DIE ZEIT: Frau Hofinger, Sie haben gemeinsam mit dem Politikwissenschafter Thomas Schmidinger eine Studie erstellt, in welcher der Frage nachgegangen wird, wie sich junge Muslime, die in Österreich aufgewachsen sind, radikalisiert haben. Dazu haben Sie die Fälle einer Reihe von Jugendlichen untersucht, die nach dem Antiterrorparagrafen 278 b verurteilt wurden, weil sie sich in Syrien dem Dschihad anschließen wollten oder weil sie Anschläge gutgeheißen beziehungsweise dazu angestiftet haben. Bei allen Unterschieden fällt ein Muster auf: Es handelt sich um marginalisierte Jugendliche, die aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien stammen.

Veronika Hofinger: Die Jugendlichen, die wegen ihrer Begeisterung für den Dschihadismus ins Gefängnis gekommen sind, stammen eindeutig aus dieser Gruppe. Oft haben ihren Eltern die Ressourcen gefehlt, richtig auf die beginnende Radikalisierung ihrer Kinder zu reagieren, sich beispielsweise rechtzeitig an eine Beratungsstelle zu wenden. Bis auf einen Fall haben alle Migrationshintergrund, die meisten sind auch gar keine österreichischen Staatsbürger. Bei vielen Fällen können die Eltern nicht Deutsch und nehmen am Leben in Österreich kaum teil. Sie sind als Kinder hierhergekommen und haben in den ersten drei, den prägendsten Jahren ihres Lebens Kriegstraumata, vor allem in Tschetschenien, erlitten.

ZEIT: Kommen diese Leute aus einem sozialen Paralleluniversum?

Hofinger: Das kann man so nicht sagen. Sie kommen einfach aus sehr schwierigen Verhältnissen. Viele haben große Ausgrenzungserfahrungen gemacht. Zunächst wie sie in Österreich angekommen sind, als Flüchtlingskinder, die kein Wort Deutsch verstanden. Aber auch später gab es oft Probleme mit der Schule, Schulausschlüsse, Versetzung in die Sonderschule. Bei manchen ist die Hinwendung zum Extremismus auch als Provokation gegen diese Institutionen zu sehen. Es sind etwa zwei dabei, die haben es, bevor sie dschihadistisches Gedankengut verbreitet haben, mit Rechtsextremismus versucht.

ZEIT: In Ihrer Studie bezeichnen Sie Radikalisierung als Überwindung einer Adoleszenzkrise.

Hofinger: Das ist die psychoanalytische Sichtweise, die wir auch berücksichtigt haben, weil sie sehr schlüssig ist. An und für sich ist es normal, dass man in der Pubertät alles infrage stellt und Krisen durchlebt. Wenn nun das Erwachsenwerden und die Loslösung vom Elternhaus in einem derart schwierigen Umfeld stattfindet wie bei diesen Jugendlichen, dann sind die Betroffenen besonders anfällig für radikale Angebote. Denn das war ja unsere Fragestellung: Warum fällt die radikale Ideologie auf fruchtbaren Boden?

ZEIT: Aufgrund der sozialen Situation?

Hofinger: Der Dschihadismus bietet ein ganz neues Bezugssystem, das religiös begründet und von alten Quellen hergeleitet großen Eindruck auf diese jungen Menschen macht und dessen Regeln ganz anders sind, als die der Gesellschaft, in der man nicht zurechtkommt.

ZEIT: Es ist ihr sogar radikal entgegengesetzt.

Hofinger: Und plötzlich sind sie nicht mehr die, die nichts wissen und nur stören. Jetzt verfügen sie über religiöses Wissen und erklären allen anderen die Glaubensregeln. Man gewinnt durch dieses Wissen enorm an Status und Prestige. Und dazu gibt es genügend gefährliche Angebote im Internet, Prediger, die sich genau an diese bei uns aufgewachsenen Jugendlichen richten.

ZEIT: Religiöses Wissen bringt also Sozialprestige.

Hofinger: Ja. Und die Ideologie bietet auch eine ganz neue Identität, die nach ganz anderen Maßstäben bewertet wird. Die Ideologie bietet auch sehr klare Anweisungen, wie man leben soll, und hilft, strukturierter zu leben. Das war gerade für die Jugendlichen, die davor eher in den Tag hineingelebt haben, Drogen ausprobiert haben und straffällig geworden sind, wichtig.

ZEIT: Spielen dann bestimmte Moscheen eine große Rolle, weil sie zu einem Ersatz-Zuhause werden?

Hofinger: Bei den Frauen überhaupt nicht und auch nicht bei allen männlichen Jugendlichen. Es gibt aber auch solche, die in dem salafistischen Umfeld zum ersten Mal das Gefühl von Geborgenheit erfahren.

ZEIT: Findet das Gros in den Moscheen eine Art Heimstatt?