Beispiel China: Deutschland muss mit Peking für das Pariser Klimaabkommen eintreten und gegen Trumps Handelskriege; es muss China ermutigen, die amerikanischen Sanktionen gegen den Iran zu unterlaufen (und weiter Öl von Teheran abzunehmen). Zugleich muss Deutschland in Europa eine einheitliche Front gegen Chinas Versuche aufbauen, durch Übernahme wertvoller Marken und dreisten Ideenklau Deutschlands Wohlstand zu untergraben.

Beispiel USA: Deutschland muss sich vom globalen Konfrontationskurs der Trump-Regierung distanzieren, dessen Schaden begrenzen und Trumps Führungsanspruch zurückweisen. Und doch muss die deutsche Regierung mehr denn je mit jenen in den USA kooperieren, die westliche Werte verteidigen und die unsere handelspolitischen und klimapolitischen Vorstellungen teilen (im Kongress, in den Bundesstaaten, in Nichtregierungsorganisationen).

Die deutsche Außenpolitik braucht heute in einem nie gekannten Maß, was Psychologen "Ambiguitätstoleranz" nennen. In den Worten des amerikanischen Romanciers F. Scott Fitzgerald gilt es, "imstande zu sein, gleichzeitig zwei einander diametral entgegengesetzte Gedanken im Kopf zu haben und trotzdem funktionsfähig zu bleiben".

Wie souverän ist ein Exportweltmeister?

Ob Deutschland und damit die EU im Fall des Iran-Deals überhaupt handlungsfähig sind, ist keine rein politische Frage. Sie entscheidet sich insbesondere daran, ob die deutsche Wirtschaft dem amerikanischen Sanktionsdruck widerstehen könnte.

Seit Trump am vergangenen Dienstag in Washington das Atomabkommen brach, klingelt bei Klaus Friedrich in Frankfurt praktisch ununterbrochen das Telefon. Konzernchefs aus ganz Deutschland rufen ihn an, sie wollen wissen, wie es weitergeht mit dem Iran und den Sanktionen. Friedrich ist der Außenwirtschaftsbeauftragte beim Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus und damit eine Schlüsselfigur in dieser Auseinandersetzung. Zu seinem Verband gehören 3200 Mitgliedsunternehmen mit über einer Million Beschäftigten.

Aus iranischer Sicht sind Maschinen aus Deutschland so etwas wie das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Das Land braucht dringend ausländische Investitionen, um die nach jahrelangen Sanktionen daniederliegende Wirtschaft zu modernisieren und die Lebensverhältnisse seiner Bürger zu verbessern. Die deutschen Hersteller haben die passenden Produkte dafür im Angebot: Verpackungsanlagen, Generatoren, Metallfräsen. Im vergangenen Jahr sind die deutschen Maschinenexporte in den Iran um gut 21 Prozent gestiegen. Als er noch Wirtschaftsminister war, ist Sigmar Gabriel (SPD) mit einer ganzen Delegation von Konzernvertretern nach Teheran gereist. Auch Alexander Dobrindt von der CSU, damals Verkehrsminister, war in der vergangenen Legislaturperiode dort zu Besuch.

Für die moderateren Kräfte um Präsident Hassan Ruhani ist die Aussicht auf ausländisches Kapital und Know-how entscheidend, um den religiösen Scharfmachern im eigenen Land etwas entgegensetzen zu können. Ruhani hofft darauf, dass die Iraner seinen Öffnungskurs unterstützen, wenn sie spüren, dass sich dieser für sie auszahlt. Deshalb ist es für ihn so wichtig, dass die Handelsbeziehungen nicht unterbrochen werden. Der Iran hat die Europäer bereits aufgefordert, entsprechende Garantien zu geben, sogar eine Entschädigung für die von den USA verursachten Verluste wird verlangt. Die wird es nicht geben, aber wenn die Bundesregierung das Abkommen mit dem Iran retten will, muss sie dafür sorgen, dass die iranische Wirtschaft nicht kollabiert. Anders gesagt: Die Maschinen von Klaus Friedrich haben eine weltpolitische Funktion.

Nur: Wie souverän ist der Exportweltmeister Deutschland eigentlich?

Die Frage stellt sich, weil das amerikanische Sanktionswesen keine Rücksicht auf nationale Befindlichkeiten nimmt. Die Regierung in Washington hat nicht nur alle amerikanischen, sondern auch alle ausländischen Unternehmen aufgefordert, ihre Geschäftsbeziehungen mit dem Iran zu beenden. Wer sich nicht daran hält, könnte den Zugang zum amerikanischen Markt verlieren, und das kann sich kaum ein Großkonzern leisten. Immerhin sind die USA für die deutsche Wirtschaft der wichtigste ausländische Absatzmarkt – und schon der Verdacht auf einen Verstoß gegen die Sanktionen kann zu teuren Rechtsstreitigkeiten führen.