glawari (Marlis Petersen) und dem Darsteller des Grafen Danilo (Iurii Samoilov) Fahrt aufnimmt.

Bald verschwimmen die Ebenen in dem trashigen Ein-Kamera-Set, das die Tänzelei und Tändelei in beinahe jeder Szene als überkünstliche Inszenierung entlarvt. Hinzu gesellt sich durch den Blick hinter die Kulissen eine weitere Zuspitzung: Seht her, hört hin, Kitsch ist durchaus vulgär. Claus Guth begegnet Lehár mit einem gewissen Voyeurismus, ohne allerdings den Charme des Plots und die Gebrochenheit der Charaktere zu übergehen. Die Ironisierung auf der Bühne brüllt den Zuschauer durch ihren dick aufgetragenen Slapstick förmlich an. Dem gegenüber stehen Momente der Ruhe, in denen das Gehampel und Gerenne eingefroren wird und nur ein mit mächtig viel Hall verstärktes Metronom den Takt schlägt. Ganz kurz möchte man einfach nicht mehr lachen müssen.

Hier kommt Joana Mallwitz ins Spiel. Guths feinsinniger Fernglas-Blick würde schlicht nicht funktionieren, wenn aus dem Graben mitklatschfertige, volkfestfröhliche Schunkelklänge drängen. Das zu vermeiden ist schwer – zumal bei einer Musik, die derart universell bekannt ist, durch Sechziger-Jahre-Filme oder André Rieu mit Blumenschmuck. Mallwitz weiß das, und man merkt ihr eine fast diebische Freude an dieser Herausforderung an.

Die Künstlerin mit dem sympathisch abgewetzten Taktstock schlägt präzise und groß, mit einem schier unendlichen Repertoire an Gesten und viel amüsierter Ironie im Blick. Dabei verfährt sie weder hochkontrolliert noch durchwegs nur intuitiv: Sie hört, was das Orchester ihr anbietet, und hebt geistesgegenwärtig die klanglichen Feinheiten hervor, sie denkt und handelt zugleich aus dem Moment heraus. Mal widmet sie sich einer absteigenden Linie im Fagott, mal einem Flötentriller oder einem gebrochenen Akkord in der Harfe – und bei aller Durchsichtigkeit bewahrt sie sich eine sehr ehrliche Freude an der leichten Muse. Starke Ritardandi, eine überzeichnete Dynamik und mitunter höllische Tempi entwickeln plötzlich einen ganz eigenen Witz. Und wenn die Nummer Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen eher schleppt, dann hat auch das einen Sinn: Vertrackt ist die Liebeskonstellation auf der Bühne, ein seltsames Experiment. Am Ende wird die Frau aus dem Graben stärker gefeiert als Marlis Petersen, die grandiose Hauptdarstellerin. Nürnberg darf sich freuen.