Den Neujahrsmorgen hatte sich Jan Reuter anders vorgestellt. Anstatt in den Pyrenäen Ski zu fahren, liegt er mit Fieber und einem Infekt in seinem Hotelbett. Und dann ploppt eine Facebook-Nachricht auf seinem Mobiltelefon auf. Ein alter Freund meldet sich bei ihm: ob er auch von diesem Brief gehört habe.

Wenige Wochen später sitzt Jan Reuter mit anderen Leuten an einem konspirativen Ort in Berlin zusammen, die er noch nie in seinem Leben gesehen haben will. Er selbst ist ein schmaler junger Mann, Anfang 30, Beruf Historiker. Mit seinem blonden Seitenscheitel, der grünen Bundjacke und dem Rennrad fällt er in Berlin-Mitte nicht auf. An diesem Abend trifft er auf Antifa-Aktivisten und Bewohnerinnen von linken Hausprojekten. Außerdem sind einige Menschen mit bürgerlichen Biografien gekommen, die gar nicht in diese Szene passen wollen und sich wohl genauso fremd und verloren gefühlt haben müssen wie Reuter selbst. Vor langer Zeit hatte er einmal für eine linke Gruppe Straftaten von Neonazis in seinem Kiez dokumentiert, war jedoch nie linksextrem oder gar straffällig geworden. Schon über ein Jahrzehnt hatte Reuter überhaupt nichts mehr mit dem Milieu zu tun. "Das war wie ein Date mit meiner Vergangenheit", sagt er über diese Begegnung.

Zusammengebracht hat diese unterschiedlichen Menschen ein Drohbrief, der Ende Dezember 2017 an sechs Einrichtungen der linken Szene in Berlin versandt wurde. An eine Kneipe im besetzten Haus in der Rigaer Straße 94, an ein linkes Zentrum, an ein Hausprojekt im Wedding. Auf neun Seiten drohen die unbekannten Autoren von einem "Zentrum für politische Korrektheit" damit, sensible Informationen von 42 Frauen und Männern an die rechtsextreme und vom Verfassungsschutz beobachtete Identitäre Bewegung weiterzugeben, an Neonazis der Autonomen Nationalisten oder schlicht und einfach "an Bullen".

Einige der Informationen in den Drohbriefen stammen aus Polizeidatenbanken

Einiges spricht dafür, dass Polizisten selbst diese Briefe versendet haben könnten – oder dass zumindest die darin enthaltenen Informationen aus Polizeidatenbanken gestohlen und weitergegeben wurden. Bewahrheitet sich dieser Verdacht, wäre das ein Polizeiskandal von einer besonderen Dimension. "So einen Fall hatten wir noch nie, dass der dringende Verdacht bestand, dass sensible personenbezogene Daten von der Polizei in die Öffentlichkeit gelangt sein könnten, um für solche Zwecke missbraucht zu werden", sagt Berlins oberste Datenschützerin Maja Smoltczyk. Die bereits länger in Verruf geratene Berliner Polizei müsste sich dann auch noch mit der Frage beschäftigen, ob innerhalb ihrer Behörde eine zwielichtige Gruppe entstanden ist, eine Polizei in der Polizei. Ein Beamter oder eine Gruppe Beamter könnten ihren Zugang zu Informationen ausgenutzt haben, um ihren eigenen Kampf zu führen. All dies ohne jede Kontrolle, ohne jedes rechtsstaatliche Prinzip.

Um deutlich zu machen, wie gut die Drohbrief-Autoren informiert sind, listen sie in dem Erpresserschreiben nämlich seitenlang auf, auf welche Informationen sie Zugriff haben: Fotos von Personen aus dem amtlichen Melderegister, Namen, Adressen, Spitznamen. Bei einigen werden auch beliebte Reiseziele erwähnt, Haustiere und Krankheiten ("hat nen Hund und Hepatitis"). Der Drohbrief, der der ZEIT im Original exklusiv vorliegt, ist in ruppigem Ton und in falscher Rechtschreibung verfasst. Personen werden darin als Polizeispitzel verdächtigt oder beleidigt ("sehr dünne Arme und ein großes Maul"). Man merkt den Verfassern das Bemühen an, als szenekundig wahrgenommen zu werden.

Auch ihre Motivation für diese gefährliche Aktion nennen die Autoren: "Wir haben Euren Fahndungsaufruf sehr Aufmerksam verfolgt." Damit beziehen sie sich wohl auf 54 Porträtfotos von Polizistinnen und Polizisten, die, nur vier Tage bevor die Drohbriefe versandt wurden, auf dem linken Portal Indymedia veröffentlicht wurden. Die Fotos zeigen – nach Informationen von Insidern aus der Berliner Polizei – Beamte verschiedener Abteilungen, aber vor allem aus dem nahe gelegenen Revier in Friedrichshain und aus verschiedenen Hundertschaften der Polizei. Linke Aktivisten hatten die Einsatzkräfte bei einer Räumung des linken Zentrums in der Rigaer Straße in Berlin fotografiert. Die Veröffentlichung dieser Bilder der Polizisten war nach Einschätzung von Experten eine Reaktion auf eine Fahndung der Polizei nach mutmaßlichen linken Straftätern bei den Gegenprotesten des G20-Gipfels in Hamburg.

Die ZEIT hat versucht, Kontakt zu allen Betroffenen aufzunehmen, die in den Drohbriefen genannt werden, hat mit Polizisten gesprochen, mit Ermittlern bei Staatsanwaltschaft und Polizei sowie der Datenschutzbeauftragten des Landes Berlin. Die im Brief genannten Menschen scheinen eher willkürlich ausgewählt worden zu sein. Nur wenige der Personen leben im linken Zentrum in der Rigaer Straße, deren Bewohner die Polizei als Drahtzieher hinter dem sogenannten Polizisten-Outing vermutet. Einige der Betroffenen haben sich früher einmal in Bündnissen gegen Rechtsradikalismus und Rassismus engagiert oder waren irgendwie im linken Spektrum unterwegs. Andere wohnen zufällig in dem als "Gefahrengebiet" eingestuften Kiez im Norden Friedrichshains. Eine Person saß wegen Landfriedensbruch im Gefängnis. Die allermeisten haben vorher noch nie etwas miteinander zu tun gehabt.