Von Patrik Schwarz

Manchmal erwacht eine Redaktion auch erst richtig zum Leben, wenn es um den Tod geht. Eine Person des katholischen Lebens ist gestorben, völlig überraschend noch dazu, wenige Wochen vor der Verabschiedung in die Rente, ein Mann mit breitem Wirkungsfeld, und der Tod kam auf eine fatal-schwer zu fassende Weise, tragisch-idyllisch beim Sonntagsspaziergang mit der eigenen Ehefrau. Vor allem aber ist der so Verstorbene einer jener freundlich-stillen Menschen, bei denen man erst im Moment der Todesnachricht feststellt, erschrocken und schockiert, dass man soeben nicht nur vom Verlust eines wichtigen Mannes, eines verlässlichen Kollegen erfahren hat, sondern dass einem da jemand menschlich nahegekommen ist über die Jahre, ohne dass es lange Zeit groß aufgefallen wäre.

Eine Redaktion stellt dann Seiten um, auf den letzten Metern der Zeitungsproduktion, räumt Platz frei, bestellt Lebenslauf und Archivmaterial und bittet um geeignete Fotos, natürlich: nicht zu fröhlich, bitte, aber auf jeden Fall so, dass dieser Zug in seinem Gesicht aufscheint, den wir alle gemocht haben, dieses Emsländisch-Verschmitzte hinter dem Seriositäts-Ausdruck des Geschäftsführers. Eine Redaktion also hat ihre Routinen in solchen Fällen, ihre Reflexe, Theo Mönch-Tegeder wusste das, kannte das als alter Zeitungsmacher, und wahrscheinlich wusste er auch, dass mithilfe der Geschäftigkeit und der Routinen alle ein wenig ihren Schock, ihren Schrecken verbergen können. Profis halt. Und ein Profi war Theo Mönch-Tegeder auf vielen Feldern des Zeitungsgewerbes, des Mediengeschäfts.

"Lieber Kollege", so begannen viele seiner Mails, seiner SMS, und selbst wenn er einen Anruf unter bekannter Telefonnummer entgegennahm, waren dies oft die ersten Worte, die aus dem Hörer kamen, eine Grußformel als Erkennungszeichen, "Herr Kollege ..." Die Tonlage war dabei tief, ein wenig gedehnt und von einer naturgegebenen Entspanntheit, wie sie bloß die Herkunft aus einer alten Bauernfamilie mit sich bringen kann, während andere so etwas selbst durch noch so viele Yogastunden in der Mittagspause nicht zu erreichen in der Lage wären. Seine Ruhe zeichnete ihn aus – und seine Begabung zu einem leisen, gereiften, menschenfreundlichen Spott. "Die lieben Kollegen" heißt schließlich auch die Personalien-Kolumne der Medienseite einer großen Sonntagszeitung.

In seinem "lieben Kollegen" klang vieles an, eine Ebenbürtigkeit zunächst, die kein Aufhebens machte um Unterschiede im Alter oder in der Hierarchie. In den beiden Worten vom und zum "lieben Kollegen" schwang aber stets auch eine Tonlage mit, die der Notenschlüssel zu seiner jeweiligen Tages- und Stimmungslage war. Oft heiter klang er, fast als wollte seine Stimme ausdrücken, genau auf dieses Telefonat habe er sich jetzt aber wirklich gefreut. Manchmal dagegen war die Grußformel grundiert von einem Seufzer, sei es über das Geschäft, das nicht notwendigerweise einfacher wurde, oder über die Gremien, die nicht notwendigerweise klüger wurden. Und Gremien schien es im Leben eines Geschäftsführers des Katholischen Medienhauses zuhauf zu geben.

Vor allem aber wohnte dem Satz vom lieben Kollegen ein Stolz inne – und eine Wehmut. Ja, Theo Mönch-Tegeder wollte die Journalisten und Redakteure seines und befreundeter Häuser als Kollegen ansprechen, wiewohl er als Geschäftsführer eigentlich die andere Seite eines Verlags, eines Medienhauses repräsentierte. Der Verlag verdient das Geld – die Redaktion gibt es aus, so ist im Kern die Arbeitsteilung zwischen den zwei Sorten Profis, die eine Zeitung, ein Medium braucht, um dauerhaft erfolgreich zu sein (und natürlich gibt die Redaktion das hart erarbeitete Geld der Vertriebs- und der Anzeigen- und der Innovationskollegen nicht für Cocktails auf dem Sonnendeck aus, sondern für Recherchen und Fotos und gute Texte, im besten Fall). Theo Mönch-Tegeder aber sprach von Kollege zu Kollege, selbst wenn er über Zahlen und Geschäftliches sprach, weil er nie vergessen hat, was es heißt, Journalist zu sein – und vielleicht im Herzen nie aufgehört hat, selber einer zu sein. Das war sein Stolz.

Eine gewisse Wehmut wiederum war darin ebenfalls angelegt, denn irgendwann war Theo Mönch-Tegeder von der Welt der Buchstaben in die Welt der Zahlen gewechselt. Und schaut man von heute aus, am Ende seines Lebens, auf das, was gern "der Lebenslauf" genannt wird – jene Versammlung von Daten, die womöglich viel weniger über eines Menschen Leben aussagen, als es die Vokabel nahelegt –, dann fällt auf: wie lange, lange Zeit er eigentlich Journalist war – und darum auch als Geschäftsführer so kundig auf Geschichten und Seiten und Autoren schauen konnte.

Gleich zu Beginn seiner Berufstätigkeit hatte er sechs Jahre lang als Volontär und Redakteur der "Neuen Osnabrücker Zeitung" gearbeitet, ab den späten siebziger Jahren, und sieben Jahre war er noch mal Politik-Verantwortlicher desselben Blattes, ehe er 2003 im Bistum Osnabrück die Leitung des dortigen Medienhauses übernahm. Zwischen den insgesamt 13 Jahren bei seiner Heimatzeitung aber lagen weitere 12 Jahre als Redakteur, die er in Bonn beim "Rheinischen Merkur" verbrachte, erst in der Wirtschaftsredaktion, dann als Leiter der Parlamentsredaktion. Aus dieser Zeit rührte das Herzblut, mit dem er Christ&Welt forderte und förderte, wo er nur konnte, nachdem es als Beilage der ZEIT für Glaube, Geist, Gesellschaft Auferstehung feiern konnte.

Ohne den Mann aus dem Emsland wäre Christ&Welt nicht, was es heute ist. Dass das Bonner Medienhaus trotz großen Bemühens des Geschäftsführers Christ&Welt 2016 nach Berlin ziehen lassen musste, hat ihn erneut an der Weisheit seiner Gremien zweifeln lassen. Wie verbunden er dem Projekt geblieben ist – auch seitdem das Blatt endgültig unter dem Dach der ZEIT-Verlagsgruppe erscheint –, zeigt eine seiner letzten Dienstfahrten: Sie führte ihn Anfang Mai zu einem Abschiedsbesuch in unsere Redaktion, die lange die seine war. Und es hat ihn auf seine diskrete Weise auch ein bisschen stolz gemacht, an einer Erfolgsgeschichte christlicher Publizistik ein wesentliches Kapitel mitgeschrieben zu haben.

Doch wenn die Nachrufe geschrieben, die Gedenkseite gestaltet, die Zeitung gedruckt ist – wenn der Professionalität Genüge getan ist, die die Formen wahren hilft und alleine dadurch Halt gibt –, dann bleibt trotzdem eine Traurigkeit zurück. Es ist die Traurigkeit über den zu frühen Verlust eines feinen Menschen, für die es eine Kirche braucht und einen Pfarrer und einen Trost, den keine Zeitung spenden kann.