Julia Klöckner

Die Ministerin erlaubt sich, ihre Kirche zu kritisieren

Was man glaubt, hängt davon ab, was einem vertraut ist. Mir wurde der Glaube in die Wiege gelegt, die Kirche war im Dorf, sonntags war Kirchgang, und solange ich Kind war, hatte die Pfarrkirche Sankt Martin in Guldental für mich die Ausmaße eines Domes. Als kleines Kind wollte ich am liebsten immer nach vorn in die erste Bank, um die Zelebranten zu sehen. Ich wäre gern Ministrantin geworden, leider war das damals noch nicht erlaubt. Ich ging dann in die Kinderschola und wurde später Lektorin.

Obwohl ich Theologie studiert habe, würde ich sagen: Glauben kann man nicht lernen. Aber der Glaube hilft mir, meine Begrenztheit zu akzeptieren.

Kreuze gab es bei uns zu Hause einige. Als ich 2009 Staatssekretärin wurde, bekam ich ein sehr schönes Kreuz aus Rebholz geschenkt, das habe ich von Kardinal Lehmann gesegnet bekommen und es in Mainz in mein Fraktionsvorsitzendenbüro gehängt. Nun hat es mich nach Berlin begleitet. Für uns Politiker ist das Thema Religion momentan hoch spannend – das Religiöse ist sehr politisch geworden. Aber wir sollten nicht den christlichen Glauben wiederentdecken aus Angst vor einer angeblichen Islamisierung. Kirchen werden ja nicht geschlossen, weil sie überfüllt sind. Ich muss mich nicht plötzlich an christlichen Symbolen festhalten, weil andere etwas anderes glauben und dokumentieren. Glauben muss aus einem selbst heraus kommen und nicht in der Funktion der Abgrenzung.

Zweifel begegnet mir meist in Gestalt von Menschen, die anzweifeln, was ich sage oder glaube. Man wirft christlichen Politikern gern auch vor, der verlängerte Arm der Kirche zu sein. Das ist Quatsch. Das aufgeklärte Christentum ist mit unserem Grundgesetz vereinbar. Fundamentalismus nicht. Viele Strömungen im Islam haben noch einen weiten Weg vor sich. Klar ist: Die Religion kann in der Demokratie niemals über dem Gesetz stehen. Mich wundert die Zurückhaltung der linken Kirchenkritiker gegenüber dem fundamentalistischen Islam. Die katholische Kirche wurde als konservative Institution immer von progressiven Feministinnen kritisiert, sicher nicht zu Unrecht. Aber für patriarchale Strukturen im fundamentalistischen Islam haben sie volles Verständnis. Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Wir müssen uns frei machen vom Absender einer Botschaft, denn die Aussage ist das, was zählt. Und wenn diese frauenfeindlich ist, dann muss sie kritisiert werden, egal, welcher kulturelle Hintergrund dahintersteckt. Man stelle sich vor, die Kirche würde heute vorschreiben, dass Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen dürfen oder ihr Haar bedecken müssen, da wäre richtig was los, und zu Recht. Bei manchen Kirchenvertretern verwundert mich, dass sie sich mehr mit Tagespolitik wie Windkraft oder Gentechnik beschäftigen als mit der klassischen Seelsorge und der Frage, warum die Kirchen so leer sind. Dennoch bleibe ich grundsätzlich wohlwollend meiner Kirche gegenüber, aber auch kritisch. Da ich Kirchensteuer zahle, nehme ich mir heraus, ihr Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Wann dürfen gemischtkonfessionelle Paare nun endlich gemeinsam zum Tisch des Herrn, oder wiederverheiratet Geschiedene? Wann werden Frauen zu Diakoninnen geweiht?

Mein persönlicher Glaube wurde noch nicht grundlegend erschüttert. Allerdings spüre ich, da jetzt mein Vater seinen letzten Weg geht, sein Zustand sich ständig verschlechtert, eine Unruhe. "Dein Wille geschehe!", das hört sich so leicht an. Ist es aber nicht.

Julia Klöckner, 45, ist Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft. Die CDU-Politikerin wuchs auf einem Weingut in Rheinland-Pfalz auf.

Mouhanad Khorchide

Der Islamwissenschaftler entdeckte den Koran neu

Ich habe meine eigene Sicht auf den Gott der Muslime teuer bezahlt. Als junger Professor in Münster wollte ich den Islam durch eine Neuentdeckung des liebenden, barmherzigen Gottes reformieren, dafür erhielt ich Morddrohungen und stand lange unter Polizeischutz. Alles begann ganz profan mit der Krankenversicherung in Saudi-Arabien. Ich war davon ausgeschlossen, weil meine Eltern, palästinensische Flüchtlinge, als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden: keine Versicherung, kein Grundbesitz, kein Studium. Gleichzeitig erzählte man uns vom moralischen Verfall der Menschen im Westen, die keine Muslime und daher verdammungswürdig seien. Meine Familie zog schließlich nach Österreich, damit ich studieren konnte – dort war ich vom ersten Tag an krankenversichert. Ich dachte: Ist Gott so ungerecht, dass ungerechte Muslime in den Himmel kommen, der gerechten Nichtmuslimen verschlossen bleibt? Jetzt rebellierte ich gegen das Gottesbild, mit dem ich aufgewachsen war. Dabei entdeckte ich einen Gott der Liebe und Nähe, und zwar im Koran selbst, als ich ihn endlich unvoreingenommen las. Gott begegnete mir als Barmherziger. Das war die Erlösung. Glauben heißt für mich heute vor allem Vertrauen. Und dazu gehört definitiv Kritik. Sie hat meine Beziehung zu Gott vertieft. Ich würde den Satz des Soziologen Navid Kermani sofort unterschreiben, dass kein guter Muslim ist, wer nicht mit seinem Glauben hadert. Schon der islamische Gelehrte Al-Ghazali sagte im 12. Jahrhundert: Wer nicht zweifelt, kann nicht aufrichtig an Gott glauben.

Mouhanad Khorchide, 46, lehrt Islamwissenschaft in Münster. Von ihm erschien unter anderem "Gott glaubt an den Menschen" (Herder Verlag).