Staunend stehe ich vor diesem neuen Bauwerk mitten in Berlin: Fremdartig wie eine Burg in der Wüste, sandfarben, ein bisschen unförmig, aber imposant. Die verschachtelte Form ist den vier Räumen geschuldet, die der Koloss in sich vereint. Es ist das Haus des Einen, House of One, mit einer Kirche, einer Moschee, einer Synagoge sowie einem großen, hohen Raum in der Mitte, der nach außen hin als wuchtiger Turm sichtbar wird. Gerne suche ich die drei Gotteshäuser auf, die Wege dazwischen sind kurz. Aber der spannendste Raum ist für mich der vierte, mittlere, der für alle da ist, auch für diejenigen, die nicht im engeren Sinne religiös sind. Er steht für das Eine, das alle verbindet.

Mich interessiert dieses Eine. Das will ich verstehen. Anders als Anselm von Canterbury, der im 11. Jahrhundert erklärtermaßen glaubte, um zu verstehen, will ich im 21. Jahrhundert verstehen, um eventuell zu glauben. Als einer, der keiner Religionsgemeinschaft zugehört, frage ich mich, was mit Religion gemeint ist und was das mit dem Einen zu tun hat. Auch mich selbst will ich besser verstehen: Warum interessiert mich das alles, wieso fühle ich mich in Gotteshäusern zu Hause, in welcher Hinsicht bin ich vielleicht selbst religiös? Verstehe ich das besser, kann ich auch besser damit umgehen.

Was also ist Religion? Sofern das Wort aus dem lateinischen Verb religere, "zurückbinden", gebildet wurde, handelt es sich um einen Rückbezug. Diese Herleitung ist nicht gesichert, erscheint jedoch plausibel. Seit je bezogen sich Menschen in der Geschichte auf etwas zurück, das in ihren Augen wesentlich war. Was immer das sein mochte, es hatte und hat auch heute noch Konsequenzen für ihr Leben, denn auf dieses Wesentliche achten sie besonders, es gibt ihrem Leben Sinn und Bedeutung. Fragt sich nur, was wesentlich ist.

Allgemein kann das als wesentlich betrachtet werden, ohne das alles nichts ist. Oder eine Nummer kleiner: ohne das ein Leben unmöglich erscheint. Das können aus subjektiver Sicht sehr unterschiedliche Dinge sein, auch sehr diesseitige: etwa die Liebe, insbesondere eine bestimmte Liebe, auch die Familie, sicherlich die eigene, sodann die Arbeit, sofern sie gern getan wird, die Kunst, die am liebsten ausgeübt oder angeschaut wird, die Technik, meist einzelne technische Geräte wie ein Auto oder Smartphone, nicht zuletzt auch das Geld, insofern es Lebensmöglichkeiten verbürgt.

Alle Menschen halten etwas für wesentlich und "binden sich daran zurück", in diesem Sinne sind alle Menschen religiös. Sie finden Heimat in dem, was für sie das Eine ist, unterhalten eine starke Beziehung dazu und richten ihr Leben darauf aus, voller Vertrauen, auf diese Weise richtig zu leben, oft nicht erfreut darüber, wenn andere etwas anderes für wesentlich halten und anders leben.

Und doch sind all diese Dinge im äußersten Fall entbehrlich. Wesentlich für das Leben können sie also nicht sein. Die Liebe ist wunderschön, kann jedoch verloren werden, und das muss nicht das Ende des Lebens sein. Geld ist hilfreich, aber mit der Solidarität anderer kann ein Mensch auch ohne überleben. Erst recht hängt das Leben nicht von Autos oder Smartphones ab. Keineswegs geht es darum, diese Dinge mit Herablassung zu betrachten. Menschen können ihr Leben sehr wohl auch ohne "tiefere Wahrheit" führen, und auch das kann ein erfülltes Leben sein.

Dennoch will ich weiter fragen: Was ist das Wesentliche, das allem zugrundeliegt, ohne das also das Leben, die Liebe und alle Dinge nicht existieren können? Dem ist auf die Spur zu kommen durch Beobachtungen, wie sie beim Tod eines Menschen zu machen sind. Für ihn ist tatsächlich kein Leben mehr möglich. Etwas Wesentliches muss seinen Körper verlassen haben, das zuvor noch in ihm wirksam war. Auf der Intensivstation eines Krankenhauses wird es auf Bildschirmen sichtbar: Die Elektrizität in Hirn und Herz ist mit einem Mal nicht mehr messbar. Nach dem Tod ist mit bloßen Händen spürbar, dass auch keinerlei Wärme mehr im Körper ist. Elektrizität und Wärme sind zwei von vielen bekannten physikalischen Energieformen. Es ist also Energie, die den Körper verlässt. Sie ist das Wesentliche.

Jede Kreativität ist säkulare Religiosität

Für Energie gilt der Energieerhaltungssatz, 1847 formuliert: Energie kann in andere Energieformen umgewandelt, nicht jedoch vernichtet werden. Das klingt wie der Satz, den alle Kulturen (außer der modernen) zu allen Zeiten kannten: Die Seele des Menschen ist unsterblich. Kann es sein, dass mit der Seele die Energie des Menschen gemeint ist? Wohin geht diese Energie nach dem Tod? Vermutlich in den umgebenden Raum, bevor sie sich allmählich zerstreut und mit der Energie, die sich in der Atmosphäre des Planeten ansammelt, in das Weltall abstrahlt, aus dem sie kam. Klingt esoterisch, aber tatsächlich stammt alle Energie der Erde aus dem Weltall, insbesondere von der Sonne. Ohne diese Energie gäbe es kein Leben. Und die Sonne repräsentiert nur einen winzigen Teil der Energie, die auf vielerlei Art den Kosmos erfüllt und gewaltige Massen bewegt: Allmacht im vollen Sinne des Wortes.

Energie kann als Möglichkeit verstanden werden, die aller Wirklichkeit zugrundeliegt. Ursprünglich reine Potenz, materialisiert sie sich in Teilchen, verfestigt sich zu Atomen und Molekülen und bringt außer sogenannter toter Materie letztlich auch lebende Zellen hervor.

Sie kann unterschiedlich benannt werden, religiös als Allmacht Gottes oder weltlich als kosmische Kraft, aber sehr wahrscheinlich handelt es sich um ein und dasselbe Phänomen.

Wenn die umfassende Energie als das Eine, Wesentliche verstanden werden kann, das allem zugrundeliegt, wird der Rückbezug darauf zur Basis einer säkularen Religiosität. Sie ist nicht an eine Religionsgemeinschaft gebunden, muss aber auch nicht dagegen abgeschottet werden. Ich kann Gotteshäuser als Transmitter verstehen, das Gebet als eine Meditation, die Feier der pfingstlichen Flamme als Gelegenheit, mich für den göttlichen, kosmischen Raum der Energie zu öffnen, mich von Neuem beseelen und inspirieren zu lassen. Außerhalb der Gotteshäuser stehen dafür profanere Methoden zur Verfügung, wie etwa im Frühling die Sonne zu genießen – das sorgt, salopp gesagt, für eine Direkteinspritzung des Kraftstoffs, der Rest ist Transformation und Sublimation.

Sämtliche Sinnlichkeit und insbesondere die Liebe eignen sich zur Energievermittlung, daher wollen so wenige darauf verzichten. Freundliche Beziehungen aller Art geben Energie. In der Natur "tanken" Menschen neu auf, ebenso in der Kunst. Jede Kreativität ist säkulare Religiosität, weltlicher Gottesdienst, denn sie hat immer mit dem unendlichen Horizont von Möglichkeiten zu tun. All das ist Religion. Religion ist eine allgemein menschliche Angelegenheit, kein Besitztum einer Religionsgemeinschaft.

Allerdings glauben Menschen nicht selten mit einer Inbrunst, als könnten sie damit die Wahrheit beschwören. Das gilt auch für diejenigen, die glauben, nicht zu glauben. Dabei ist die Welt doch eine für alle, mag sie auch noch so vielfältig und gegensätzlich sein. Oder will jemand im Ernst glauben, dass es in dieser Welt getrennte Abteilungen gibt, für jede Religion eine und noch eine weitere für Atheisten, alle durch hohe Betonmauern voneinander geschieden, die selbst den Himmel noch aufteilen? Menschen müssen sich nicht zerstreiten über der Frage nach der einzigen Wahrheit, in deren Besitz keiner für sich allein sein kann. Dass nicht alles, was geglaubt wird, auch wahr sein kann, zeigen die Widersprüche zwischen den vielen Glaubensrichtungen. Statt eine bestimmte Religion oder Nichtreligion als einzige Wahrheit zu betrachten, erscheint es sinnvoller, sie als eine Möglichkeit unter vielen zu verstehen, sich der Wahrheit zu nähern.

Noch immer verharre ich am Eingangstor zum neuen Haus des Einen am südlichen Ende der kleinen Brüderstraße in Berlin. Es ist das Tor zu einem Garten, in dem Minze, Himbeeren, Erdbeeren und Brennnesseln in eingezäunten Beeten wachsen. Das obere Ende des Turms steht in einer Ausführung aus Holz ebenerdig vor mir. Mehr existiert noch nicht vom House of One. Es ist ein Info-Pavillon der Stiftung, die das Projekt trägt. Erst für Ende 2019 ist die Grundsteinlegung auf den ältesten Mauern der Stadt vorgesehen, die hier ausgegraben wurden und ins Gebäude einbezogen werden. Das hier ist Berlin, es zieht sich.

In Gedanken gehe ich in dieser "säkularen Kathedrale" umher und freue mich, dass wenigstens hier strikte Abgrenzungen nicht mehr nötig sind. Säkulare Religiosität heißt für mich anzuerkennen, dass in den drei hier vertretenen Religionen, die Berlin am meisten prägen, der Eine – nach je besonderem Verständnis – die Rolle des Wesentlichen vertritt. Säkulare Religiosität heißt für mich jedoch auch, frei darüber diskutieren zu können, wie das Eine verstanden werden kann, das wohl allen und allem zugrundeliegt. Und für viele, die dieses Haus besuchen, wird es heißen, sich still darauf besinnen zu können, was im eigenen Leben das Eine ist, sakral oder profan, auf das sie sich zurückbeziehen wollen.