Die USA agieren zusehends nicht mehr als Freund und Partner, sondern als Rivale und Gegner. Sie zündeln in Europas nahöstlicher Nachbarschaft, sie drohen deutschen Unternehmen mit Strafzöllen, sie torpedieren die Klimapolitik. Die deutsche Regierung steht nun vor der Aufgabe, eine Politik zu formulieren und auch durchzusetzen, die sich vom wichtigsten Bündnispartner unabhängiger macht. Wesentliche Interessen deutscher und europäischer Politik müssen einstweilen gegen die USA behauptet werden.

Geht das überhaupt? Und was darf das kosten? In Brüssel, Washington, Kiew und Moskau sind deutsche Politiker und Manager dieser Tage dabei, die Spielräume auszuloten.

Lauter schwierige Partner

Moskau, Montagnachmittag. Wirtschaftsminister Peter Altmaier steht noch keine Minute auf dem Roten Platz, da erscheinen uniformierte Sicherheitsbeamte und wollen Papiere sehen. Ob es für die Versammlung eine Erlaubnis gebe, fragen sie. In diesem Moment entdeckt ein deutscher Kinderchor den Minister und beginnt ihm zu Ehren mit einem Ständchen. Die Polizisten schreiten ein. Spontane Kinderlieder sind auf Moskaus berühmtestem Platz nicht erlaubt. Altmaier bleibt gelassen: "Dann eben schnell ein Foto." Der Minister lächelt. Das tut er erstaunlich oft in diesen Tagen.

Altmaier ist Anfang dieser Woche nach Kiew und Moskau gereist. Offiziell, um den Ärger über Nord Stream 2 aus der Welt zu schaffen, eine Gaspipeline, die es noch gar nicht gibt. In Wahrheit aber geht es ihm darum, Deutschlands Rolle in einer immer chaotischeren Welt politisch und wirtschaftlich neu zu justieren. Was geht künftig noch mit Russland? Wie viel Kooperation ist möglich? Wie viel Prinzipienfestigkeit will Deutschland sich leisten – und wie viel Geschäft? Das sind die Fragen, auf die der deutsche Wirtschaftsminister eine Antwort sucht.

Seine wichtigste Methode: reden. Deswegen ist er direkt nach seinem Amtsantritt nach Washington geflogen, deswegen jetzt die Reise in den Osten. Altmaiers Botschaft: Mit gutem Willen ließen sich Win-win-Situationen schaffen. Reagierte man auf Provokationen mit Gegendruck, wäre das hingegen nicht möglich.

Man kann diese Herangehensweise als Schwäche auslegen. Wem keine anderen Instrumente zur Verfügung stehen, dem bleibt nichts weiter übrig, als zu reden. Altmaier hält dieses Vorgehen jedoch für vorausschauende Klugheit. Es gehe ihm darum, dass Deutschland überhaupt politikfähig bleibe in einer Nachbarschaft voller Konflikte.

Darum setzt er sich dafür ein, dass russisches Gas weiterhin durch die Ukraine fließt, auch wenn mit Nord Stream 2 einmal ein kürzerer Weg durch die Ostsee erschlossen sein sollte. Die Ukraine braucht die rund zwei Milliarden Euro Transitgebühren, die sie für die Durchleitung des russischen Gases bekommt, und das Gefühl, auch künftig sicher mit Energie versorgt zu werden.

Altmaier vermittelt zwischen Ukrainern und Russen, weil es im deutschen Interesse ist, dass es im Osten Europas friedlich bleibt. Deswegen stoppt er auf dem Weg nach Moskau in Kiew, um dem ukrainischen Ministerpräsidenten Wolodymyr Hrojsman politische Unterstützung zu versprechen. Deswegen lockt er den russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew mit wirtschaftlicher Kooperation. Und deswegen hält er auf dem Rückweg ein zweites Mal in Kiew, obwohl er dort auch anrufen könnte. Altmaier ist überzeugt: Deutschland sollte schon den Anschein vermeiden, dass es wieder allein mit Russland über die Interessen der dazwischenliegenden Staaten verhandelt.