Julia Graber*, groß, blonde Haare, wohnt mitten in Berlin, hat einen guten Job in der Medienbranche und viele Freunde. Was die meisten von ihnen nicht wissen: Die 33-Jährige leidet seit mehr als zehn Jahren unter Depressionen und hat schon einige Therapien hinter sich. Mal geht es ihr besser, mal schlechter. Als sich vergangenes Jahr ihr Freund von ihr trennte, zog sie sich komplett zurück, ignorierte Anrufe. "Ich wollte mich am liebsten wegzaubern", sagt Graber heute. Es war wieder Zeit, sich Hilfe zu suchen. Mehr als 30 Psychotherapiepraxen telefonierte sie ab, aber keine hatte einen Platz für sie. Dann las sie in einer Frauenzeitschrift von Selfapy, einem Berliner Start-up, das Kurse gegen Depressionen anbietet – im Internet.

Selfapy, Moodgym, Novego, Deprexis: Die Liste ließe sich verlängern. "In den letzten Jahren ist eine Vielzahl von Online-Angeboten gegen Depressionen auf den Markt gekommen", sagt Stephanie Bauer, Leiterin der Forschungsstelle für Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Zielgruppe ist ja auch riesig. Etwa 5,3 Millionen Menschen erfüllen in Deutschland im Laufe eines Jahres die Kriterien einer Depression. Die meisten davon gehen jedoch nicht zum Therapeuten: weil sie sich aus Scham oder Antriebslosigkeit nicht dazu durchringen können, weil sie auf dem Land leben und der nächste Mediziner weit entfernt ist. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts suchen zwei Drittel der Menschen mit depressiven Beschwerden keinen Psychiater oder Psychologen auf. Und wer Hilfe in Anspruch nehmen möchte, muss oft Wochen oder Monate auf einen Therapieplatz warten.

Können digitale Angebote diese Versorgungslücke schließen? Die Versprechen der Anbieter sind jedenfalls groß. Auf Hochglanz-Websites bewerben sie ihre Angebote. Es gibt Internetkurse, Selbsthilfe-Coaches, Skype- oder Chat-Therapien. Die Krankenkassen wiederum könnten darauf hoffen, dass leicht erkrankte Menschen mithilfe der Cyber-Couch auf eine teurere Psychotherapie verzichten.

"Aber nicht alles, was gut aussieht, ist auch gut", sagt Stephanie Bauer. "Die Betroffenen haben keine Möglichkeit, das Angebot zu durchblicken und für ihre Situation kritisch zu prüfen." Bauer forscht seit vielen Jahren zum Thema E-Mental-Health. Ihre größte Sorge ist, "dass psychisch Kranke etwas in Anspruch nehmen, was ihnen im schlimmsten Fall sogar schadet, etwa indem es sie davon abhält, sich professionelle Hilfe zu suchen".

Beim Berliner Start-up Selfapy kostet ein neunwöchiger Online-Kurs gegen Depressionen knapp 80 Euro. In neun Lektionen werden die wichtigsten Aspekte der Krankheit behandelt und Übungen vorgestellt. Wie geht man zum Beispiel mit negativen Gedanken um? Wenn sie den Raum verlassen und Kollegen plötzlich laut lachen, dann beziehen Depressive das oft auf sich: "Ich werde ausgelacht!" Eine wahrscheinlichere Einschätzung der Situation wäre aber, dass die Kollegen nur über etwas Lustiges gesprochen haben.

Arbeitsblätter sollen helfen, solche Momente zu analysieren und die negativen Gedanken durch realistische zu ersetzen – ein Grundprinzip der kognitiven Verhaltenstherapie, der bei Depressionen häufigsten Therapieform. Für hundert Euro mehr kann man bei Selfapy den "Hand-in-Hand-Kurs" buchen. Einmal pro Woche kann man dann mit einem Psychologen telefonieren und seine Seelenlage besprechen. Julia Graber war anfangs skeptisch, ob ihr das Angebot helfen würde: "Wenn ich niemanden sehe, wie soll ich da Vertrauen fassen?", dachte sie. Aber als im Herbst auch noch ihr Großvater starb und noch immer kein Therapieplatz in Sicht war, meldete sie sich bei Selfapy an. Einmal pro Woche telefoniert sie nun mit Rico, ihrem Betreuer. Ein Gespräch dauert etwa dreißig Minuten, manchmal auch länger. Rico hat einen Masterabschluss in Psychologie. Eine Therapeutenausbildung hat er nicht, genauso wie seine Kollegen bei Selfapy.

Der Psychiater Ulrich Hegerl findet das unverantwortlich. "Depression ist eine schwere Erkrankung, das ist den meisten Menschen nicht klar. Wer nicht in der Ausbildung viele depressive Patienten behandelt hat, der unterschätzt leicht die Gefährlichkeit der Krankheit und führt sie voreilig auf schwierige Lebensumstände zurück." Hegerl leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und ist Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er findet es unerlässlich, dass ausschließlich Ärzte oder psychologische Psychotherapeuten die Behandlung übernehmen. "Ansonsten besteht die Gefahr, dass Zeit verloren geht und das Suizidrisiko steigt", sagt Hegerl.

Um dieses Risiko möglichst auszuschließen, wird man bei der Anmeldung zu Selfapy gefragt, ob man in letzter Zeit daran gedacht habe, sein Leben zu beenden. "Schwere Depressionen, bipolare Störungen oder Schizophrenie können wir hier nicht behandeln", sagt Katrin Bermbach, eine der drei Gründerinnen des Start-ups. Wenn im Erstgespräch am Telefon etwas auf solche Krankheiten hindeute, versuchten die Psychologen, die Nutzer an eine Klinik zu vermitteln. "Man kann am Telefon schlecht erfassen, ob sich jemand umbringen will", sagt hingegen Psychotherapeut Hegerl. Dafür sei die nicht sprachliche Kommunikation wichtig. "Wie schaut, wie reagiert jemand, den ich frage, ob er mir versprechen kann, sich nicht umzubringen?" Auch deshalb plädiert der Psychiater für eine persönliche Betreuung.