Beim ersten Mal stahlen die Einbrecher drei Computer aus der Schule, außerdem Drucker, Scanner und Fotokopierer, und Marilú Becerra weinte vor Wut. Beim zweiten Mal nahmen sie die restlichen Computer mit, beim dritten Mal den Kühlschrank, den Mixer und die Essensvorräte aus der Küche, und die Schulleiterin Marilú Becerra weinte wieder. Nach dem vierten Mal waren alle 37 Laptops verschwunden, die die Schule besessen hatte. "Da habe ich nicht mehr geweint", sagt Marilú Becerra. Keine Tränen mehr übrig. Nur ein Gefühl von Fatalismus.

Wir sitzen im Auto auf dem Weg zu ihrer Schule, als Marilú Becerra mir das erzählt. Sie ist eine 48-jährige Frau mit europäischen, indigenen und afrikanischen Vorfahren, die von ihrer Familie la negra, " die Schwarze", genannt wird, weil ihre Haut ein bisschen dunkler ist als die ihrer Geschwister. Die Grundschule, die sie leitet, liegt in Los Teques, einem Vorort der inzwischen verarmten Mittelschicht oberhalb der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

In einer Kurve steht eine verwitterte Werbetafel. Hier hat schon lange kein Unternehmen mehr Werbung gebucht. Mit weißer Farbe hat jemand auf das Holz geschrieben: "Aktive Nachbarschaft gegen das Verbrechen – wenn wir dich erwischen, machen wir dich kalt." Es gibt fast nichts, was nicht gestohlen, nicht geraubt wird in Venezuela. Nach Anbruch der Dunkelheit geht in Caracas kaum noch jemand auf die Straße. In einer anderen Schule in Los Teques wurden sogar die Türen abmontiert. Manchmal stecken organisierte Banden hinter den Diebstählen. Manchmal aber auch nur verzweifelte Nachbarn.

"Was würdest du machen, wenn du zu Hause hungrige Kinder hast und nichts zu essen?", fragt mich Marilú Becerra.

Sie tritt auf die Bremse. Vor uns trotten Dutzende von Kindern die Straße hinunter. Früher gab es hier noch eine Buslinie, jetzt müssen sie zu Fuß zur Schule gehen. Becerra winkt die ersten vier auf die Rückbank ihres Autos. Gracias, Profe!, "Danke, Frau Lehrerin!", rufen sie gegen das Geknatter des Motors. Der Kleinwagen, Marke Saipa, wurde mit iranischer Hilfe in Venezuela produziert. Marilú Becerra hat ihn "Peter Pan" getauft, "weil er die Kinder liebt", wie sie sagt. Peter Pan ist zehn Jahre alt und schwer gebrechlich. Wenn Becerra Gas gibt, beschleunigt er nur ruckelnd, als würde er im Laufen stolpern. Die Türgriffe fehlen. Becerra hat Kleiderbügel in die Löcher gebastelt, sonst könnte sie nicht aussteigen. Im ganzen Land fehlen Ersatzteile, Reparaturen sind fast unmöglich. Später werden wir an einem Autofriedhof mit Dutzenden kaputten Bussen vorbeikommen. Überbleibsel des öffentlichen Nahverkehrs, den eine Schuldirektorin allein mit ihrem Kleinwagen nicht ersetzen kann.

Ich kenne Marilú Becerra seit 14 Jahren. 2004 fuhr ich zum ersten Mal nach Venezuela. Damals erlebte ich ein anderes Land, ein Land im Aufbruch. In den Barrios, den riesigen Armenvierteln aus selbst gebauten Backsteinhütten, die sich über die Hänge oberhalb von Caracas ziehen, zeigten mir die Menschen begeistert ihre Alphabetisierungsfibeln und zitierten aus der neuen, in einem monatelangen Prozess unter Beteiligung der Bürger erarbeiteten Verfassung, in der ein Wort besonders oft auftaucht – "Volk": die "aktive Rolle des Volkes", "Volksabstimmungen", "Volksbefragungen". Jahrzehntelang hatten diese Menschen unter der Missachtung durch die Reichen und Mächtigen gelitten, die sich in Caracas nur von Tiefgarage zu Tiefgarage bewegten. Unzählige Proteste hatte es gegeben, Plünderungen, Hungeraufstände – aber keine Hoffnung auf Veränderung.

Bis dieser Mann kam: Hugo Chávez.

Ende 1998 gewann der ehemalige Oberstleutnant Chávez die Präsidentschaftswahlen in Venezuela. Er kündigte an, Politik für das einfache Volk zu machen. Eine bessere Bildung, eine bessere Gesundheit, mehr Umverteilung. Chávez sprach von einer Revolution und nannte das, was er wollte, den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Im Kopf hatte er ein System, in dem es zwar private Unternehmen gibt, der Staat aber die Wirtschaft lenkt. Armut, versprach Chávez, werde bald ein Phänomen der Vergangenheit sein.

Chávez war ein Angeber, ein Maulheld, der sich jeden Sonntag in der mehrstündigen Fernsehshow Aló Presidente, "Hallo, Präsident", selbst inszenierte, indem er Kinder küsste, Gedichte rezitierte und seine Gegner beschimpfte. Zu einer Zeit, als sich im Norden der Welt noch niemand sonderlich für das Phänomen des Populismus interessierte, zeigte Chávez, wie man es fertigbringt, die Massen der Zukurzgekommenen auf seine Seite zu ziehen. Seine Egomanie stieß mich ab, einerseits. Aber trat Chávez nicht auch glaubhaft für die Rechte der Frauen und der Armen ein, für mehr Gleichheit? Und war das nicht ungeheuer nötig in einem Land, in dem 80 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze lebten, in dem man den Abstand zwischen Oben und Unten nur noch als unanständig bezeichnen konnte?

Ich war damals fasziniert von diesem Experiment. Ich blieb länger als geplant, kam im Jahr danach wieder und schrieb eine Biografie über Chávez. Während meines Aufenthalts wohnte ich im Gästehaus einer Bildungseinrichtung, mitten in einem Barrio. Wenn ich Venezolanern aus den besseren Vierteln davon erzählte, sahen sie mich mit schreckgeweiteten Augen an – und bestätigten mich nur in dem Eindruck, dass es tatsächlich richtig war, den Einfluss dieser wohlhabenden Minderheit zurückzudrängen, wie Chávez es beabsichtigte.

Was ihn von vielen anderen an die Macht gekommenen Linken, vielen anderen Sozialreformern unterschied, war dies: Hugo Chávez konnte über riesige Mengen Geld verfügen. In der Erde von Venezuela befinden sich die größten Erdölvorkommen der Welt. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen dafür, seinem Volk einen neuen Wohlstand zu versprechen, wie mir schien.

Als ich Marilú Becerra kennenlernte, sprach sie voller Euphorie über die chavistische Bewegung. Sie war Sozialarbeiterin in dem Barrio, in dem ich wohnte. Organisierte Geld für Kindergärten und Schulen, gab Workshops in kommunaler Selbstverwaltung und Erziehungsfragen. In den wenigen Stunden, in denen sie nicht für die Belange der Armen unterwegs war, saßen wir auf der Dachterrasse ihrer Bildungseinrichtung und diskutierten über das neue Venezuela.

Solange Menschen wie Marilú Becerra an der Veränderung dieses Landes mitarbeiten, so glaubte ich damals, kann nicht alles schiefgehen.

Es ist alles schiefgegangen.

Venezuela - »Du vermisst Venezuela, obwohl du im Land bist« Im Mai wurde Nicolás Maduro in Venezuela erneut zum Präsidenten gewählt. Im Video sprechen junge Venezolaner über die triste Stimmung im Land.

"Die Hyperinflation macht uns fertig"

Venezuela hat offiziell 30 Millionen Einwohner. Noch. Denn inzwischen verlassen die Menschen in Scharen das Land. Vorsichtige Schätzungen sprechen von zwei Millionen, andere von fünf Millionen Venezolanern, die seit 2015 nach Kolumbien, Peru, Ecuador, Brasilien, Argentinien, Spanien oder in die USA ausgewandert sind. Inzwischen gibt es kaum noch jemanden, der nicht einen Sohn oder eine Tochter, einen Bruder oder eine Schwester irgendwo im Ausland hat.

Der venezolanische Präsident Nicolás Maduro, Weggefährte und Nachfolger des 2013 an Krebs gestorbenen Chávez, rief den Auswanderern öffentlich hinterher: "Venezuela ist das beste Land der Welt" – und: In dieser schwierigen Zeit verlasse man seine Heimat nicht, vielmehr müsse man "arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten".

Das Problem ist, dass die Menschen trotz all des Arbeitens nicht mehr genug zu essen haben.

Venezuela, das so reich ist an Öl, ist heute hoch verschuldet. Um die Verbindlichkeiten begleichen zu können, lässt die Regierung immer neues Geld in Umlauf bringen. Verlockender Reichtum aus der Maschine. Allein dadurch aber steigt in einer Volkswirtschaft weder die Warenmenge noch die Kaufkraft. Die venezolanischen Unternehmen erhöhen nämlich dauernd die Preise, und die Löhne und Gehälter verlieren an Wert. Woraufhin die Regierung noch mehr Geld unter die Leute bringt. Woraufhin die Unternehmen die Preise noch weiter erhöhen. Es ist ein Wettlauf, den die Regierung nicht gewinnen kann.

Um ihr letztes bisschen Vermögen vor dem Verfall zu retten, versuchen die Menschen das Ersparte in Weltwährungen wie den US-Dollar zu tauschen – und zahlen auch dafür immer höhere Preise. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Dollar inzwischen fast 700.000 Bolivar, vor drei Jahren waren es noch 300.

Venezuela ist heute das Land mit der höchsten Inflationsrate der Welt. Für dieses Jahr erwarten Fachleute 14.000 Prozent. Die Menschen können so viel schuften, so viel Geld verdienen, wie sie wollen, sie werden trotzdem von Tag zu Tag ärmer, weil das Geld so rasant an Wert verliert.

Vor ein paar Monaten schrieb mir Marilú Becerra eine E-Mail. "Ich kann nicht mehr. Die Hyperinflation macht uns fertig. Mein Autoschlüssel ist kaputt, ein neuer kostet das Achtzehnfache meines Monatsgehalts." Irgendwie hat sie noch Geld dafür zusammengekratzt. Ohne Peter Pan geht es nicht.

Auch sie überlege, schrieb Marilú Becerra in der E-Mail, nach Kolumbien auszuwandern. "Hier sterben die Leute an Hunger. Es ist nicht zum Aushalten."

Ich beschloss, nach Venezuela zu fahren, um herauszufinden, was falsch gelaufen ist in diesem Land, das so reich sein müsste und täglich ärmer wird. Und wieso die Regierung es dennoch geschafft hat, an der Macht zu bleiben.

Venezuela ist das beste Land der Welt. Vorwärts, Venezuela
Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela

An diesem Sonntag, dem 20. Mai, wählt Venezuela einen neuen Präsidenten. In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Unruhen und gewalttätigen Protesten gegen die Regierung, die von der Polizei oft brutal niedergeschlagen wurden, es gab Dutzende Tote. Die meisten Umfragen aber sagen dem Amtsinhaber Nicolás Maduro einen Sieg voraus, trotz der Krise, trotz der Armut, trotz der Inflation.

Was also ist los in Venezuela?

In der Grundschule, die Marilú Becerra leitet, sitzen 20 Achtjährige auf abgenutzten Schulbänken. Der Lehrer hält eine Ansprache, die bald in ein Frage-und-Antwort-Spiel mündet. Vermutlich will er mir, dem Journalisten aus Deutschland, den revolutionären Geist der Schule vorführen. Die Kinder scheinen die Antworten zu kennen und sind eifrig bei der Sache.

"Wer hat Schuld an der Lage, die Regierung oder wir?", ruft er in den Klassenraum hinein.

"Wir!", antworten die Schüler.

"Aha! Und ist es eine Lösung, das Land zu verlassen? Ja oder nein?"

"Nein!", antworten die Schüler.

"Früher haben wir zu wenig Gemüse gegessen. Wir haben Lebensmittel den Hunden zu fressen gegeben, weil wir im Überfluss gelebt haben! Ist es nicht besser, wenn man sich bewusst ernährt? Ja oder nein?"

"Ja!"

"Wir respektieren hier die Meinung eines jeden Schülers, aber ich möchte, dass ihr wisst, was die Regierung für euch getan hat. Wer hat euch die Schulranzen gegeben?"

"Die Regierung!"

"Aha! Und wer hat euch die Laptops gegeben, mit denen ihr lernt?"

"Die Regierung!"

Der Lehrer scheint das Frage-Antwort-Spiel in einer Zeit eingeübt zu haben, in der die Laptops der Schule noch nicht geklaut waren.

"Früher gab es keine Laptops. Früher wurden die Schüler in der Schule misshandelt, heute herrscht hier Liebe. Mit Liebe und Partizipation verwandeln wir uns in neue Bürger, in eine neue Gesellschaft. Eine kapitalistische Gesellschaft?"

"Ja!", rufen einige.

"Nein!", rufen andere.

"Aufgepasst! Nicht kapitalistisch, sondern sozialistisch. So-zia-lis-tisch!"

Der Lehrer, er heißt Richard Croquer, ist ein kleiner glatzköpfiger Mann Mitte vierzig, er tanzt während seines Frage-und-Antwort-Spiels gestikulierend um die Schulbänke herum, zwischendurch zwinkert er mir zu. Später wird er mir erzählen, er habe ursprünglich nur einen Job im Bürgermeisteramt gehabt. Dann ließ Hugo Chávez überall im Land Universitäten gründen und vergab Stipendien. Ohne diese Bildungsoffensive wäre er niemals Lehrer geworden, sagt Croquer. "Die Regierung hat mir ein Studium ermöglicht. Ihr verdanke ich alles."

So wie diesem Mann erging es auch Hunderttausenden anderen Venezolanern aus einfachen Verhältnissen. Chávez hat den Bildungshunger von Menschen gestillt, um die sich jahrzehntelang niemand gekümmert hatte. Viele von ihnen sind deshalb heute noch treue Gefolgsleute der Regierung. Es ist eine Zuneigung, die auf Dankbarkeit beruht. Und die noch in der tiefsten Krise Bestand hat.

Der Mindestlohn reicht nicht für eine Dose Tomaten

Flankiert von Ministern und Generalen, sitzt Präsident Nicolás Maduro drei Wochen vor der Wahl auf einer in den Nationalfarben Gelb, Blau und Rot geschmückten Tribüne. Ein bulliger Mann mit Schnauzbart, in einem Hemd, das ein wenig nach Blaumann aussieht. Vor ihm sitzen 50 ausgewählte Gäste und Journalisten. Maduro nutzt eine Industriemesse in der Hauptstadt für eine Pressekonferenz. In inbrünstigem Tonfall, den er sich von seinem Vorgänger Chávez abgeschaut hat, verspricht er, nach seinem Wahlsieg aufzuräumen mit der "kriminellen Spekulation".

Spekulation – so nennen es die Chavisten, wenn private Unternehmen und Händler die Preise für ihre Waren immer weiter erhöhen und so dafür sorgen, dass sich die Menschen von ihrem Geld immer weniger kaufen können.

Es ist der 30. April, morgen ist der 1. Mai, der Kampftag der Arbeiterklasse. Er sei stolz auf seine proletarische Herkunft, sagt der einstige Gewerkschaftsführer Maduro. Dann kündigt er eine Erhöhung des Mindestlohns an: von knapp 400.000 Bolivar auf eine Million pro Monat, ab sofort. Auch die Mindestrente und die Lebensmittelgutscheine, die bedürftige Venezolaner erhalten, würden mehr als verdoppelt.

"Da seht ihr, was soziale Gerechtigkeit ist!", ruft Maduro in den aufbrandenden Applaus hinein.

Ein Sprecher der Regierung hat mir vor der Rede mitgeteilt, ich sei unter den ausländischen Korrespondenten ausgelost worden als derjenige, der dem Präsidenten eine Frage stellen dürfe. Ausgelost, nun ja. Neben zwei Kollegen des Fernsehsenders Telesur, einer Art lateinamerikanischem CNN, der von der venezolanischen Regierung mitfinanziert wird, bin ich der einzige ausländische Journalist hier. Die einstmals scharf oppositionellen Privatfernsehsender machen heute weitgehend Hofberichterstattung. Einige haben mittlerweile chavistische Eigentümer.

Ich frage Maduro, ob die Erhöhung des Mindestlohnes, der Mindestrenten und der Lebensmittelgutscheine nicht dafür sorgen werde, dass die Unternehmen erst recht die Preise nach oben setzen. Ob also er, Maduro, die Spekulation, die er doch bekämpfen wolle, nicht selbst anheize.

Das sei ein typisch kapitalistisches Argument, antwortet der Präsident. "Die Lohnerhöhung ist notwendig, um die Arbeiterinnen und Arbeiter zu schützen und den Binnenmarkt Venezuelas zu stärken." Applaus.

Noch ehe der Präsident seine Rede beendet hat, etikettieren die Supermärkte und Händler im Land ihre Preise um. Sie haben die Lohnverdopplung schon erwartet. Marilú Becerra wird mir später erzählen, dass es, während mir der Präsident Nachhilfe in Ökonomie erteilte, im Supermarkt von Los Teques zu Geschrei und Handgreiflichkeiten kam, als die Angestellten neue Preisschilder anbrachten.

Zwei Tage zuvor, als ich in Caracas gelandet bin, kostete eine Dose geschälte Tomaten 779.465 Bolivar. In wenigen Tagen werden es schon 1.169.197 Bolivar sein. Vom neuen staatlich verordneten Mindestlohn wird man sich also nicht einmal ein wenig Gemüse kaufen können. Allerdings: Um die Einkommen der Menschen weiter aufzustocken, überweist die Regierung regelmäßig Geld auf die Konten von Bedürftigen, die Programme tragen blumige Namen wie "Mütter und Frauen des Vaterlandes" oder "100 Prozent Liebe zu den Älteren". So macht Maduro auf Wohltäter – und bindet die Armen, auf deren Stimmen die Regierung angewiesen ist, enger an sich. Es gibt Menschen, die allein von den Zahlungen der Regierung leben.

Mit Marilú Becerra fahre ich zur Licoreria Nicky, einem Getränkemarkt mit angeschlossener Fleischerei in Los Teques. Ein Kilo Rindfleisch für 1,9 Millionen Bolivar? Marilú Becerra ist empört. "Wer soll das bezahlen?"

Der Besitzer des Laden hießt Flores, Vorname: Rommel, wie der deutsche Weltkriegsgeneral. Venezuelas Eltern sind bei der Namensvergabe recht bedenkenlos: Es gibt Menschen, die Stalin, Maolenin oder, nach der US-Kriegsmarine, Usnavy heißen.

Hier sterben die Leute an Hunger. Es ist nicht zum Aushalten
Marilú Becerra, Direktorin einer Grundschule

Rommel Flores verteidigt sich – er sei nicht schuld an der Preiserhöhung. Zum Beweis holt er eine Quittung des Lieferanten, der ihm an diesem Morgen das Rindfleisch gebracht hat. "Da steht’s: 1,4 Millionen pro Kilo!" Der Schlachthof gehöre der Regierung, also treibe auch die Regierung selbst die Preise nach oben. Er, Flores, habe zehn Angestellte, denen er ständig höhere Löhne bezahlen müsse. "Wie soll ich da günstiger verkaufen?"

Um die Folgen der Hyperinflation zu bekämpfen, lässt die Regierung inzwischen Lebensmittel und Konsumgüter zu verbilligten Preisen verkaufen oder gar umsonst verteilen. Für Hunderte Millionen Dollar importiert sie dafür Grundnahrungsmittel aus Kolumbien, Mexiko, Argentinien und Brasilien. Das solle den Mangel lindern, sagen die Chavisten – und loben sich selbst dafür, dass der Staat die Menschen in der Krise nicht alleinlasse. Andererseits entbrennt um jede Lieferung ein Kleinkrieg, denn die verbilligten oder gar kostenlosen Waren sind wie ein Lotteriegewinn für all jene, die kaum noch Geld haben.

An einem anderen Tag während meines Aufenthaltes drängeln und schubsen vor der Eingangstreppe zu einem Supermarkt in Caracas rund 500 Menschen. Eine Lieferung Mehl ist eingetroffen, der staatlich festgesetzte Verkaufspreis liegt bei 56.000 Bolivar für ein Kilo Harina P.A.N. – Maismehl, der Grundstoff der in Venezuela allgegenwärtigen Maisfladen. Die Leute kämpfen an der Eingangstreppe um die besten Plätze, oben steht ein Mann, bewacht von bewaffneten Soldaten der Nationalgarde, und spielt Schicksal: Er bestimmt per Fingerzeig, wer als Nächstes an der Reihe ist.

Rufe, Unruhe, Stress. "Warum nimmst du den dran, warum nicht mich?"

"Ich bin der Nächste in der Schlange!"

Vier Pakete pro Person sind erlaubt, die Leute stehen stundenlang an. Das Maismehl hilft nicht nur gegen den eigenen Hunger. Auf dem Schwarzmarkt kostet Harina P.A.N. sechsmal so viel wie hier. Die Leute auf der Treppe beschweren sich über die bachaqueros, die Schwarzmarkthändler, die – oft gemeinsam mit korrupten Militärs – die günstige Ware weiterverkaufen. In Wahrheit aber sind es längst nicht mehr nur Mafiabanden, die sich an diesem Geschäft beteiligen. Es sind Freunde, Kollegen, Nachbarn, dieselben ganz normalen Menschen, die mitunter auch zu Einbrechern werden. Sie wollen ja alle überleben.

Was in Venezuela in diesen Monaten stattfindet, ist ein täglicher Kampf, ein Kampf des Volkes gegen das Volk, ein Kampf, der Tote fordert. Vor der überfüllten Notaufnahme des Hospital Pérez Carreño in Caracas treffe ich einen ausgemergelten Mann mit Krücken, der hier seit anderthalb Monaten seinen Beinbruch kuriert. Mit sieben Kollegen eines Wachdienstes war er beauftragt, ein Lebensmittellager zu bewachen, als etwa 100 Menschen aus einer nahe gelegenen Siedlung das Lager stürmten und ausplünderten. Sie hatten Waffen dabei und erschossen zwei der Wachleute, der Mann im Krankenhaus ist lebend davongekommen. Es sind Vorkommnisse, die in Venezuela inzwischen so häufig sind, dass sie kaum noch eine Zeitungsmeldung wert sind. Ohnehin haben die meisten Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt. Papiermangel.

Die Chavisten haben ihre einzige Finanzquelle ruiniert

Marilú Becerra wohnt mit ihrer 21-jährigen Tochter und deren Baby in einem 35-Quadratmeter-Apartment einer Siedlung namens Alto Verde, "Grüne Höhe". Ein Dutzend schmucklose Wohnblocks hat die Regierung vor einem Jahrzehnt in die abgelegenen Hügel gepflanzt. Becerra hat eine der Wohnungen bekommen, weil ihr Haus in einem Außenbezirk von Caracas einsturzgefährdet war.

In ihrem Wohnzimmer steht seit Anfang Februar ein riesiger Kühlschrank, chinesisches Fabrikat. Die Regierung hat Becerra das überdimensionale Küchenmöbel zum Vorzugspreis von 300.000 Bolivar verkauft. Im Supermarkt gibt es für das Geld nicht mal ein Stück Käse. "Das haben sie allen Lehrern angeboten, wahrscheinlich weil Wahlen sind und sie uns milde stimmen wollen", sagt Becerra. "Ich brauch das Ding gar nicht, ich hab ja schon einen Kühlschrank."

Natürlich hat sie ihn trotzdem behalten. Wenn sie ihn teurer losschlägt, kann sie sich vielleicht eine neue Autobatterie leisten, falls die alte schlappmacht, oder einen neuen WC-Spülkasten, beim alten ist ja der Hebel abgebrochen. Oder zumindest genug zu essen für eine ganze Weile. Oder, oder, oder. Einstweilen lagert sie Eiswürfel im Gefrierfach des Monsterkühlschranks. Er steht im Wohnzimmer, brummt vor sich hin und blockiert die Sitzecke.

In einer anderen Wohnung, in einer Siedlung voller Sozialbauten aus den sechziger Jahren, treffe ich die Mitglieder der lokalen "Kampfeinheit Hugo Chávez". Klingt martialisch. Dabei zieht diese Gruppe nicht in den Krieg, sondern verteilt ehrenamtlich kostenlose staatliche Lebensmittellieferungen. 480 Wohnungen gilt es mit Essenskisten zu versorgen. Ständig klingeln Nachbarn an der Tür, um zu fragen, wann die nächste Lieferung kommt.

Oppositionelle werfen der Regierung vor, nur Familien zu beliefern, die sich zum Chavismus bekennen, und tatsächlich hat der zuständige Minister einmal gesagt, das Programm sei "auch ein Mittel zur sozialen und politischen Kontrolle". Die Mitglieder der Kampfeinheit, die mir an diesem Tag gegenübersitzen, beteuern, die politische Gesinnung spiele bei ihnen keine Rolle. "Der einzige Grund, jemandem keine Kiste zu geben, wäre, wenn er sagt: Ich will keine", verkündet eine 79-jährige hagere Afrovenezolanerin mit rotem Tuch um dem Kopf, die schon in den sechziger Jahren als Mitglied einer Guerillagruppe in Caracas für die Revolution kämpfte. "Von mir aus kannst du auf Maduro schimpfen – ich gebe dir die Kiste trotzdem."

Sie und ihre Mitstreiter sind geschult darin, über die Krise ihres Landes zu diskutieren. Für alles haben sie eine Erklärung, schuld sind meist die anderen: Der Lebensmittelmangel ist ein Sabotageakt der Kapitalisten, die Konzerne halten bewusst Produkte zurück, und hinter alldem stehen ausländische Mächte, vor allem die USA, die sich Venezuelas Bodenschätze unter den Nagel reißen wollen.

Die Regierung hat mir ein Studium ermöglicht. Ihr verdanke ich alles
Richard Croquer, Lehrer

Diese Denkfigur ist mir bekannt. Seit je geben hartgesottene Chavisten für alles, was im neuen Venezuela nicht funktioniert, den USA die Schuld, außerdem deren mutmaßlichen Schergen, der Opposition und den Großkapitalisten hier im Land. Auch auf der Pressekonferenz, bei der ich eine Frage stellen durfte, hat Präsident Maduro von einem Komplott gesprochen, "das in Miami geschmiedet wird". Die Stadt Miami ist das Synonym für reiche Venezolaner, die zum Feind übergelaufen sind.

Tatsächlich gingen Chávez’ Gegner in den ersten Jahren nach dessen Amtsantritt massiv gegen die neue Regierung vor. Im April 2002 gelang es einer Allianz aus Generalen, Geschäftsleuten, oppositionellen Medienunternehmen und Politikern, den Präsidenten für zwei Tage aus dem Amt zu putschen – mutmaßlich unterstützt vom damaligen US-Botschafter in Venezuela. Die aus dem US-amerikanischen Haushalt finanzierte Stiftung National Endowment for Democracy förderte die venezolanische Opposition in jener Zeit mit Millionensummen.

Unbestritten ist: Die amerikanische Regierung sieht es nicht gern, dass Sozialisten in einem Erdölland wie Venezuela an der Macht sind. Andererseits hätte sie ein ganz einfaches Mittel, die Chavisten von heute auf morgen in die Knie zu zwingen: Die USA müssten lediglich einen Einfuhrstopp für venezolanisches Erdöl verhängen. Unter Chávez ging der Großteil der venezolanischen Ölexporte in die Vereinigten Staaten – und so ist es noch heute. Notgedrungen, denn die weltweit einzigen Raffinerien, die in der Lage sind, das venezolanische Schweröl zu verarbeiten, stehen in den USA.

Auch wenn Maduro und seine Anhänger immer wieder von einer amerikanischen Wirtschaftsblockade sprechen: Einen solchen Einfuhrstopp gibt es nicht. Was es gibt, sind Sanktionen, die die US-Regierung schon unter Präsident Obama gegen Unternehmen verhängt hat, die Finanzgeschäfte mit Venezuela machen. So erschwert sie es der venezolanischen Regierung, neue Schulden auf den internationalen Finanzmärkten aufzunehmen.

Aber dass Venezuela überhaupt ständig neue Kredite braucht, liegt nicht an der US-Regierung, nicht an gierigen Kapitalisten oder gemeinen Spekulanten aus Miami. Es liegt an Venezuela selbst. Die Ursache der Krise ist in erster Linie der Niedergang der einheimischen Ölindustrie. Das Land muss sich verschulden und neu verschulden, weil die Einnahmen aus dem Verkauf des wichtigsten Rohstoffs nicht mehr ausreichen, die Staatsausgaben zu finanzieren.

Während meiner Recherchen höre ich oft, der seit Jahren niedrige Ölpreis habe das Land in Schwierigkeiten gebracht. Aber das stimmt nicht. Ein Fass venezolanisches Rohöl erzielt heute sogar rund 20 Dollar mehr als noch im Jahr 2004.

Der Unterschied ist nicht der Preis, sondern die Menge. Würde Venezuela heute noch so viel Öl fördern wie Mitte der nuller Jahre, hätte die Regierung genug Geld, um das, was sie Sozialismus nennt, zu finanzieren. Sie müsste keine Schulden machen und könnte sich dennoch soziale Wohltaten leisten.

Seit 2008 ist die Erdölproduktion permanent gesunken, in den vergangenen drei Jahren ist sie geradezu kollabiert. Inzwischen ist sie so niedrig wie zuletzt in den 1950er Jahren. Und das liegt nicht daran, dass es keine Nachfrage gäbe für Öl aus Venezuela.

Fehlende Investitionen für neue Ölbohrungen. Fehlende Instandhaltung bestehender Förderanlagen. Abwanderung von Fachkräften. Das sind die wahren Gründe für den Niedergang. Und die Folgen sind diese: Unfälle, Pannen, Missmanagement und Produktionsausfälle.

Und am Ende: sinkende Förderquoten.

Die Erkenntnis ist bitter. Die Chavisten haben ihre wichtigste, ihre einzige Finanzquelle ruiniert. Um dies dem darbenden Volk zu erklären, hat die Regierung Ende vergangenen Jahres – rechtzeitig vor der Präsidentschaftswahl – einen "Kampf gegen die Korruption" ausgerufen, in dessen Folge 67 Manager der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA verhaftet wurden. Auch vier ehemalige Ölminister werden der Bestechlichkeit beschuldigt. Immer wieder kann das Volk im Fernsehen den Generalstaatsanwalt sehen, wie er die neuesten angeblich skandalösen Auswüchse von Betrug und Unterschlagung vorträgt.

Von der Macht des Volkes ist nichts zu sehen

29. Dezember 2017, beste Sendezeit: "Wir möchten Ihnen einen neuen schrecklichen, ausgesprochen ernsten Fall präsentieren." Der ehemalige Erdölminister und PDVSA-Präsident Rafael Ramírez habe gemeinsam mit seinem Komplizen Bernard Mommer, einem in Deutschland geborenen Ölexperten, die venezolanische Nation um die unglaubliche Summe von 4,8 Milliarden Dollar betrogen. Die beiden hätten jahrelang Preisabsprachen zum Verkauf von staatlichem Erdöl getroffen.

Als ich von den Anschuldigungen gegen Mommer höre, horche ich auf. Ich kenne diesen Mann, ich habe ihn Ende 2005 für meine Chávez-Biografie interviewt. Damals hieß es überall: Wenn sich jemand in der Ölwirtschaft des Landes auskennt, dann dieser Deutsche.

Mommers Karriere ist erstaunlich. 1970 wanderte der heute 75-Jährige gemeinsam mit seiner damaligen Frau Dorothea Melcher nach Venezuela aus. Beide waren im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv gewesen, venezolanische Genossen hatten sie überzeugt, sich in Lateinamerika dem linken Guerillakampf anzuschließen. Statt des Gewehrs wählte Mommer die Waffe der Forschung: Für eine von ehemaligen Guerilleros gegründete Partei schrieb er ein dreibändiges Werk über die politische Ökonomie des Öls. Die zentrale Botschaft: Die Verbraucher in den Industrieländern und die internationalen Förderfirmen setzen alles daran, den Ölpreis möglichst niedrig zu halten. Die Leidtragenden sind die Eigentümer der Ölquellen, in diesem Fall die venezolanische Nation.

Viel später, im Jahr 2005, stieg Mommer zum stellvertretenden Erdölminister von Venezuela auf, ich habe noch seine Visitenkarte: "Dr. Bernard Mommer, Viceministro de Hidrocarburos". Und nun soll dieser Mann, dieser Experte und ehemalige Idealist, plötzlich korrupt sein, soll den staatlichen Erdölkonzern PDVSA um Milliarden betrogen haben?

Nach meiner Rückkehr aus Venezuela werde ich nach Wien fahren, wo Bernard Mommer heute wohnt, im 7. Bezirk. In Wien hat die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) ihren Sitz. Nach seiner Zeit als Vizeminister war Mommer mehrere Jahre lang Opec-Repräsentant von Venezuela. Heute leitet er eine Firma namens Energy and Petroleum Resources Services, ein Tochterunternehmen der PDVSA, das die Marktentwicklung im internationalen Erdölsektor analysiert.

Das heißt: Mommer steht weiterhin in Diensten des Staates, dessen Generalstaatsanwalt ihn des Milliardenbetrugs bezichtigt.

Mommers Deutsch klingt noch immer leicht schwäbisch. Er sagt, die Vorwürfe gegen ihn seien reine Staffage. Sie verletzen ihn, neu sind sie nicht. Schon in den vergangenen Jahren hat ihn der venezolanische Staat regelmäßig der Korruption beschuldigt. Irgendwann hat Mommer die Schriftstücke, in denen seine angeblichen Verfehlungen aufgeführt sind, rahmen lassen und in seinem Büro an die Wand gehängt. Offenbar geht es Regierung und Justiz eher darum, der Öffentlichkeit ein paar Schuldige für die große Krise des Landes zu präsentieren, als tatsächliche Missstände aufzuklären. Bernard Mommer, der Ausländer im fernen Wien, ist eine gute Figur für so ein Schauspiel.

Erdöl und Sozialismus, das passt nicht zusammen
Bernard Mommer, ehemaliger Vize-Erdölminister

Die Revolution des Hugo Chávez hat ihn nach oben getragen, dann hat man ihn auf Posten ohne politischen Einfluss versetzt, und jetzt sitzt er hier in seinem Büro und sagt, das Ende habe schon vor vielen Jahren begonnen, am 2. Dezember 2002.

Damals hatten die Angestellten des staatlichen Erdölkonzerns, unterstützt vom Management, einen zweieinhalbmonatigen Streik begonnen, der Venezuela an den Rand des Ruins brachte. Der Konzern, der den Präsidenten Chávez vehement ablehnte, wollte die Regierung zur Aufgabe zwingen. Doch Chávez überstand den Streik – und rächte sich später. Er entließ rund 18.000 Angestellte des Konzerns, fast die Hälfte der Belegschaft, unter ihnen viele hoch qualifizierte Fachkräfte. Mit den Spezialisten verlor der Konzern – und damit der Staat Venezuela – einen Großteil des Fachwissens, das in den Folgejahren nötig gewesen wäre. "Die Amerikaner konnten in Deutschland nach dem Krieg auch nicht alle Nazis entlassen. Sonst hätten sie keine Verwaltung aufbauen können", sagt Bernard Mommer heute.

Je länger er spricht, desto klarer wird mir der Widerspruch zwischen der sozialistischen Rhetorik des Chavismus und der kapitalistischen Realität seiner Haupteinnahmequelle. Sozialismus? Bernard Mommer, ein Mann, der mit Hegel-, Marx-, Lenin- und Mao-Zitaten um sich werfen kann, schüttelt den Kopf. "Erdöl und Sozialismus, das passt nicht zusammen."

Wäre es allein nach ihm gegangen, hätten die Chavisten damals Bündnisse mit den internationalen Ölkonzernen geschlossen und ihnen einen Teil der Einnahmen abgegeben, anstatt mit Enteignungen zu prahlen und internationale Unternehmen zu vergraulen, deren Technologien unersetzlich waren.

Mommer erklärt das Problem am Beispiel der sogenannten Upgrader – technischer Anlagen, die sandhaltiges venezolanisches Schweröl für den Transport und die Raffinierung aufbereiten. "Wir hatten nicht das Personal, das damit umgehen konnte. Ich habe alle gefragt: Glaubt ihr wirklich, dass wir die Servicefirmen, die das machen, verstaatlichen können? Beherrschen wir die Technik? Alle antworteten: Sí, sí, sí!" Und in Venezuela, sagt Mommer, "heißt dreimal 'Ja' Nein".

Vor Chávez, sagt Bernard Mommer, habe eine neoliberale Regierung dafür gesorgt, dass die Ölproduktion stieg und stieg, aber das Volk nichts von den Einnahmen abbekam. Unter Chávez war es genau andersherum: Er verteilte die Öleinnahmen im ganzen Land – aber seine Politik sorgte dafür, dass die Ölproduktion sank und sank.

Konnte Mommer nichts dagegen unternehmen?

Mommer hat vieles aus seiner Zeit im Machtzentrum des Chavismus zu berichten. Daraus wird deutlich: Der große Comandante, ein impulsiver, von einer willfährigen Entourage umgebener Alleinherrscher, machte schlicht das, was ihm in den Sinn kam. "Ich habe ihm widersprochen und argumentiert. Er hat mir den Mund verboten, und das war’s".

Anderthalb Jahre nach seiner Ernennung war Bernard Mommer nicht mehr Vize-Erdölminister. Wie es heute mit Venezuela weitergehen soll? Das wisse er auch nicht.

An einem meiner Tage in Venezuela stehen in Marilú Becerras Schule mehrere Hundert Kinder in Schuluniform in Zweierreihen vor der Baracke, in der das Mittagessen ausgegeben wird.

"He, Deutscher, sag was in deiner Sprache!", rufen sie mir zu.

Ich erzähle ihnen auf Deutsch, dass ich Journalist bin und was ich hier mache. Sie lachen sich kaputt.

Marilú Becerra hat monatelang dafür gekämpft, dass das Erziehungsministerium das Essen für die Kinder finanziert. Eine Kollegin von ihr fährt die Lebensmittel jeden Tag in ein verstecktes Lager, damit sie nicht gestohlen werden. Der morgendliche Maisfladen und das Mittagsgericht sind für viele Kinder die einzigen Mahlzeiten am Tag. "Ich hoffe, dass sie mir das nicht wieder wegnehmen, wenn Maduro die Wahl gewonnen hat", sagt Becerra.

Die Frauen, die in der Schule am Herd stehen, tragen den Titel "Köchinnen des Vaterlandes". Zu ihren Aufgaben gehört es, an "politischen Aktivitäten" teilzunehmen, wenn das gewünscht wird. An einem Freitagnachmittag Anfang Mai findet so eine Aktivität statt: eine Wahlkampfveranstaltung Nicolás Maduros in Propatria, einem Armenviertel im Westen von Caracas. Der Präsident wird sprechen, vorher spielt erst mal eine Salsa-Band.

Wenn Hugo Chávez in seinen ersten Jahren im Amt öffentlich auftrat, liefen Zehntausende, manchmal Hunderttausende begeisterte Menschen zusammen. An diesem Freitag kommen kaum 4.000, unter ihnen viele Staatsangestellte, Funktionäre und Mitglieder der chavistischen Kommunalorganisationen, wie die Köchinnen der Grundschule von Los Teques. Sie müssen kommen.

"Wo sind die Chavisten? Wo sind die Revolutionäre?", brüllt ein Animateur der spärlichen Menge entgegen. Die Angesprochenen reißen die Arme hoch. "Wo sind die Leute vom Erziehungsministerium? Und wo die von den Nachbarschaftsorganisationen? Kommt her, damit der Präsident einen herzlichen Empfang hat!" Eine vierköpfige Boygroup stürmt jetzt die Bühne. Die Jungs singen eine Latinpop-Schnulze auf den verstorbenen Comandante: "Chávez ist nicht gegangen / Chávez geht mit mir den Weg / Uh, ah, uh, ah / Chávez geht nicht / Uh, ah, uh, ah / Chávez macht weiter".

So weit ist es gekommen. Die Revolution ist nekrophil geworden.

Als mir vor anderthalb Jahrzehnten die Menschen in den Armenvierteln mit strahlenden Augen von ihrer Zukunft erzählten, war auch ich begeistert von dieser Idee, diesem Gedanken, der so simpel klingt – den Rohstoffreichtum eines Staates zu nutzen, um jenen zu einem besseren Leben zu verhelfen, die es am nötigsten haben.

Ich habe mich geirrt.

In den Reichenvierteln haben Bulldozer die Herrenhäuser des alten Geldes abgerissen, das nach Miami ausgewandert ist. Heute stehen dort monströse Stahltore, die den Weg zu riesenhaften Neubauvillen aus Beton versperren. Die Eigentümer sind Funktionäre, Generale und Günstlinge des Sozialismus für das 21. Jahrhundert. Sie sprechen noch immer von Volksmacht. Doch von der Macht des Volkes ist vor den Stahltoren nichts zu sehen.

Schon auf dem Weg zum Flughafen, wieder im klapprigen Kleinwagen mit Kleiderbügeln statt Türgriffen, stelle ich Marilú Becerra noch einmal die Fragen, denen sie während meines Aufenthaltes sanft ausgewichen ist.

Ist sie nicht enttäuscht und wütend, dass der Kampf um soziale Gerechtigkeit in dieser Katastrophe mündete?

"Klar", antwortet sie. "Wir haben für Chávez gekämpft, damit nicht das passiert, was wir in den Jahren davor gesehen hatten – dass die Leute vor Hunger sterben. Und jetzt geschieht es wieder."

Ist sie immer noch Chavistin?

"Ich weiß es nicht. Ich glaube an soziale Gerechtigkeit. Und ich bin auch für Sozialismus, theoretisch. Aber mit diesen Leuten kann man das nicht machen."

Sie erzählt von der entvölkerten Universität, an der sie nachmittags unterrichtet, es ist ihr zweiter Job, den sie braucht, weil sie als Schulleiterin nicht genug Geld verdient. In einem ihrer Kurse sind noch vier Studenten, in einem anderen ist es nur noch einer. "Vor mir sitzen weinende junge Menschen: 'Schauen Sie mich an, Profesora, ich hab 20 Kilo abgenommen, ich hab kein Geld, um zur Uni zu kommen, ich hab hungrige Kinder zu Hause, ich muss das Land verlassen.'"

Während wir an den vom Smog der Großstadt geschwärzten Hochhäusern vorbeifahren, bricht Marilú Becerra in Tränen aus. "Jedes Mal, wenn ich ein Kind sehe, das nichts zu essen hat, bringt mich das um. Und ich denke: Was kann ich bloß machen, damit dieses Kind etwas zu essen bekommt?"

Ich sage: "Du tust ja schon so viel, um die Situation erträglicher zu machen. Was passiert, wenn auch du noch das Land verlässt?

"No sé", antwortet sie. "Ich weiß es nicht."