In dieser Serie stellen wir ökonomische Theorien und Einsichten anhand von Grafiken vor. Manche sind historisch, manche neu, alle einflussreich.

Rauchschwaden verhängen den Himmel, das Tageslicht kommt kaum durch. Es riecht rußig, weiße T-Shirts sind abends grau. Die Bevölkerung leidet unter Atemwegserkrankungen. Was heute nach der Beschreibung einer chinesischen Industriestadt klingt, war noch in den siebziger Jahren die Realität im Ruhrgebiet. Der damalige SPD-Spitzenkandidat Willy Brandt konnte Wähler tatsächlich mit der Aussicht auf einen blauen Himmel begeistern.

Dieses Versprechen ist längst eingelöst. Viele der Kraftwerke und Industriebetriebe gibt es nicht mehr. Die verbliebenen Betriebe verpesten die Natur nicht mehr. Was ist passiert? Und steht China nicht jetzt auch vor einem ähnlichen Wandel?

Volkswirte wittern eine Gesetzmäßigkeit: die Umwelt-Kuznets-Kurve. Wie ihre große Schwester und Namensgeberin, die Kuznets-Kurve, nimmt sie einen nicht linearen Zusammenhang zwischen dem Einkommen eines Landes und einer unerwünschten Sache an. Im Original ist das die Ungleichheit, hier sind es die Umweltschäden. In einer Grafik sieht der Zusammenhang aus wie ein umgedrehtes U: Bei steigendem Einkommen werden zuerst die Schäden größer, aber von einer gewissen Einkommensgrenze an wird es sauberer. Und das hat drei Gründe.

Der erste sind Präferenzen. Demnach ist die Sorge um die Umwelt ein Luxusgut, das sich nur reiche Menschen und Länder leisten können oder wollen. Individuen, etwa beim Einkauf, und die Politik, etwa bei Gesetzen, verhalten sich umweltbewusst.

Der zweite Grund ist die Technologie: Wenn Politik und Konsumenten es einfordern, kümmern sich Unternehmen um Neuerungen, die ihre Produktion effizienter und sauberer machen.

Der dritte Grund ist die Veränderung der Wirtschaftsstruktur. Was als Agrargesellschaft sauber startete und im ersten Schritt ein Gift versprühendes Industrieland wurde, geht nun über in die Dienstleistungsgesellschaft, die immer mehr Geld verdient, ohne dafür mehr Material zu verbrauchen.

So weit die Theorie. Seit die Kurve Anfang der neunziger Jahre populär wurde, haben sich viele Wissenschaftler dafür interessiert, ob sich dieser intuitiv einleuchtende Zusammenhang auch statistisch nachweisen lässt. Die Ergebnisse sind leider ernüchternd.

Für den aufsteigenden Ast der Kurve – je stärker die Wirtschaftsleistung wächst, desto höher die Verschmutzung – gibt es etwa in aufstrebenden Schwellenländern allerhand Beispiele. Und beim abnehmenden Ast belegen zumindest im Fall von Umweltbelastungen, die lokal begrenzt und kurzfristig spürbar sind, fast alle Studien, dass sie ab einem gewissen Einkommenslevel abnehmen, also dem Verlauf der Umwelt-Kuznets-Kurve folgen. Allerdings unterscheiden sich die Einkommenshöhen für einen Wendepunkt bei der Umweltbelastung den Studien zufolge beträchtlich. Zwischen ein paar Tausend und 100.000 US-Dollar liegen die Ergebnisse zum Beispiel für Schwefeldioxid.

Die Ergebnisse für Problemstoffe mit globalen Auswirkungen, wie der Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid, waren bisher uneinheitlich. Umso erstaunlicher ist, dass eine neue Untersuchung von Forschern der TU Braunschweig tendenziell sinkende CO₂-Werte ab einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von ungefähr 40.000 US-Dollar findet. Zehn der 181 untersuchten Länder befinden sich demnach auf dem absteigenden Ast der CO₂-Kurve. Energieeffizienz und ein großer Dienstleistungssektor in diesen Ländern führt dazu, dass sie reicher werden und Umweltbeeinträchtigungen verringern.

Diese Ergebnisse sind Wasser auf die Mühlen derer, die grünes Wachstum vertreten. Die Umwelt-Kuznets-Kurve wurde auch deshalb so populär, weil sie gut in die Argumentationskette passt, in der keiner jemand anderem etwas wegnimmt und niemand auf etwas verzichten muss. Nur geht die Rechnung leider in der Summe nicht auf. Denn der Sektorwandel, der Länder wie Deutschland und Dänemark so energieeffizient macht, beruht auch auf Handel. Das Geld, das Leute hierzulande durch ihre "sauberen" Dienstleistungsberufe verdienen, geben sie für Rohstoffe, Technik, Kleidung und Flugreisen auf, die die Umwelt woanders verschmutzen. Die Forscher der TU Braunschweig haben deshalb einen zweiten Teil zu ihrer Studie hinzugefügt, in dem sie die Effekte von Handelsbeziehungen berücksichtigen. Dann verschwindet die Evidenz für den absteigenden Ast der Kurve. Die reichen Länder exportieren also ihre Kohlendioxid-Emissionen zum Großteil einfach.

Die Umwelt-Kuznets-Kurve

Lesehilfe: Auf dem Weg von der Agrar- über die Industrie- bis zur Dienstleistungswirtschaft wächst der Wohlstand. Der Scheitelpunkt der Kurve soll die Stelle markieren, von der an der Zuwachs nicht mehr mit einer zunehmenden Umweltzerstörung verbunden ist

© ZEIT-Grafik

Die Umwelt-Kuznets-Kurve ist also nur vordergründig beruhigend. Dafür, dass die ganze Welt auf dem Weg zu einem höheren Lebensstandard dieselbe Entwicklung durchmacht wie wir, reichen die Ressourcen der Erde nicht aus. Sie würden auch nicht ausreichen, wenn alle Länder auf einen Schlag so sauber würden, wie Deutschland jetzt ist. Ausreichen würde sie nach Berechnungen des Global Footprint Networks, wenn alle Menschen so wenig Ressourcen verbrauchen würden wie die Bewohner Vietnams, Marokkos oder Jamaikas – das wäre etwa ein Drittel des Durchschnittsverbrauchs in Deutschland.

Außerdem ist mancher Schaden irreversibel. Etliche Umweltauswirkungen sind kumulativ, zum Beispiel die Versiegelung von Böden, die Zerstörung von Urwäldern oder das Aussterben von Arten. Abfälle und Schadstoffe reichern sich an. Schwangeren Frauen rät man jetzt schon, in der gesamten Schwangerschaft höchstens dreimal Fisch aus dem Meer zu essen.

Die Umwelt-Kuznets-Kurve lehrt uns, dass Umweltschutz nicht von allein zur Priorität wird, wenn ein Land arm ist. Und wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es selbst in reichen Ländern nur begrenzt Möglichkeiten für Wachstum gibt, das nicht auf Kosten der Umwelt geht. Es bleibt also viel zu tun. Auch wenn der Himmel über dem Ruhrgebiet längst wieder blau ist.