Beim ersten Mal stahlen die Einbrecher drei Computer aus der Schule, außerdem Drucker, Scanner und Fotokopierer, und Marilú Becerra weinte vor Wut. Beim zweiten Mal nahmen sie die restlichen Computer mit, beim dritten Mal den Kühlschrank, den Mixer und die Essensvorräte aus der Küche, und die Schulleiterin Marilú Becerra weinte wieder. Nach dem vierten Mal waren alle 37 Laptops verschwunden, die die Schule besessen hatte. "Da habe ich nicht mehr geweint", sagt Marilú Becerra. Keine Tränen mehr übrig. Nur ein Gefühl von Fatalismus.

Wir sitzen im Auto auf dem Weg zu ihrer Schule, als Marilú Becerra mir das erzählt. Sie ist eine 48-jährige Frau mit europäischen, indigenen und afrikanischen Vorfahren, die von ihrer Familie la negra, " die Schwarze", genannt wird, weil ihre Haut ein bisschen dunkler ist als die ihrer Geschwister. Die Grundschule, die sie leitet, liegt in Los Teques, einem Vorort der inzwischen verarmten Mittelschicht oberhalb der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

In einer Kurve steht eine verwitterte Werbetafel. Hier hat schon lange kein Unternehmen mehr Werbung gebucht. Mit weißer Farbe hat jemand auf das Holz geschrieben: "Aktive Nachbarschaft gegen das Verbrechen – wenn wir dich erwischen, machen wir dich kalt." Es gibt fast nichts, was nicht gestohlen, nicht geraubt wird in Venezuela. Nach Anbruch der Dunkelheit geht in Caracas kaum noch jemand auf die Straße. In einer anderen Schule in Los Teques wurden sogar die Türen abmontiert. Manchmal stecken organisierte Banden hinter den Diebstählen. Manchmal aber auch nur verzweifelte Nachbarn.

"Was würdest du machen, wenn du zu Hause hungrige Kinder hast und nichts zu essen?", fragt mich Marilú Becerra.

Sie tritt auf die Bremse. Vor uns trotten Dutzende von Kindern die Straße hinunter. Früher gab es hier noch eine Buslinie, jetzt müssen sie zu Fuß zur Schule gehen. Becerra winkt die ersten vier auf die Rückbank ihres Autos. Gracias, Profe!, "Danke, Frau Lehrerin!", rufen sie gegen das Geknatter des Motors. Der Kleinwagen, Marke Saipa, wurde mit iranischer Hilfe in Venezuela produziert. Marilú Becerra hat ihn "Peter Pan" getauft, "weil er die Kinder liebt", wie sie sagt. Peter Pan ist zehn Jahre alt und schwer gebrechlich. Wenn Becerra Gas gibt, beschleunigt er nur ruckelnd, als würde er im Laufen stolpern. Die Türgriffe fehlen. Becerra hat Kleiderbügel in die Löcher gebastelt, sonst könnte sie nicht aussteigen. Im ganzen Land fehlen Ersatzteile, Reparaturen sind fast unmöglich. Später werden wir an einem Autofriedhof mit Dutzenden kaputten Bussen vorbeikommen. Überbleibsel des öffentlichen Nahverkehrs, den eine Schuldirektorin allein mit ihrem Kleinwagen nicht ersetzen kann.

Ich kenne Marilú Becerra seit 14 Jahren. 2004 fuhr ich zum ersten Mal nach Venezuela. Damals erlebte ich ein anderes Land, ein Land im Aufbruch. In den Barrios, den riesigen Armenvierteln aus selbst gebauten Backsteinhütten, die sich über die Hänge oberhalb von Caracas ziehen, zeigten mir die Menschen begeistert ihre Alphabetisierungsfibeln und zitierten aus der neuen, in einem monatelangen Prozess unter Beteiligung der Bürger erarbeiteten Verfassung, in der ein Wort besonders oft auftaucht – "Volk": die "aktive Rolle des Volkes", "Volksabstimmungen", "Volksbefragungen". Jahrzehntelang hatten diese Menschen unter der Missachtung durch die Reichen und Mächtigen gelitten, die sich in Caracas nur von Tiefgarage zu Tiefgarage bewegten. Unzählige Proteste hatte es gegeben, Plünderungen, Hungeraufstände – aber keine Hoffnung auf Veränderung.

Bis dieser Mann kam: Hugo Chávez.

Ende 1998 gewann der ehemalige Oberstleutnant Chávez die Präsidentschaftswahlen in Venezuela. Er kündigte an, Politik für das einfache Volk zu machen. Eine bessere Bildung, eine bessere Gesundheit, mehr Umverteilung. Chávez sprach von einer Revolution und nannte das, was er wollte, den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Im Kopf hatte er ein System, in dem es zwar private Unternehmen gibt, der Staat aber die Wirtschaft lenkt. Armut, versprach Chávez, werde bald ein Phänomen der Vergangenheit sein.

Chávez war ein Angeber, ein Maulheld, der sich jeden Sonntag in der mehrstündigen Fernsehshow Aló Presidente, "Hallo, Präsident", selbst inszenierte, indem er Kinder küsste, Gedichte rezitierte und seine Gegner beschimpfte. Zu einer Zeit, als sich im Norden der Welt noch niemand sonderlich für das Phänomen des Populismus interessierte, zeigte Chávez, wie man es fertigbringt, die Massen der Zukurzgekommenen auf seine Seite zu ziehen. Seine Egomanie stieß mich ab, einerseits. Aber trat Chávez nicht auch glaubhaft für die Rechte der Frauen und der Armen ein, für mehr Gleichheit? Und war das nicht ungeheuer nötig in einem Land, in dem 80 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze lebten, in dem man den Abstand zwischen Oben und Unten nur noch als unanständig bezeichnen konnte?

Ich war damals fasziniert von diesem Experiment. Ich blieb länger als geplant, kam im Jahr danach wieder und schrieb eine Biografie über Chávez. Während meines Aufenthalts wohnte ich im Gästehaus einer Bildungseinrichtung, mitten in einem Barrio. Wenn ich Venezolanern aus den besseren Vierteln davon erzählte, sahen sie mich mit schreckgeweiteten Augen an – und bestätigten mich nur in dem Eindruck, dass es tatsächlich richtig war, den Einfluss dieser wohlhabenden Minderheit zurückzudrängen, wie Chávez es beabsichtigte.

Was ihn von vielen anderen an die Macht gekommenen Linken, vielen anderen Sozialreformern unterschied, war dies: Hugo Chávez konnte über riesige Mengen Geld verfügen. In der Erde von Venezuela befinden sich die größten Erdölvorkommen der Welt. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen dafür, seinem Volk einen neuen Wohlstand zu versprechen, wie mir schien.

Als ich Marilú Becerra kennenlernte, sprach sie voller Euphorie über die chavistische Bewegung. Sie war Sozialarbeiterin in dem Barrio, in dem ich wohnte. Organisierte Geld für Kindergärten und Schulen, gab Workshops in kommunaler Selbstverwaltung und Erziehungsfragen. In den wenigen Stunden, in denen sie nicht für die Belange der Armen unterwegs war, saßen wir auf der Dachterrasse ihrer Bildungseinrichtung und diskutierten über das neue Venezuela.

Solange Menschen wie Marilú Becerra an der Veränderung dieses Landes mitarbeiten, so glaubte ich damals, kann nicht alles schiefgehen.

Es ist alles schiefgegangen.

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