In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Felix Dachsel, warum ihm Lissabon besser gefällt als Porto.Vorige Woche: Toskana oder Provence? Nächste Woche: Bodensee oder Gardasee?

Diese Stadt ist eine Torte. Wie ein kunstvolles, mehrstöckiges Prunkgebäck mit sehr vielen Etagen sitzt Porto auf einem Hügel, untenherum schmiegt sich dekohalber der Fluss Douro an. Wie eine Torte kann man sich die Stadt nicht auf einen Happs einverleiben, sondern nur Bissen für Bissen, Schritt für Schritt. Zum gemächlichen Ankommen laufe ich Terrassenstufe für Terrassenstufe nacheinander ab, ich beginne auf mittlerer Tortenhöhe, hier liegt mein Hotel, und folge von dort den schlängeligen Gassen, bis ich unten am Fluss ankomme. Das Gute an dieser Bauweise ist, dass man bergab langsam gehen muss, um nicht zu stolpern, die Straßen sind manchmal steil, und die Pflastersteine wirken oft wie einfach ausgekippt statt ordentlich verlegt. Beim Weg zurück wird man dann ja automatisch eingebremst, wenn man nicht gerade ein Fitnessfex ist. Porto enthetzt.

Porto ist das nächste große Städteding, heißt es immer wieder; im vergangenen Jahr wurde die Stadt zum besten europäischen Reiseziel gekürt, und tatsächlich haben sie auch die jungen Digitalberufler als günstigere Alternative zu ihrer großen Schwester Lissabon entdeckt. Ja, wahrscheinlich ist Porto wirklich im Kommen, aber die Stadt schlendert dabei, sie hetzt sich nicht, ihr Potenzial auch wirklich bis in die letzte Geschäftsidee, die in der Luft liegt, das neueste Gastro-Konzept, das hier doch sicher prima laufen würde, auszuschöpfen. Das ist das Privileg, wenn man die zweite Stadt ist, im Schatten von Lissabon. Wie bei echten Schwestern: Wenn die große sich strebsam müht, alle Erwartungen zu erfüllen, kann die kleine sich derweil deutlich lässiger entfalten.

Die Attraktionen, die man pflichtschuldig gleich am ersten Tag ablaufen möchte, sind überschaubar: die hingepurzelt wirkende Casa da Música von Rem Koolhaas, die rundum verkachelte kleine Kirche Capela das Almas, die Pfauen, die sich im Park des Palácio de Cristal mit den Möwen um hingeworfene Brotbröckchen balgen. An allem anderen Sehenswerten läuft man in den nächsten Tagen sowieso dauernd vorbei. Nur kein übertriebener Eifer, das passt nicht hierher. Selbst das Klickediklick der Wochenendtouristenhandgepäcktrolleys auf dem Kopfsteinpflaster klingt hier weniger penetrant als anderswo.

Die angeschrappte Schönheit der Stadt, die schiefen Stufen, vernachlässigten Fassaden und die allgemeine Schnurzigkeit machen mich selbst lockerer. Schnell pfeife ich hier auf mein Erscheinungsbild und mampfe gelegentlich ein paar Natas, die kleinen, köstlichen Törtchen; auch im Gehen, krümelnd und mit Puddingmund. Erfunden wurden sie angeblich in Lissabon, aber die leckersten Varianten gibt es in Porto, in einem kleinen Laden in der Altstadt, nur ein paar Schritte vom alten Kachelbahnhof São Bento entfernt. Natas D’Ouro heißt die Bäckerei, "Natas aus Gold", ein dezent selbstverliebter, aber völlig zutreffender Name. Vor allem die Natas mit Portwein schmecken fantastisch. Sie sehen mit ihrer ovalen, leicht eingedellten Form fast aus wie dotterige Austern – nicht hübsch im klassischen Sinn. Und wenn man ein halbes Dutzend davon isst, bleibt eine ganz leichte, wohlige Wattigkeit zurück.

Viel Historie in der Altstadt von Porto © Gunnar Knechtel

In einem kleinen Platten- und Buchladen kaufe ich mir den handgezeichneten Stadtplan einer hiesigen Künstlerin. Darauf hat sie die neun besten Orte verzeichnet, an denen man weinen kann. Das macht man sonst ja eher nicht, wie sähe das auch aus? Porto ist ein guter Ort, um damit anzufangen, und ich breche auf zum Serralves-Museum für moderne Kunst, dessen Kammern mit Videoinstallationen im Heul-Plan besonders empfohlen werden: dunkel, gemütlich, "ein hervorragender Platz für einen kleinen Zusammenbruch". Das aus weißen Kuben zusammengeschobene Gebäude wirft in der grellen Mittagssonne scharfe Schatten auf sich selbst. Diese Effekte interessieren mich mehr als die zu erwartende Kunst im Innern, und so schlendere ich lieber durch den dazugehörigen Park.

Der Parque da Fundação de Serralves ist eigentlich eine Best-of-Compilation aus allen möglichen Parkformen: Er ist zum einen ein Museumspark, in dem man überall Kunstwerke findet, wie zufällig in die Landschaft gekullerte Murmeln. Mein liebstes ist eine aufrecht in der Erde steckende Gartenschaufel, knallrot und so hoch wie ein Baum. Dann spaziert man abwechselnd durch topgeometrische Buchsbaumarrangements, wie mit dem Geodreieck und extra spitzem Bleistift in die Erde gezogen, und durch wildromantische Mini-Wäldchen, vorbei an einer himbeereisrosa Art-déco-Villa, durch die Aromawolke eines Kräutergartens, dann wieder durch dunkle Laubengänge.