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Es gab in der türkischen Geschichte bereits Staatspräsidenten, die per Militärputsch gestürzt und verhaftet wurden, aber noch keinen Mann, der aus dem Gefängnis heraus kandidierte. Jetzt ist es so weit.

Selahattin Demirtaş, 45 Jahre alt und seit anderthalb Jahren inhaftiert, wurde von der HDP als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen am 24. Juni aufgestellt. Im November 2016 war er wegen des Vorwurfs, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein, gemeinsam mit der zweiten Co-Vorsitzenden und neun Abgeordneten seiner Partei verhaftet worden. Die Erdoğan-Regierung hatte mit der PKK lange Friedensverhandlungen geführt, bei denen Demirtaş eine wichtige Rolle spielte. Als die Regierung die Gespräche abbrach, nahm sie die Führung der HDP ins Visier, die sie bezichtigte, der politische Flügel der PKK zu sein. Demirtaş kommt aus einer mittellosen Familie: Als sein älterer Bruder zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und die Familie sich keinen Anwalt leisten konnte, beschloss er, Jura zu studieren, und wurde Rechtsanwalt. Mit 34 wurde er ins Parlament gewählt. In der Partei stieg er rasch auf. Stets freundlich, schlagfertig, geistreich und mit Widerstandskraft brachte er seine Partei ins Parlament und machte sie zur Schlüsselfigur der Oppositionsarithmetik. Die Oppositionsparteien gehen zwar auf Distanz zur HDP, doch Demirtaş fehlt es nicht an Besuchern im Gefängnis. Und er führt über Botschaften einen einzigartigen Wahlkampf.

Vor einiger Zeit schrieb er auf Twitter, in seiner Zelle habe eine "Twitter-Durchsuchung" stattgefunden, weil er ständig Tweets absetze, und gewitzelt: "In der Zelle fand sich lediglich ein Kessel zum Teekochen, man beschied, damit könne man nicht twittern." Letzte Woche schloss er sich ein paar Stunden verspätet der #Tamam-Kampagne ("Es reicht!") gegen Erdoğan an: "Der Kessel war kaputt, daher die Verzögerung. #Tamam", und brachte die ganze Türkei zum Lachen.

In der Haft schrieb er Erzählungen, die bereits zum Bestseller wurden und demnächst auch auf Deutsch erscheinen. Demirtaş ist besonders bei Frauen und jungen Leuten beliebt. Er wird die Präsidentschaftswahl nicht gewinnen können. Die Opposition ist aber auf die Unterstützung des jungen Politikers angewiesen, um Erdoğan zu stürzen. Das macht ihn zum ausschlaggebenden Faktor am politischen Horizont der Türkei.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe