Wie ein Heilsversprechen kündigte Hannes Ametsreiter vergangene Woche den neuesten Deal seines Unternehmens an: "Gut für den Verbraucher, gut für den Wettbewerb und gut für Deutschland", sagte der Chef von Vodafone Deutschland in einer Videobotschaft.

Er sprach von dem wohl größten Geschäft im europäischen Telekommunikationsmarkt der vergangenen Jahre. Für 18,4 Milliarden Euro übernimmt Vodafone den Kabelanbieter Unitymedia und weitere Kabelnetze in Osteuropa vom Unitymedia-Mutterkonzern Liberty Global. Bislang fehlten dem Anbieter Netze in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg. Dort war bislang Unitymedia aktiv. Mit der Übernahme erlangt Vodafone in Deutschland nun ein bundesweites Kabelnetz.

Gemeinsam erreichen Vodafone und Unitymedia bislang nach eigenen Angaben rund 31 Millionen Mobiltelefonkunden, sieben Millionen Breitband- und 14 Millionen Fernsehkunden. Das alles gehörte dann zu Vodafone. Nach dem Zusammenschluss wären das Unternehmen und die Telekom die beiden einzigen Anbieter in Deutschland, die bundesweit Internet, Telefonie und Mobilfunk über eine eigene Infrastruktur anbieten können.

"Gut", wie Ametsreiter es formuliert, ist dieser Deal daher sicher – für Vodafone. Aber stimmt, was der Deutschlandchef sonst behauptet? Nützt der Deal auch den Verbrauchern? Was besonders viele Menschen auf dem Land interessiert: Kommt nun das schnelle Internet auch zu ihnen? Und könnten durch den Deal vielleicht sogar die Preise sinken?

Vodafone verspricht in jedem Fall Großes. Das Internet soll deutlich schneller werden als das des Rivalen Telekom, der mit Kupferkabeln arbeitet. Vodafone will die Kabelnetze bis 2022 zu Gigabit-Netzen aufrüsten. Mit seinen hochgerüsteten Kabelnetzen und zusätzlichem Glasfaserausbau wolle das Unternehmen das schnelle Internet auch aufs Land bringen.

Diese Pläne hätten jedoch mit der geplanten Übernahme nichts zu tun, sagt Torsten Gerpott, Telekommunikationsforscher an der Universität Duisburg-Essen. Tatsächlich hatte das Unternehmen bereits im vergangenen Herbst seine "Gigabit-Offensive" angekündigt. Ebenso hatte Unitymedia bereits für 2018 die Umstellung auf den Übertragungsstandard DOCSIS 3.1 versprochen, mit dem Geschwindigkeiten von einem Gigabit pro Sekunde erreicht werden können. Das Gigabit-Kabelnetz war also ohnehin geplant und kommt nicht früher als erwartet, sagt Gerpott. Die Aufrüstung der Kabelnetze mit der geplanten Fusion in Verbindung zu bringen ist laut Gerpott daher "reine Augenwischerei". Der einzige Unterschied sei, dass es künftig eben nur noch einen dominanten Kabelnetzanbieter geben werde: Vodafone.

Auch für die Menschen, die in ländlichen Regionen wohnen, sei keine große Verbesserung zu erwarten, schätzt Telekommunikationsexperte Gerpott. Vodafone schreibe schließlich selbst, man wolle zwei Drittel aller Deutschen mit Gigabit-Geschwindigkeiten versorgen. Da bleibe noch ein Drittel übrig. "Genau wie die Telekom wird auch Vodafone auf dem Land nur sporadisch investieren", glaubt Gerpott.

Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die geplante Übernahme von Unitymedia dafür sorgt, dass sämtliche deutsche Haushalte ans schnelle Internet angeschlossen werden.

"Wer jetzt jubelt, dass Verbraucher von der Übernahme profitieren, denkt sehr kurzfristig", sagt Wolfgang Heer, Geschäftsführer des Bundesverbands Glasfaseranschluss, zu dem die regionalen Telekommunikationsdienstleister NetCologne und M-net gehören. Er fürchtet, dass sich die Deutschen mit dem schnelleren Kabelnetz zufriedengeben und der Ausbau der Zukunftstechnologie Glasfaser ins Stocken geraten könnte. Heer sieht in dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen außerdem die Entstehung eines bundesweiten Kabelmonopols.

Die Bundesnetzagentur prüft derzeit, ob das Kabel in manchen Regionen eine marktmächtige Position erlangt hat – und ob sie die Kabelbetreiber deshalb zwingen muss, Teile ihres Netzes an Wettbewerber zu vermieten, genau so, wie die Telekom einst ihr Kupfernetz für die Konkurrenz öffnen musste. Auch eine Kontrolle der Zugangspreise in bestimmten Regionen sei denkbar.

Davon unabhängig, müssen die Kartellbehörden dem Zusammenschluss von Vodafone und Unitymedia noch zustimmen. Die Unternehmen rechnen nicht vor Mitte 2019 mit einer Entscheidung. Doch bereits jetzt äußern sich Experten wie der Wettbewerbsökonom Justus Haucap im manager magazin zuversichtlich, dass einer Fusion aus kartellrechtlichen Gründen nichts im Wege stehe, da die beiden Unternehmen bislang in unterschiedlichen Regionen aktiv waren, also nicht um die gleichen Kunden konkurriert haben.

Tatsächlich könnte der Deal den Wettbewerb sogar verbessern. Immerhin würde es erstmals einen wirklich vergleichbaren bundesweiten Konkurrenten zur Telekom geben. Der Deutsche Landkreistag erhofft sich davon einen erhöhten Druck auf die Telekom, den Glasfaserausbau voranzutreiben. "Der Wettbewerb ist der entscheidende Treiber für den Breitbandausbau", sagt Reinhard Sager, Präsident des kommunalen Spitzenverbands.

Verbraucherschützer hoffen außerdem, dass Vodafone die Telekom durch günstigere Angebote herausfordert. In diesem Fall würden die Preise zumindest kurzfristig sinken. Kritiker wie Telekommunikationsforscher Gerpott glauben hingegen, dass sich die beiden großen Player Telekom und Vodafone den Markt langfristig einfach untereinander aufteilen werden. Dann würden die Preise sogar steigen.