Dienstag in Ostjerusalem. Gestern hat Ivanka Trump die US-Botschaft in Jerusalem eröffnet. Zur gleichen Zeit starben an der Grenze zum Gazastreifen etwa 60 Menschen durch die Schüsse israelischer Soldaten, mehr als 2.000 wurden verletzt. Während Tausende in Gaza die Toten zu Grabe tragen, herrscht im palästinensisch dominierten Ostjerusalem Stille. Die Führung der Autonomiebehörde hat einen Generalstreik verordnet, als Zeichen der Trauer, die Geschäfte sind verrammelt.

Baschar Asseh hat seine vielen Treffen an diesem Tag deshalb in die Lobby eines Hotels verlegt, Touristen bestreikt hier niemand. Asseh, mit Hornbrille und buntem Einstecktuch, gehört zum Planungsstab der Palästinensischen Befreiungsorganisation, mit seinen 38 Jahren ist er einer der Jüngeren. Ein Politiker wie Asseh könnte eine Führungsfigur sein. Stattdessen sitzt er an einem Tisch in der hintersten Ecke und redet mit gedämpfter Stimme auf drei ältere Herren ein. Sie sind Vertreter der regierenden Fatah-Partei, mit denen er beratschlagt, was sie in Jerusalem noch tun könnten, um der Welt zu zeigen, dass sie Trump und die Besatzung ablehnen. Außer einer Kundgebung für den Abend sei ihnen nichts eingefallen, sagt er später.

"Unsere Führung steckt in einer Sackgasse", sagt Asseh. Die USA hätten mit ihrer Politik alle Wege verbaut. Aber Proteste mit Toten wie in Gaza wolle man auch nicht.

Also trifft Asseh, während in Gaza wieder protestiert wird, europäische Diplomaten an seinem Ecktisch. "Wir wissen, dass die Europäer schwach und gespalten sind. Nie würden sie ihre Armeen schicken, sie haben ja nicht mal eine gemeinsame Resolution gegen die Verlegung der amerikanischen Botschaft zustande bekommen. Aber sie zahlen unsere Rechnungen." Damit, immerhin, sorge die Europäische Union dafür, dass nicht alles im Chaos versinke. "Wir wissen, dass Europa unsere Sache jetzt nicht nach vorn bringen kann. Aber es geht ja längst darum, dass sich nicht die gesamte Ordnung und alle Prinzipien in Luft auflösen." Dann muss Asseh das Gespräch abbrechen, der Abgesandte der französischen Vertretung ist da.

Gemäßigte Politiker wie Asseh, die einen palästinensischen Staat auf dem Verhandlungsweg erreichen wollen, sind in diesen Tagen an einem Nullpunkt angekommen. In der jüngsten Zuspitzung des Nahostkonflikts zeigt sich eine allgemeine Tendenz der Weltpolitik: Die moderaten Kräfte werden verschlissen, die Extremisten sind auf dem Vormarsch. In Gaza und in Jerusalem, aber eben auch in Washington.

Die Enthemmung der Akteure, die daraus resultierende Entsicherung der Politik, der drohende Kontrollverlust – auch das haben das palästinenische und das iranische Problem miteinander gemein.

Am Dienstagnachmittag, als die Toten in Gaza gerade beerdigt werden, trifft Heiko Maas in Brüssel ein. Der deutsche Außenminister hat in den vergangenen Wochen keine Gelegenheit ausgelassen, besondere Nähe zu Israel zu demonstrieren, aber zur feierlichen Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem ist er nicht gekommen. Stattdessen trifft er zusammen mit seinem französischen und britischen Kollegen auf einen Vertreter des Iran, jenes Landes also, das Amerikaner und Israelis als Todfeind betrachten. Maas und seine Kollegen wollen dem iranischen Außenminister Mohammed Dschawad Sarif ein Angebot machen, um den Iran-Deal zu bewahren.

Mit seinen Entscheidungen, die US-Botschaft von Tel-Aviv nach Jerusalem zu verlegen und das Atomabkommen mit dem Iran zu brechen, hat der amerikanische Präsident gleich zwei schwelende Konflikte im Nahen Osten neu entfacht. Von ihrem mächtigsten Verbündeten alleingelassen, müssen die Europäer nun einen eigenen Weg in einer Welt ungewisser Allianzen und multipler, sich durchkreuzender Konflikte finden. Deutschland, das wird dieser Tage klar, bewegt sich immer öfter nicht mehr in einem politischen Lager, sondern in Koalitionen, die je nach Anlass wechseln, einander zuweilen überlagern und manchmal in Widerspruch zueinander stehen.

Die beunruhigende neue Lage sieht aus deutscher Sicht kurz gefasst so aus:

Mit den USA gegen Russland wegen der Ukraine. Mit Russland gegen die USA wegen des Iran. Mit China gegen die USA wegen des Klimas. Mit Russland und den USA für ein neues Syrien. Mit den anderen Europäern gegen die neue amerikanisch-israelische Nahostpolitik, aber auch ein bisschen gegen zu viel französische Kritik an Israel.